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Abschuss über der Ukraine: Ein Trümmerteil von Flug MH17 Foto: AFP/Bulent Klilic
© AFP/Bulent Klilic

Update Abschuss von Flug MH17 in der Ostukraine Prozess gegen vier Angeklagte beginnt in den Niederlanden

Fast 300 Menschen starben im Juli 2014 beim Abschuss von Flug MH17 über dem Osten der Ukraine. Angeklagt sind nun drei Russen und ein Ukrainer.

Es war ein einziger Schuss, der am 17. Juli 2014 das Leben von 298 Menschen auslöschte. Die Männer, Frauen und Kinder saßen an Bord des Fluges MH17 der Malaysian Airlines und waren auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur.

Drei Stunden nach dem Start war die Boeing in 11.000 Metern Höhe über dem Osten der Ukraine in ein Kriegsgebiet eingeflogen, so wie auch 160 weitere Maschinen an diesem Tag. Die Region wurde und wird von Separatisten gehalten, die sich mit Gewalt und massiver militärischer Unterstützung Russlands von Kiew abspalten wollen. Zwei niedrig fliegende ukrainische Aufklärungsmaschinen waren in den beiden Tagen vor diesem 17. Juli 2014 bereits abgeschossen worden. Nun traf es Flug MH17.

Sechs Jahre lang hat ein Team von 350 Experten aus fünf Ländern, das Joint Investigative Team (JIT), die Umstände dieser Katastrophe untersucht.

Nach jahrelangen Ermittlungen beginnt nun am Montag in Badhoevedorp bei Amsterdam der Strafprozess um den Abschuss von MH17. Er wird mit Spannung erwartet, denn Angehörige fordern seit fast sechs Jahren Antworten sowie Aufklärung des schrecklichen Ereignisses. Sie wollen wissen, wer für den Abschuss verantwortlich war.

Angeklagt sind drei Russen und ein Ukrainer. Sie müssen sich wegen 298-fachen Mordes verantworten. Die prorussischen Rebellen müssen aber keine Auslieferung von Russland befürchten - deshalb wird der Prozess aller Wahrscheinlichkeit nach in ihrer Abwesenheit über die Bühne gehen.

Schon im vergangenen Juni hatte die niederländische Generalstaatsanwaltschaft Anklage erhoben. Sergej Dubinski war der Geheimdienstchef der Separatisten in der Ost-Ukraine, sagen die Ankläger. Oleg Pulatow und Leonid Chartschenko seien an der Lieferung des Raketensystems beteiligt gewesen. Der wichtigste Angeklagte aber ist Igor Girkin, Kampfname „Strelkow“ („der Schütze“) – ein russischer Geheimdienstoberst, angeblich im Ruhestand, der die Separatisten-Milizen damals kommandierte und der heute wieder in Russland lebt.

„Wir wollen die Wahrheit“: Protest der Angehörigen der Opfer von Flug MH17 Foto: Reuters/Piroschka van de Wouw Vergrößern
„Wir wollen die Wahrheit“: Protest der Angehörigen der Opfer von Flug MH17 © Reuters/Piroschka van de Wouw

Verdacht gegen eine russische Raketeneinheit

Was von der Boeing 777 übrig blieb, befindet sich seit sechs Jahren in einem Hangar in den Niederlanden. Es sind rund 8000 Fragmente, nach deren Untersuchung die Experten glauben, die Abläufe rekonstruieren zu können. Demnach sei MH17 von mindestens 800 Schrapnellkugeln getroffen worden. Am dichtesten waren die Einschläge am Cockpit. Etwa anderthalb Minuten nach den Einschlägen am Bug sei das ganze Flugzeug explodiert. Die Vermutung, es sei eine Luftabwehrrakete eingesetzt worden, galt von Beginn an als die wahrscheinlichste Variante. Dennoch seien verschiedene Szenarien durchgespielt worden, wird JIT-Ermittler Andy Kraag später immer wieder versichern.

Rasch blieb nur das Abschuss-Szenario übrig. Das lag auch an einem Umstand, der vorher noch nie eine Rolle gespielt hatte. In die Ermittlungen schalteten sich unabhängige Online-Experten ein, die alle offenen Quellen im weltweiten Netz sammelten und in Beziehung zueinander setzten. Kurz vorher hatte der britische Blogger Eliot Higgins diese Gruppe von Online-Detektiven gegründet und sie „Bellingcat“ genannt. Sie fanden Videos, die einen Raketenabschuss in der Region zeigen. Schritt für Schritt rekonstruierte „Bellingcat“ den Weg genau dieser Rakete, mit der MH17 mutmaßlich abgeschossen wurde. Er führt in das russische Kursk, wo die 53. Luftabwehrbrigade der russischen Armee stationiert ist. Eine Einheit dieser Brigade steht seither unter Verdacht, die Boeing abgeschossen zu haben.

Diese Anschuldigung bestreitet Russland vehement. Zahllose alternative Versionen hat Moskau seither ins Spiel gebracht. Dass sie einander fundamental widersprechen, stört dabei wenig. Das Ziel der russischen Veröffentlichungen besteht allein darin, die Glaubwürdigkeit der Positionen der JIT-Ermittler zu erschüttern.

Die Erkenntnisse von „Bellingcat“ seien wichtig für den Prozess, bestätigt die niederländische Generalstaatsanwaltschaft. Doch sie seien keineswegs die einzige Säule, auf die sich die Anklage stütze. Eine weitere seien die Spuren einer russischen Luftabwehrrakete vom Typ Buk Talar, die eindeutig identifiziert werden konnten. Hinzu kommt die Auswertung der Kommunikation der Separatisten, mehrere Hundert Gespräche. „Wir haben gerade ein Flugzeug abgeschossen“, sagt da einer der Separatisten, bevor er den katastrophalen Fehler erkennt.

Es gibt einen Augenzeugen

Chefankläger Fred Westerbake gab Anfang des Jahres zudem bekannt, er werde mindestens einen Augenzeugen präsentieren. Vermutet wird jetzt, dass es sich um einen Dorfbewohner aus der Abschussregion handeln könnte, doch Westerbake hält sich bedeckt. Es sei eine weitere Schicht der Beweisführung, sagte er lediglich. Fest steht, dass einer, der die Vorgänge genau kennen muss, weder als Zeuge noch als Beschuldigter in diesem Prozess auftauchen wird.

Wladimir Zemach kommandierte im Sommer 2014 die Raketenabwehr der Separatisten. Der ukrainische Geheimdienst hatte ihn 2019 aus der Ost- Ukraine entführt und in Kiew in Haft genommen. Doch im vergangenen Herbst wurde er an Russland ausgeliefert. Der Kreml hatte das zur Bedingung für einen großen Gefangenenaustausch gemacht, und Kiew erfüllte die Forderung zum Entsetzen der Ermittler.

Drei niederländische Richter werden am Ende des Verfahrens entscheiden müssen, ob die Beweisführung der Staatsanwaltschaft stichhaltig ist.

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