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Die Briten haben wieder gut lachen - eine Kundin in einem Straßenpub. Foto: Lindsey Parnaby / AFP
© Lindsey Parnaby / AFP

80 Prozent der Vakzine sind importiert London feiert und trinkt, dank Impfstoffen aus der EU

Francesco Schneider-Eicke

EU-Länder stecken im Lockdown fest, jenseits des Ärmelkanals wird gefeiert. Allerdings wären die Lockerungen ohne die Vakzin-Exporte aus der EU nicht möglich.

Es ist ein Moment, der einmal zu normal gewesen wäre, um davon zu berichten: Die Briten versammeln sich in großer Zahl abends zum Biertrinken. In Pubs. Während die meisten Menschen in Europa seit inzwischen mehr als einem Jahr nur sehnsüchtig davon träumen können, werden seit Montag auf der anderen Seite des Ärmelkanals die Tassen gehoben.

Grund anzustoßen gibt es genug: Mit Israel ist England unter den ersten Staaten, der seine Bevölkerung jetzt schon weit genug impfen konnte, um das öffentliche Leben zu großen Teilen wieder hochfahren zu können. Geholfen, die Zahlen zu drücken, hat auch ein strenger Lockdown; der Montag beendet wurde.

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Biergärten, Geschäfte und Sportstudios sind seit Anfang der Woche wieder offen. Schritt für Schritt sollen die Einschränkungen in den nächsten Wochen komplett aufgehoben werden. Nicht mit anstoßen kann die EU – obwohl sie maßgeblich zu diesem Erfolg beigetragen hat.

Folgt man einer Umfrage des britischen Nachrichtenportals Bloomberg, ist die Beliebtheit der EU unter Brit:innen sogar gesunken. Fast zwei Drittel der Bevölkerung sind der Meinung, der Brexit habe den Impferfolg vorangetrieben, und 67 Prozent stimmen der Aussage zu, die EU habe sich in der Impfstoffverteilung Großbritannien gegenüber feindselig verhalten.

80 Prozent der verimpften Dosen sind importiert

Würde heute abgestimmt werden, würden 2 Prozent mehr als 2016 nochmals für einen EU-Austritt stimmen. Für Boris Johnson, der sein erstes Bier im Pub aufgrund des Todes von Prinz Philip vertagt hat, sind diese Ergebnisse ein Grund mehr zum Feiern.

Junge Menschen feiern die neue gewonnene Freiheit in London. Foto: REUTERS/Hannah Mckay Vergrößern
Junge Menschen feiern die neue gewonnene Freiheit in London. © REUTERS/Hannah Mckay

Hat Großbritannien also einfach besser gespielt und geschafft, was der EU nicht gelungen ist? Obwohl diese Analyse naheliegt, wäre eine solche Selbstgefälligkeit verklärt.

„80 Prozent der Impfungen in Großbritannien, also 26 der 32 Millionen, sind Importe. Davon kamen 5 Millionen aus Indien und 21 Millionen, also zwei Drittel, aus der EU“ schrieb Gareth Davies, Professor für Europarecht an der Vrije Universität Amsterdam, kürzlich in einer Analyse für die Onlineplattform "The Conversation".

Anders gesagt: Großbritannien hätte nur zehn bis 18 Prozent seiner Bevölkerung impfen können, wenn es nur die eigene Impfstoff-Produktion zur Verfügung gehabt hätte. Das ist ungefähr der Wert, den viele EU-Länder erreicht haben.

Straßenszene in Soho, London. Foto: imago images/PA Images Vergrößern
Straßenszene in Soho, London. © imago images/PA Images

Während die EU fast die Hälfte seiner Impfstoffproduktion exportiert, bleiben die Impfdosen, die in Großbritannien produziert werden, auch in Großbritannien. Als es vor wenigen Wochen zum ersten und bisher einzigen Mal dazu kam, dass in der EU eine Ausfuhr von Impfstoff unterbunden wurde, war der Aufschrei groß.

Doch wie kam es zu diesem Export-Ungleichgewicht?

Großbritannien hat anders verhandelt

Hierfür lohnt sich ein Blick in die Verträge, die die Abnehmer mit den Impfstoffproduzenten, allen voran AstraZeneca, abgeschlossen haben. „Europäische Handelspartner neigen dazu, Verträge als Mittel zu sehen, Vertrauen und langfristige Beziehungen aufzubauen. Im angloamerikanischen Raum hingegen sollen sie vermeiden, dass Vertrauen überhaupt benötigt wird“, sagt Davies.

Die Folge ist, dass der Vertrag, den die EU mit Astrazeneca abgeschlossen hat, laut Davies mehr Interpretationsspielraum lässt, wo der mit Großbritannien expliziter ist. AstraZeneca zum Beispiel drohen hohe Strafen, falls das Unternehmen die Bestellungen des Vereinigten Königreichs nicht liefert. Bei Produktionsengpässen müssen nach dem Vertrag alle Lieferungen an andere Kundinnen (also z.B. die EU) umgeleitet werden, um Großbritanniens Anspruch zu erfüllen.

Ein Mann genießt ein Bier in einem Pub in London. Seit Montag haben Gastronomiebetriebe wieder geöffnet. Foto: imago images/Howard Jones Vergrößern
Ein Mann genießt ein Bier in einem Pub in London. Seit Montag haben Gastronomiebetriebe wieder geöffnet. © imago images/Howard Jones

Die EU hingegen gehe davon aus, dass bei Produktionsengpässen jeder Vertragspartner proportional weniger Impfstoff erhielte, analysiert Davies. Falls dies nicht eingehalten werde, werde auch nicht gezahlt – ansonsten habe das Pharmaunternehmen aber wenig zu befürchten, erklärt der Jurist weiter. Während die Bestellungen Großbritanniens also so gut es geht geliefert werden, wartet die EU.

USA und Deutschland Vorreiter bei Impfstoff-Forschung

Allerdings ist auch zu beachten, dass der britische Staat und damit die Steuerzahlenden viel Geld in die Universität Oxford und die Forschung und Entwicklung des Impfstoffs gesteckt haben. Damit sind sie allerdings nicht allein.

Im internationalen Vergleich liegt Großbritannien laut einer Aufstellung des Zentrums für Globale Gesundheit am Hochschulinstitut für internationale Studien und Entwicklung in Genf mit Ausgaben von 500 Millionen US-Dollar für die Impfstoffentwicklung auf Platz drei.

Für fast die Hälfte der gesamten Ausgaben für Impfstoffentwicklung kommen zwei andere Staaten auf.  Platz eins belegen die USA mit fast 2,2 Milliarden US-Dollar, Platz zwei mit 1,5 Milliarden US-Dollar: Deutschland.  

Dennoch exportiert Europa, und damit Deutschland, fleißig. Großbritannien - wie die USA - hingegen setzt darauf, sich selbst zuerst zu helfen. Zwar hat Boris Johnson Unterstützung für nicht-produzierende Staaten zugesagt – wann die erste Impfdosis die Insel verlässt, ist aber noch offen. Heute sind die Briten unter den ersten, die wieder im Biergarten sitzen können. An ihrem Tisch haben sie allerdings wenig Gesellschaft.  

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