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Das World Trade Center in New York, 20 Jahre nach 9/11 Foto: Chip Somodevilla/AFP
© Chip Somodevilla/AFP

20 Jahre nach 9/11 New York – die Stadt, die nicht vergisst

Die Terroranschläge des 11. Septembers hatten New York schwer verwundet. Und dann kam die Pandemie. Ein Besuch in einer Stadt, die sich immer wieder neu erfindet.

Die Abgründe sind noch da. Ganz bewusst. An der Stelle, wo die Zwillingstürme des World Trade Centers vor 20 Jahren kurz nacheinander in sich zusammensackten, klaffen nun für immer zwei riesige quadratische Löcher. Ground Zero, heiliger Grund und Boden für viele Amerikaner.

In zwei steinerne Granitwannen rauschen Wasserkaskaden hinab. Den Sog fühlen die Besucher der Gedenkstätte: Oft lehnen sie sich gefährlich weit über die Brüstung, in die die Namen der 2983 Opfer eingraviert sind, die hier in New York, im Pentagon in Washington und in den Hügeln bei Shanksville in Pennsylvania ums Leben kamen.

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Never forget! Der Satz ist überall rund um das National September 11 Memorial and Museum zu lesen: auf Pullis, Flaggen, Ansteckbuttons, Baseballkappen im Souvenirshop. Auch die Erbauer um Stararchitekt Daniel Libeskind haben dafür gesorgt, dass die Welt diesen Tag, seine Opfer, Helden und Täter nicht vergisst.

Das Memorial ist ein gigantisches Mahnmal, das erschüttern soll. Das geht auf, vor allem im Museum, das mit dem ehemaligen Fundament des World Trade Centers verwoben ist – die Besucher wirken angefasst, wenn sie stumm auf der Rolltreppe zurück ins Tageslicht fahren.

Verfolgt von den Stimmen der Opfer bei den letzten Telefonaten mit ihren Lieben, dem Bild des ausgestellten, halb geschmolzenen Feuerwehrtrucks, dessen Besatzung in die brennenden Türme rannte und bis zum letzten Mann von diesen begraben wurde. Von den mit Originalstaub bedeckten NYC-T-Shirts hinter Glas und immer wieder von den Fotos dieses strahlend blauen Himmels, durch den am Morgen des 11. Septembers 2001 die todbringenden Flugzeuge gleiten.

Präsident Biden wird am 11. September New York besuchen

Der Himmel ist am Donnerstag, acht Tage vor dem Gedenken an 20 Jahre 9/11, bei dem auch Präsident Joe Biden erwartet wird, ähnlich blau. Kaum etwas erinnert an der Südspitze Manhattans an die Nacht zuvor, in der sintflutartige Regenfälle Teile der Metropole wieder einmal ins Chaos gestürzt haben.

20 Jahre später – naturgemäß ist das eine andere Stadt. Das sieht man schon an den Dutzenden neuen Wolkenkratzern, die immer höher und dünner emporwachsen. Oder daran, dass abends die Essenslieferanten auf ihren E-Bikes kreuz und quer durch die Straßen New Yorks jagen und in der U-Bahn alle auf ihre Smartphones statt in die Zeitung starren. Die Welt hat sich weitergedreht, Kriege wurden begonnen und wieder beendet, der Moment des kollektiven Innehaltens währte nicht lange.

Das Coronavirus hat die Stadt verändert

Viel stärker hat die Stadt ohnehin wohl das Coronavirus verändert, dem schon jetzt mehr als zwölf Mal so viele Menschen zum Opfer fielen. Kann man nicht vergleichen, und dennoch.

Viele Bürotürme stehen leer, die Menschen arbeiten immer noch lieber von zu Hause aus. In die wieder geöffneten Restaurants darf nur, wer seinen Impfnachweis vorzeigt und Maske trägt.

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New York, das in den ersten Monaten der Pandemie zum Symbol der amerikanischen Katastrophe wurde, ist vorsichtig geworden. Allerdings sitzt es sich in diesen Wochen ohnehin viel schöner draußen als drinnen in den tiefgekühlten Speisezimmern.

Was der Terror nicht geschafft hat, schafft das Virus: Die kleine St-John’s-Kapelle an der Church Street, direkt neben Ground Zero, in der schon Amerikas erster Präsident George Washington nach seiner Amtseinführung betete, und die erst zur Ruhe-Oase der vielen Helfer am damals bedeutendsten Tatort der Welt und dann zum Wallfahrtsort für viele Trostsuchende wurde, hat bis auf Weiteres geschlossen.

Seelsorge wird meist virtuell angeboten

Schwere Eisenketten verriegeln die Tore. Für seelischen Beistand wird auf die nahelegene Trinity Church verwiesen, aber auch die öffnet in diesen Tagen meist nur sonntags und bietet ansonsten virtuelle Seelsorge an.

Auf der anderen Straßenseite steht eines dieser neuen spiegelnden Hochhäuser: das Hilton Memorial Hotel, dessen einst stolze Zimmerpreise pandemiebedingt deutlich gesunken sind. Von vielen Zimmern des 55-stöckigen Gebäudes hat der Gast den perfekten Blick gen Westen: abends die atemberaubende Skyline im Sonnenuntergang, tagsüber der direkte Blick in die einstige Todesgrube des Memorials.

Am Times Square brodelt es wieder

Beeindruckend – oder obszön, das liegt im Auge des Betrachters. Für viele Touristen ist das Hotel ein idealer Ausgangspunkt.

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Sie sind zurückgekehrt in die Stadt. Am Times Square brodelt es wieder, neue Shows sind angekündigt – auch wenn es längst noch nicht so voll ist wie vor der Pandemie. Aus Europa etwa dürfen Touristen weiter nicht einreisen. Dafür kommen sie aus anderen Teilen des Landes, oft steht dann das Memorial auf dem Programm.

Paula Breene und Tom Rich aus Pittsburgh vor dem 9/11-Memorial in New York. Foto: Juliane Schäuble Vergrößern
Paula Breene und Tom Rich aus Pittsburgh vor dem 9/11-Memorial in New York. © Juliane Schäuble

Paula Breene geht am Donnerstag an den Namen der Opfer entlang, verweilt bei jenen, neben denen eine weiße Rose steckt – das Zeichen für ein Geburtstagskind. Angesprochen auf den Jahrestag, bricht sie in Tränen aus. „Das war der Tag, weswegen sich mein Sohn später entschieden hat, für sein Land in den Krieg zu ziehen.“ Zwei Mal sei er im Irak gewesen, insgesamt sechs Jahre, „eine schreckliche Zeit für mich“.

Für jeden bedeutet dieser Tag etwas anderes, ein Einschnitt war er für alle. Breenes Partner Tom Rich sagt, sie seien eine Woche vor dem Jahrestag aus Pittsburgh in Pennsylvania gekommen, um in dieser polarisierten Zeit endlich wieder das Gefühl von Einheit zu spüren. „Das hatten wir lange nicht mehr“, sagt er.

Direkt nach den Anschlägen kam das Land zusammen, lange hielt das nicht. „Hier“, sagt Breene, „sehen wir, was für ein bunt gemischtes Land wir sind. Die Namen der Toten zeigen: Wir sind ein Schmelztiegel der Kulturen. Was ist nur daraus geworden?“

Einig sind sich die Amerikaner zumindest bei der Verehrung ihrer Helden: Feuerwehrleute gehören in New York spätestens seit 9/11 zu den allergrößten. Unweit des Memorials wirbt der Telekommunikationsanbieter AT&T mit einem von ihnen für sein „sicheres“ Netz.

Aus Bath County in Kentucky kommt die Gruppe, die an dem Teil des Memorials verweilt, an dem die Feuerwehrleute gewürdigt werden. Sie sind auf dem Weg nach Connecticut, um einen Feuerwehrwagen zu kaufen. „Wir wollten hier eine Pause einlegen, um unseren Kollegen Respekt zu erweisen“, sagt Chris Paul, die anderen vier nicken stumm. Auch ihnen ist nicht nach Reden zumute.

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