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Die Feuerwehrmänner von New York werden zu ikonographischen Helden. Foto: Randy Taylor/ZUMA Press Wire Service/dpa
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11. September 2001 Ab diesem Tag regierte die Angst in den USA

Wenn das Unmögliche geschieht, wird in der Fantasie plötzlich alles möglich. Die Gefühle pendeln zwischen Chaos, Panik und Konfusion. Ein Essay

Es ist ein Dienstag, der Himmel strahlend blau. Was bewegt die Menschen an diesem Tag? In Deutschland sollen hundert Bundeswehrsoldaten nach Mazedonien entsandt werden. Tief „Valentin“ bringt schlechtes Wetter. Gestritten wird über die Vor- und Nachteile der embryonalen Stammzellenforschung.


In den USA befassen sich die Zeitungen mit Haushaltsfragen. In Washington D.C. dreht sich alles um die Praktikantin Chandra Levy, die ein Verhältnis mit einem kalifornischen Kongressabgeordneten hatte und nun spurlos verschwunden ist. Bob Dylan bringt sein Album „Love and Theft“ heraus. „Mach' mal deinen Fernseher an“, sagt ein Kollege am Telefon. „Da ist irgendetwas in New York.“


Mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 beginnt eine neue Zeitrechnung. Die Zeit davor und die Zeit danach. Mehr als 3000 Menschen sterben. Einen Tag später beschlagnahmt New Yorks damaliger Bürgermeister Rudolph Giuliani das Gelände der ehemaligen Mülldeponie „Fresh Kills“ auf Staten Island. Nach und nach werden 1,8 Millionen Tonnen Schutt angeliefert und nach menschlichen Überresten und persönlichen Gegenständen durchsucht. Verkohlte Ausweise, Flugzeugreste, eine zusammengequetschte Aufzugtür. Schmuckstücke werden geborgen und Brieftaschen mit Fotos.

Die erste Angriffswelle gegen das Taliban-Regime in Afghanistan

US-Präsident George W. Bush kündigt Tage später den „Krieg gegen den Terror“ an. Dieser Krieg werde nicht Tage, Wochen oder Monate dauern, sondern Jahre und Jahrzehnte. „Er wird nicht eher zu Ende sein, bis jede weltweit tätige terroristische Gruppe gefunden, am weiteren Vorgehen gehindert und besiegt worden ist“, sagt Bush in einer Rede vor dem Kongress. Vier Wochen später beginnt die erste Angriffswelle gegen das Taliban-Regime in Afghanistan.

Rauch und Staub in Manhattan nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York. Foto: New York City Police/epa ABC NEWS / HO/dpa Vergrößern
Rauch und Staub in Manhattan nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York. © New York City Police/epa ABC NEWS / HO/dpa


Zwanzig Jahre später ziehen die US-Truppen ab. Die Taliban übernehmen erneut die Macht. Terrororganisationen wie der „Islamische Staat“ (IS) verüben Anschläge. Amin al-Haq, der langjährige Sicherheitschef von Osama bin Laden, kehrt unter dem Jubel seiner Anhänger aus Pakistan nach Afghanistan zurück. Ein Kreis schließt sich. Die Erinnerung erwacht. Welchen Anfang hatte dieser Kreis?


In Amerika kursiert seit „Nine-Eleven“ die Angst. Sie ist das beherrschende, das prägende Gefühl. Terroristen hatten Passagierflugzeuge entführt und die Twin Towers des World Trade Centers in New York zum Einstürzen gebracht. Ab diesem Tag ist nichts mehr sicher. Wenn das Unmögliche geschieht, wird in der Fantasie plötzlich alles möglich.

Bush ruft: „Der Rest der Welt wird bald von uns hören.“

Die Menschen fühlen sich, als seien sie in einen emotionalen Ausnahmezustand katapultiert worden. Die Psyche vieler Amerikaner gerät radikal aus dem Gleichgewicht. Bush steht Tage später in den Trümmern von Ground Zero. „Ich höre euch“, ruft er den völlig erschöpften Feuerwehrmännern zu. „Der Rest der Welt wird bald von uns hören.“

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Noch am Abend des Terrortages stehen Dutzende von Kongressabgeordneten auf den Treppen vor dem Ostflügel des Kapitols. Jemand fängt zu singen an, andere stimmen ein, schließlich singen alle „God Bless America“. Vergleiche werden herangezogen. Pearl Harbor? Doch damals war klar, wer der Feind ist, der Terror dagegen ist so anonym wie diffus, so gespenstisch wie unberechenbar.


Noch am Vormittag des 11. Septembers, unmittelbar nachdem das zweite Passagierflugzeug in einen der Twin Towers gerast ist, wird US-Vizepräsident Dick Cheney in den unterirdischen Bunker des Weißen Hauses gebracht. Von dort aus telefoniert er mit Präsident George W. Bush, der an Bord der Air Force One kreuz und quer durchs Land geflogen wird. Panik, Chaos, Konfusion. Der gesamte Luftverkehr wird eingestellt.

Massenvernichtungswaffen – das Wort fällt immer öfter

Als Cheney im Fernsehen kurze Zeit später sieht, wie die Türme des World Trade Centers in sich zusammenfallen, sagt er zu einem Mitarbeiter: „So schrecklich das hier sein mag. Aber wenn diese Typen Massenvernichtungswaffen gehabt hätten, wäre alles noch viel, viel schlimmer gewesen.“ Massenvernichtungswaffen – das Wort fällt immer öfter. Immer öfter auch in Verbindung mit einem Namen und einem Verdacht, Saddam Hussein.


Fortan wird gemahnt und gewarnt. Die Kompetenzen von FBI, CIA und NSA werden ausgeweitet, eine riesige Heimatschutzbehörde entsteht, ein nationales Sicherheitssystem wird eingeführt, eine Terror-Warn-Ampel zeigt rund um die Uhr das Ausmaß der Bedrohungslage.


Osama bin Laden war’s, die Taliban schützen ihn, Amerika ruft zum Sturz auf. Intervention. Ja, was denn sonst? Die andere Wange hinhalten, untätig eine Wiederholung ermöglichen? Kommt nicht infrage. Angst und Wut brauchen ein Ventil, führen direkt in die Aktion. Vor Kurzem schrieb der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Kagan in der „Washington Post“, nicht imperiale Hybris habe Amerika nach Afghanistan getrieben, „it was fear“ – es war Angst. Sonst nichts.

Anthrax-Sporen in der Poststelle des Weißen Hauses

Mysteriöse Briefe tauchen auf, die mit dem Milzbrand-Erreger kontaminiert sind. Anthrax-Sporen werden auch in der Poststelle des Weißen Hauses gefunden. Immer mehr Menschen erkranken, zwei Postbeamte sterben. Brief- und Paketzusteller tragen Plastikkleidung und Gummihandschuhe. Es wirkt in der geistigen Rückschau wie eine Vorwegnahme der Anti-Corona-Maßnahmen.


In Medien, Politik und Thinktanks werden diverse Horrorszenarien durchgespielt. Ein entführtes Flugzeug stürzt auf ein Atomkraftwerk, eine „schmutzige Bombe“, nuklear verseucht, explodiert in einem Einkaufszentrum, das Grundwasser einer Großstadt wird vergiftet, Sportflugzeuge versprühen eine biologische Waffe, in U-Bahnhof-Belüftungsanlagen wird Sarin geleitet. Was tun?


Ein Jahr nach dem 11. September 2001 haben laut Umfrageinstitut Pew Research Center mehr als 60 Prozent der Amerikaner Angst vor einem neuen Terroranschlag, vierzig Prozent glauben, beim nächsten Mal würden die Terroristen biologische oder chemische Waffen einsetzen, mehr als die Hälfte geht davon aus, dass die künftigen Attentäter bereits in den USA leben.

Erst Afghanistan, dann der unselige Irakkrieg

Angst steckt an, Angst fasziniert. Das Ausmalen von Katastrophen lässt die Einschaltquoten nach oben schnellen. Wer mit Angst arbeitet, das erklären Medien-Psychologen, ist im Vorteil. Es ist leichter zu ängstigen als zu beruhigen. Menschen, die vor Gefahren warnen, gelten als glaubwürdig. Menschen, die beschwichtigen, dringen nicht durch.


Im Mai 2003 wird in den USA die bis dahin größte Antiterror-Übung durchgeführt. Fünf Tage dauert sie, 8500 Amerikaner in Seattle und Chicago sind beteiligt, nach einem 200-seitigen Drehbuch werden zwei Szenarien durchgespielt. Die fiktive Terrororganisation „Glodo“ zündet in Seattle eine mit radioaktivem Material angereicherte Bombe. Mindestens 150 Menschen sterben sofort, rund um den Tatort bricht Chaos aus. Einen Tag später setzt „Glodo“ in Chicago eine Biowaffe ein. Menschen mit grippeähnlichen Symptomen strömen in die umliegenden Krankenhäuser.

Das Aushalten von Angst kann eine Tugend sein

Angst sei ein schlechter Ratgeber, heißt es. Dick Cheney hat vor Terroristen mit Massenvernichtungswaffen gewarnt. Das weist den Weg über Afghanistan hinaus zum unseligen Irak-Krieg. Osama bin Laden bekommt von Saddam Hussein irgendeine ABC-Waffe. Ein Horror.


Ausreden lässt sich Angst nicht, doch das Aushalten von Angst kann eine Tugend sein. Vielleicht ist das eine Lehre aus dem Afghanistan-Krieg – und dem Irak-Krieg – zwanzig Jahre nach dem 11. September 2001.

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