"Nummer" heißt ihr Magazin. In Anspielung auf ein Klischee

"Nummer" - ein Magazin von und für Autisten Der Sinn fürs Besondere

Was ist Autismus denn nun? Eine Krankheit? Eine Behinderung? Ein Bündel an Eigenschaften? Oder, wie es im ICD-10, dem internationalen medizinischen Klassifikationssystem heißt, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung?

Auch über die Auslöser wird seit Jahrzehnten diskutiert, mal waren gefühlskalte Mütter schuld, mal Luftverschmutzung, mal Impfungen. Heute gehen seriöse Forscher davon aus, dass ein Gendefekt verantwortlich ist. Aber selbst die Diagnosestellung ist kompliziert. Für Autismus gibt es keinen Bluttest und keine Checkliste. Und so wusste Denise Linke zum Beispiel lange gar nicht, dass sie Autistin ist. Bis sie eines Tages, sie war 21 Jahre alt, wieder mal das tat, was ihre Freunde so gerne machten: Zusammen in einem überfüllten Zimmer sitzen und laut palavern. Als dann noch ein Krankenwagen vorbeifuhr, hielt Linke sich unwillkürlich die Ohren zu. „Wann hast du deine Diagnose eigentlich bekommen?“, fragte ein Bekannter. Denise Linke schaute ihn verständnislos an. Als sie auf sein Anraten schließlich zu einer Ärztin ging, nahm sie ein ausgedrucktes Worddokument mit. „99 Dinge, die mir an mir selbst aufgefallen sind“. Einsortiert in verschiedene Kategorien. Genau das, fast zwanghaftes Auflisten und Ordnen, verbunden mit der Angst, im direkten Gespräch etwas zu vergessen, ist ziemlich typisch. Das Gespräch mit der Ärztin dauerte dann noch mehrere Stunden, das Ergebnis: Asperger, eine milde Form des Autismus. Außerdem hat Linke ADHS, eine Paarung, die oft auftritt.

"So ein Quatsch, du bist doch kein Rain Man"

Manche in Linkes Umgebung reagierten ungläubig. „So ein Quatsch, du bist doch kein Rain Man.“ Aber der Savant mit einer einzigartigen Begabung, wie er im gleichnamigen Film von Dustin Hoffman verkörpert wird, ist eben nur eine Facette von Autismus, und eine seltene dazu. Für Linke selbst war die Diagnose eine große Erleichterung. „Mein Leben lang habe ich mich gefragt, was mit mir nicht stimmt.“ Nun endlich hatte sie die Antwort. Erschreckend fand sie etwas ganz anderes. Nämlich wie viele Menschen den Begriff, der ihr Wesen erklärte, als eine Art Schimpfwort benutzen.

Eine kleine Presseschau: In einem Leitartikel der „Zeit“ war neulich von sozialem Autismus die Rede, gemeint war fehlender Gemeinschaftssinn. Die „FAZ“ prangerte den politischen Autismus der europäischen Regierung an – sie ignoriere die Bedürfnisse der Menschen. Und ereignet sich irgendwo ein Amoklauf, wird immer wieder darüber spekuliert, ob der Täter vielleicht Autist ist.

Doch es sind nicht mal nur die Medien, die den Begriff derart negativ besetzen. 2009 strahlte „Autism Speaks“, die weltgrößte Organisation zu dem Thema, ein Video aus, in dem in schneller Folge verschreckte Kinder gezeigt wurden und eine verzerrte Stimme dazu düstere Prophezeiungen ausstieß: „Ich bin der Autismus. Ich weiß, wo du wohnst. Ich werde deine Ehe zerstören. Ich werde dir dein Geld nehmen. Du wirst jeden Morgen aufwachen und um deine Kinder weinen.“

Autismus als Synonym für alles Schlechte

Bestimmt meinen es Suzanne und Bob Wright, Gründer von „Autism Speaks“ und Großeltern eines Autisten, gut und wollen mit solch einer PR-Kampagne zeigen, wie überfordert sich die Angehörigen von Autisten oft fühlen. Doch blenden sie dabei aus, dass es unter den weltweit 67 Millionen Autisten nicht nur diejenigen gibt, die in sich verkapselt vor und zurück schaukeln, sondern auch etliche, die trotz aller Schwierigkeiten ihren Weg gehen und es als beleidigend empfinden, wenn suggeriert wird, das in ihnen ein kleiner Teufel nistet. Und all jene – die sogenannten hochfunktionalen Autisten – melden sich jetzt übers Internet zu Wort, geben durch Blogs Einblick in ihre Gefühlswelt und verbreiten es über sämtliche sozialen Kanäle, wenn Autismus wieder mal als Synonym für alles Schlechte herhalten muss. Als Stefan Niggemeier im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit dem Kanzlerduell von Autismus sprach, gab es im Netz so viel Kritik, dass sich der Journalist entschuldigte.

Es scheint also, das Netz ist für Autisten das Medium geworden, mit dem sie sich die Deutungshoheit über ihren Zustand zurückholen. Für Denise Linke wurde es das Instrument, mit dem sie ihre Zeitschrift auf den Weg brachte. Mitte April stellte sie die Idee auf der Crowdfunding-Plattform „Startnext“ vor. Ein Magazin von Autisten für Autisten und ADHSler und andere Interessierte. Der Name: Nummer. Weil Autisten sich ja angeblich nur für Zahlen interessieren.

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