Hikmet Sugör in seinem roten Porsche 912 von 1965. Foto: promo
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Porträt über Hikmet Sugör Der Turnschuhprophet

Hikmet Sugör entwirft Turnschuhe, die binnen Sekunden ausverkauft sind. Jetzt hat er mit Porsche Design zusammengearbeitet.

Heute ist Hikmet Sugör nicht mit seinem roten Porsche zur Arbeit gefahren, obwohl das für diese Geschichte durchaus eine hübsche visuelle Untermalung gewesen wäre. Denn nur weil er sich im April einen Porsche 912 Baujahr 1965 gekauft hat, werden an diesem Samstag 300 Paar Turnschuhe verkauft. Und die sind ganz bestimmt ausverkauft, während Sie diesen Text lesen. Was Hikmet Sugör entwirft, wird von Sneakerheads gekauft. Das sind Menschen, deren Hobby es ist, Turnschuhe zu tragen, zu sammeln, zu tauschen und alles darüber zu wissen.

Sugör ist so etwas wie der Anführer der Sneakerheads. Das hat er sich in den vergangenen zwanzig Jahren hart erarbeitet. „Ich bin ein Berliner Arbeiterkind und habe schon mit zehn Jahren Geld dazuverdient.“ Um sich Turnschuhe zu kaufen, etwas anderes hat er seit seiner Jugend fast nicht mehr getragen. 2002 eröffnete er mit seinem Bruder „Solebox“ ein Geschäft für Turnschuhe in Prenzlauer Berg. Um zu erklären, was das war, bildet er mit seinen Händen eine Pyramide: „Unten ist Deichmann, dann kommt Snipes und an der Spitze gab es in Deutschland nichts.“ Bis er begann, besondere Turnschuhe in seinem Laden zu verkaufen, die eigentlich nicht für den deutschen Markt gedacht waren. Sie wurden ihm förmlich aus den Händen gerissen. „Das fanden die großen Marken nicht so toll, also stellten sie mich vor die Wahl: Entweder wir arbeiten zusammen, oder wir gehen gerichtlich gegen dich vor.“

Er hat die Prinzipien der Turnschuh-Industrie auf den Kopf gestellt

Er entschied sich für die Zusammenarbeit und betrieb Marktforschung für Marken wie Adidas und Nike. In den nächsten 15 Jahren brachte er rund 60 eigene Turnschuhe heraus. 2013 erkrankte sein Vater, seine zweite Tochter kam auf die Welt, da verkaufte er „Solebox“ an Snipes. Er arbeitete noch zwei Jahre als Angestellter, aber die Vorstellungen gingen zu weit auseinander.

„Und dann war ich 2015 das erste Mal beim Arbeitsamt.“ Hikmet Sugör verzieht bei der Erinnerung das Gesicht. Nicht nur, dass ihm die Mitarbeiter schlechte Deutschkenntnisse unterstellten, er bekam eine Umschulung im Hotel angeboten. „Um da nicht noch mal hin zu müssen, habe ich mich schnell wieder selbstständig gemacht.“

Auch wenn es von außen so aussieht, für ihn war es keineswegs zwangsläufig, seine eigene Turnschuhfirma Sonra zu gründen. Sonra bedeutet auf türkisch so viel wie „danach“. „Ich habe Turnschuhe auseinandergeschnitten, um zu sehen, wie sie aufgebaut sind“, sagt er. Dann hat er alle Prinzipien der Turnschuh-Industrie auf den Kopf gesellt. Er lässt in Pirmasens in der Pfalz fertigen, anfangs benutzte er sogar nur Leder von deutschen Kühen. Abgetretene Sohlen lassen sich bei ihm ersetzen. „Dieser Schuh ist für immer“, sagt er und schaut treuherzig.

Turnschuhe in Kürbisorange von Sonra. Foto: promo Vergrößern
Turnschuhe in Kürbisorange von Sonra. © promo

Seinen Showroom hat Sugör nicht etwa mitten in Berlin, sondern in Stahnsdorf in der Nähe der alten Dorfkirche in einem frisch sanierten Gründerzeithaus, das zu einem Vierseitenhof gehört. Da sitzt er an einem Tisch, auf dem Prototypen seiner Turnschuhe aufgereiht sind, auch sein Modell für Porsche Design. „Schuhe auf dem Tisch bringen Unglück“, sagt er und grinst. Diesen Aberglauben dürfte er längst ausgehebelt haben, wenn er über einen neuen Schuh grübelt, steht beim Essen der Prototyp neben seinem Teller.

So hat er schon immer gearbeitet. Auch, als er noch für die großen Marken Schuhe machte. Dann bekam er zum Bespiel einen Air Jordan, den er überallhin mitnahm – und zack, irgendwann fiel ihm genau das Detail, die Farbkombination ein, die der Schuh seiner Meinung nach brauchen könnte. Früh war klar – sein Wort zählt in der Szene, wenn Hikmet Sugör etwas gut findet, ist das gut. So ist es bis heute geblieben.

Er trägt seine Turnschuhe zur Gartenarbeit

In einem Hinterzimmer stapeln sich die Kartons bis zur Decke, fast 500 Paar Turnschuhe. Das ist diejenige Hälfte seiner Sammlung, die er nicht trägt. Die andere lagert bei ihm zu Hause und wird auch zur Gartenarbeit getragen. Egal, zu welchem Preis ein Schuh unter Fans gehandelt wird. Silvester hatte er ein Paar von Nike an, dessen aktueller Wert bei 4000 Euro liegt. „Da ist eine Wunderkerze auf das Meshgewebe gefallen und geschmolzen.“ Was vielen Sneakerheads Tränen in die Augen treibt, reicht bei Sugör für ein Achselzucken: „Für mich zählt nur der Originalpreis eines Schuhs.“ Einmal hat er sogar all seine Nike-Schuhe verkauft, „Ich hatte Streit mit denen, da habe ich bei Solebox an die Tür geschrieben: Keine Fakes, kein Eis, keine Hunde und keine Nikes.“ Am Ende durfte er wieder Nikes verkaufen, auch in seiner Sammlung sind etliche Air Jordans.

Der rote Streifen erinnert ein wenig an die Heckleuchten des Porsches. Foto: promo Vergrößern
Der rote Streifen erinnert ein wenig an die Heckleuchten des Porsches. © promo

Aber jetzt konzentriert sich der 47-Jährige auf seine eigenen Schuhe. Einmal im Monat verkauft er am Sonntag kurz vor dem „Tatort“ um 18 Uhr online 300 Paar im Schnitt für je 290 Euro. Immer ein neues Modell, der nächste wird wohl einer aus weißem Leder mit orangefarbenen Schnürsenkeln sein. Nach wenigen Minuten sind die Schuhe ausverkauft. Montags verpackt Sugör sie und bringt sie mit einem Kleinlaster zur nächsten Post.

Dass er jetzt als Unternehmer so autark ist, macht ihn froh. Gerade hat seine Frau das dritte Kind bekommen und er konnte es sich leisten, seinen Porsche zurückzukaufen. Der Oldtimer von 1965 war nämlich schon mal für kurze Zeit in seinem Besitz. Aber damals musste das Haus in Stahnsdorf finanziert werden, also verkaufte er sein geliebtes Auto und blieb mit dem neuen Besitzer in Kontakt, bis der wiederum Geld brauchte. Das freudige Ereignis nahm Hikmet Sugör zum Anlass, bei Porsche nachzufragen, ob sie nicht zusammen einen Schuh machen wollten. Herausgekommen ist ein Modell in Schiefergrau mit roten Streifen. Zum Trost bekommt der Vorbesitzer seines geliebten Autos ein Paar Schuhe schenkt.

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