Mit ihren hellen Augen schaute Dorothea Melis direkt in die Kamera. Foto: Roger Melis
© Roger Melis

Fotobuch zu Dorothea Melis Der klare Blick

Dorothea Melis prägte als Moderedakteurin der Sibylle das neue Frauenbild der DDR. Wie das aussieht, zeigt das Buch „Thea“ mit Bildern von Roger Melis.

Das ist also das Gesicht einer Generation. Klar und geradeaus schaut die junge Frau in die Kamera, sie flirtet nicht, weiß einfach, dass sie wirkt. Das ist Dorothea Melis, die heute bekannteste Modejournalistin der DDR. Es reichte ein Artikel, und sie wurde – fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall – zur „Anna Wintour des Ostens“. „Das hat böses Blut gegeben“, sagt ihr Sohn Mathias Bertram. Er sitzt in seiner Wohnung in Pankow, vor sich auf dem Tisch liegt das Buch „Thea“. Es ist ein Bildband über seine Mutter, mit mehr als 50 Porträts. Aufgenommen von Roger Melis, ihrem Mann, mit dem sie 40 Jahre zusammenlebte und -arbeitete.

Dass Dorothea Melis das Gesicht der ostdeutschen Mode wurde, als es sie schon nicht mehr gab, hat viele verärgert, die sie jahrzehntelang mitgestaltet hatten. Aber sie hatte nun mal die Grundlage für so etwas wie einen eigenen Stil in der DDR gelegt. Wenn der auch immer ein schwer zu beschaffendes Ideal blieb. Gleich nach ihrem Studium 1961 an der Kunsthochschule Weißensee engagierte sie Margot Pfannstiel, die Chefredakteurin des Frauenmagazins „Sibylle“. Dass die erst 23 Jahre alte Frau in ihrer Diplomarbeit das Magazin verrissen hatte und alles neumachen wollte, kam Pfannstiel gerade recht.

Mathias Bertram stieß auf eine Kiste mit Porträts seiner Mutter

Die ehemalige Chefreporterin der Wochenpost hatte kein sonderliches Interesse an Mode, wusste aber,, das Bild musste sich ändern. Dorothea Melis beschreibt es viel später, 2008, in einem Nachruf auf den französischen Modeschöpfer Yves Saint Laurent in der Wochenzeitung „Freitag“. „Mode nach dem Krieg richtete sich nicht nach den Frauen, sondern nach einem Typ der untätigen wie unnahbaren Lady, stets kunstvoll frisiert, ätherisch dünn, in exaltierten Posen.“ So wollte sie die moderne Frau nicht zeigen. Das war mit der alten Besetzung schlecht möglich, die die Sibylle als Konkurrenz zur westdeutschen „Constanze“ aufgebaut hatte und die Frauen genau so abbildete – als unbewegliche Anziehpuppen, nicht als arbeitende Frauen. Das tat dann Dorothea Melis, oft mit ihrem Mann Roger zusammen. Er fotografierte die Frauen draußen, in Bewegung.

"Geraucht wurde eigentlich immer", erzählt der Sohn von Dorothea Melis, Mathias Bertram. Foto: Roger Melis Vergrößern
"Geraucht wurde eigentlich immer", erzählt der Sohn von Dorothea Melis, Mathias Bertram. © Roger Melis

Seit dem Tod von Roger Melis, 2009, kümmert sich Mathias Bertram, der im Leipziger Lehmstedt-Verlag Fotobücher herausgibt, um seinen Nachlass. Gerade stellt er eine Auswahl an Porträts zusammen, die Roger Melis von ostdeutschen Künstler:innen und Intellektuellen gemacht hat. Sie sollen, wie irgendwann das ganze Archiv, an die Akademie der Künste gehen. Beim Sichten ist ihm aufgefallen „wie viele eindrückliche Frauenporträts darunter sind“. Als er auf eine Kiste mit den Porträts seiner Mutter stieß, dachte er erst an ein eigenes Kapitel, entschloss sich dann, ein Buch daraus zu machen.

Viele der Porträts sind zu Hause bei Dorothea und Roger Melis entstanden. Sie sitzt gedankenverloren im Schaukelstuhl, lesend auf dem Sofa, sie liegt, schon halb entkleidet auf dem Teppichboden, neben sich das Magazin „Twen“, das im Osten nur schwer zu bekommen war.

Die Fotos sind in einer stillen Übereinkunft von Fotograf und Porträtierender entstanden

Im Privaten trug sie, was Mathias Bertram „klassische Mode“ nennt, Jeans und Pullover. Sie wusste auch so ihre Vorzüge in Szene zu setzen, die hellen Augen, die den Fotografen direkt anschauen, umrahmt von ihrem dunklen Pony, den sie ihr Leben lang trug. Wie auch viel Schmuck, viele Ringe an ihren langen Fingern, die fast immer eine Zigarette hielten. „Geraucht wurde die ganze Zeit“, erzählt Bertram. Aber auf den Modefotografien war niemals eine Zigarette zu sehen.

Die Fotos, das kann man sehen, sind in einer stillen Übereinkunft von Fotograf und Porträtierender entstanden. „Bei Roger war die Kamera immer griffbereit. Wenn er sie in die Hand nahm, spielte Thea mit.“

Roger und Dorothea Melis waren mehr als vierzig Jahre ein Paar. Foto: Roger Melis Vergrößern
© Roger Melis

Dorothea Melis stand stellvertretend für eine Frauengeneration in der DDR, für die alles möglich schien. Sie wollte diejenige sein, die die Gesellschaft neu prägt. Das ging am Anfang sogar mit der staatlichen Ideologie überein. Nach einigen Jahren wurden die Vorschriften bei der Sibylle restriktiver und absurder. 1969 bekam Melis das rettende Angebot, die, für DDR-Verhältnisse, luxuriöse Marke Exquisit mitaufzubauen. Von hier aus bestimmte sie bis zur Wende, wie die ideale Mode einer sozialistischen Gesellschaft aussehen sollte. Sie gestaltete Fotostrecken mit den neusten Exquisit-Modellen, die in der Sibylle abgedruckt wurden. So beeinflusste sie weiterhin das Erscheinungsbild des Magazins.

1988 hatte sie wieder im richtigen Moment, die richtige Idee. Sie organisierte eine Ausstellung zur Fotografie in der Sibylle. Sie hatte die Kontakte zu den Fotografen, wusste, wenn sie um welche Bilder bitten musste und begründete so den Kanon der DDR-Modefotografie. Er hat bis heute Gültigkeit. Über die Beschwerden, sie habe sich in den Vordergrund gespielt, sagte sie lakonisch, das hätte ja jeder machen können.

Ihr war egal, wen sie jemand nicht mochte

Tatsächlich gab es in der DDR kein Aushängeschild für die Mode, niemand mit dem man angab. Junge Modegestalterinnen wurden nach Paris geschickt, das schon. Aber dort sollten sie sich französischen Schick für die Arbeit im Kollektiv abschauen, nicht berühmt werden.

Auf die Ausstellung folgte der Fotoband „Sibylle, Modefotografie aus drei Jahrzehnten“ für den Melis einen Fotopreis bekam. Um zu beweisen, dass das kein Zufall war, brachte sie gleich noch den Bildband „Die Berlinerin“ heraus.

Seine Mutter ist noch sehr lebendig – wenn Mathias Bertram von ihr erzählt, lächelt er. „Sie war ein Biest“, sagt er. Und meint damit, dass es ihr egal war, wenn sie jemand nicht mochte. Sie wollte sich durchsetzen. Wenn sie Kleidung zum Nachschneidern entwarf, die mehr als 100 000 Mal nachgenäht wurde, fühlte sie sich bestätigt. Umso größer war ihr Entsetzen, dass von all dem nach der Wende nichts übrigblieb. Die Frauen wechselten von einem Tag auf den anderen zu Glitzerleggings aus dem Discounter.

Das Buch mit Fotografien von Dorothea Melis ist im Leipziger Verlag Lehmstedt erschienen. Foto: Roger Melis/Lehmstedt Vergrößern
Das Buch mit Fotografien von Dorothea Melis ist im Leipziger Verlag Lehmstedt erschienen. © Roger Melis/Lehmstedt

Bei Exquisit hatten die Kollektionen aufeinander aufgebaut, so dass daraus eine Basisgarderobe entstand, die sich immer weiter ergänzen ließ. In der DDR arbeite man so, weil es ideologisch passte, sich nicht dem Konsum hinzugeben, aber auch, weil es aus Mangel an allem nicht anders möglich war. Paradoxerweise wirkt dieses Konzept heute höchst modern, viele Designer orientieren sich daran. Aber 1990 war es zum Scheitern verurteilt. Also sorgte Dorothea Melis nach einer wenig erfolgreichen Umschulung zur PR-Managerin bis zu ihrem Tod 2015 dafür, dass die Mode der DDR in Erinnerung blieb.

Eine Biografie über ihr Leben gibt es noch nicht. „Das bleibt an mir hängen“, seufzt Mathias Bertram. Bald wird er sich daransetzen, genug Notizen hat er. Bei der Buchvorstellung liest er aus einem Text seiner Mutter, der beschreibt, wie sie Roger Melis zum ersten Mal sieht, sich verliebt und bis zu seinem Tod bei ihm bleibt. Fürs Erste gibt darüber sein Buch „Thea“ Auskunft – ganz ohne Worte.

— Thea. Porträts und Momente, von Mathias Bertram, Lehmstedt Verlag, 96 Seiten, 24 Euro

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