Prinzessin Diana 1996 bei einem Besuch in Pakistan. Foto: John Giles/dpa
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Der Hype um Prinzessin Diana Wiederkehr einer Stilikone

Die Serie „The Crown“ hat den Hype um Prinzessin Diana neu belebt. Heute interessiert alles an ihr, vom blauen Lidstrich bis zu den Umstandskleidern.

Es ist Juni 1994, das Magazin „Vanity Fair“gibt seinen Sommerempfang im Herzen von London. Eigentlich kein bemerkenswerter Termin – bis eine Limousine vorfährt, aus der die begehrteste Frau ihrer Epoche steigt: Prinzessin Diana, zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet mit dem britischen Thronfolger Prinz Charles. Dass sie der Einladung kurzfristig gefolgt ist, hat Gründe. Am Vorabend hat sie erfahren, dass ihr Noch-Ehemann zum selben Zeitpunkt in einem Interview seine Beziehung zu ihrer ewigen Rivalin Camilla Parker-Bowles publik machen wird.

Diana weiß genau, wie sie es anstellen muss, um nicht als Verliererin dazustehen. Ihr Auftritt ist spektakulär. Sie trägt ein enganliegndes, tief ausgeschnittenes schwarzes Minikleid, dazu ein Collier aus einem großen Saphir und sieben Perlensträngen. Strahlend geht sie auf den Gastgeber zu – so sieht ein Star aus, eine Gewinnerin. Die Titelseiten werden am nächsten Tag ihr Bild zeigen, Charles und Camilla im hinteren Teil der Zeitungen verschwinden. Dianas Outfit wird unter dem Namen „Revenge Dress“ (Rachekleid) in die Geschichte eingehen.

Von Anfang an im Rampenlicht. 1980 sieht Lady Di mit ihrer weißen Bluse und Strickjacke naiv und unerfahren aus. Foto: picture alliance / UPI/UPI/dpa Vergrößern
Von Anfang an im Rampenlicht. 1980 sieht Lady Di mit ihrer weißen Bluse und Strickjacke naiv und unerfahren aus. © picture alliance / UPI/UPI/dpa

Diese Episode ist typisch. 1981 war Diana in das biedere britische Königshaus eingebrochen wie ein Paradiesvogel in einen Taubenschlag, seither herrschte Aufruhr. Jahrzehnte vor Internet und Instagram war ihr Gesicht überall. Wo sie auftauchte, wurde sie von einer Wand aus Teleobjektiven erwartet. Sie besaß das Charisma eines Superstars, ihren Mann, den Thronfolger, stellte sie damit mühelos in den Schatten, die robuste Camilla erst recht.

Lady Di besuchte 1985 in einem purpurfarbenen Kleid den Vatikan in Rom. Sie stimmte ihre Kleidung immer genau auf den Anlass ab. Foto: imago images/Photoshot/John Shel Vergrößern
Lady Di besuchte 1985 in einem purpurfarbenen Kleid den Vatikan in Rom. Sie stimmte ihre Kleidung immer genau auf den Anlass ab. © imago images/Photoshot/John Shel

Diana hatte die Gabe, sich perfekt in Szene zu setzen. Mit ihren großen blauen Augen und ihrem blonden Haar, den großflächigen Gesichtszügen, einem schlanken, aber kraftvollen Körper und einer nie endenden Fülle an unverwechselbaren Kleidungsstücken erzählte sie die Geschichte von ihren Problemen mit dem Königshaus und ihren Affären, später zunehmend auch von ihrem Einsatz für humanitäre Ziele. Bis zu ihrem tragischen Unfalltod 1997 zierte Dianas Bild die Titelseiten der Welt.

Diana nahm gern Tuchfühlung auch mit Unbekannten auf

Auf Netflix gibt es zwei Dokus über ihr Leben und einen Spielfilm mit Naomi Watts (2013). Seit Mitte November die Serie über das britische Königshaus „The Crown“ in den Achtzigern ankam, vergeht kein Tag, an dem nicht eine Geschichte über Dianas Stil veröffentlicht wird. Es lässt sich zu jedem beliebigen modischen Thema etwas zusammenstellen: ihre schönsten Schwangerschaftskleider, ihr Schmuck, ihr blauer Lidstrich, ihre Frisur im Wandel der Zeiten – ein Text über ihr Haar war der meistgelesene auf der Website der amerikanischen Vogue. „The Crown“-Darstellerin Emma Corrin schaffte es im Oktober sogar auf den Titel der britischen Vogue. 23 Jahre nach ihrem Tod ist Prinzessin Diana die Stilikone des Jahres 2020.

Es gibt von ihr nur wenige Sätze, die in Erinnerung geblieben sind. Sie benutzte ihr Äußeres, um sich auszudrücken. Diana lernte schnell, dass sie am besten durch Kleidung sprechen konnte – und nicht nur visuell. Sie war ein sehr taktiler Mensch, der gerne Tuchfühlung auch zu Unbekannten aufnahm. Wenn sie zum Beispiel ein Blindenheim besuchte, trug sie Samt, weil er sich weich anfühlt.

Fast genau vor vierzig Jahren präsentierte sich Prinz Charles mit seiner Verlobten Diana anlässlich ihrer Verlobung. Foto: dpa Vergrößern
Fast genau vor vierzig Jahren präsentierte sich Prinz Charles mit seiner Verlobten Diana anlässlich ihrer Verlobung. © dpa

Von der Modeindustrie wird zurzeit ihr Backfischstil aufgegriffen. Bei Topshop hängen Wollpullover mit weißen, ausladenden Rüschenkragen. In ihren ersten Jahren trug Diana mit Vorliebe Rüschen unter Pullovern, an Kleidern und Blusen. Das sah brav, fast züchtig aus und passte zu ihrem Ausspruch vor der Verlobung, sie wolle sich für den richtigen Mann reinhalten.

Trotzdem signalisierte sie schon vor der Hochzeit mit einem ebenfalls berühmt gewordenen Kleidungsstück einen gewissen Trotz. Auf einem Poloturnier ihres Verlobten trug sie einen roten Pullover, in den viele weiße und ein schwarzes Schaf eingestrickt waren. Zusammen mit den damaligen Designern von Warm & Wonderful brachte ihn Jack Carlson unter seinem Label Rowing Blazers im Oktober neu heraus, innerhalb von 24 Stunden war er ausverkauft. Mit seiner 2017 gegründeten Marke hat Carlson sich auf Kleidung spezialisiert, die den frühen Stil von Diana aufnimmt, darunter ein taillierter Cordanzug in der Farbe „Dusty Rose“, auf dessen Etikett „The Sloane Ranger’s Women’s Blazer“ steht.

Der frühe Stil von Diana wurde keineswegs von ihr erfunden

Dass dieser Stil jetzt wieder so gut funktioniert, hat auch damit zu tun, dass er zwar von Diana zur Perfektion gebracht, aber keineswegs von ihr erfunden wurde. Die Sloane Rangers waren junge Frauen und Männer aus gutem Hause, die in den frühen Achtzigern rund um den Sloane Square das Londoner Leben genossen. Ihr sehr aufgeräumter Stil mit Blusen, Perlen, Strickjacken und wadenlangen Röcken steht für angepasstes Verhalten, denn für diese Schicht gab es damals keinen Grund zu Besorgnis oder Rebellion. In die jetzige Zeit mit ihren vielen Verunsicherungen passt die Sehnsucht nach solcher Sicherheit und Eindeutigkeit.

In der Netflix-Serie "The Crown“ spielt Emma Corrin (unten) die Prinzessin. Foto: Netflix Vergrößern
In der Netflix-Serie "The Crown“ spielt Emma Corrin (unten) die Prinzessin. © Netflix

Es gibt endlose Vergleiche zwischen Prinzessin Dianas Garderobe und den Kleidern, die Emma Corrin in „The Crown“ trägt. Die Übereinstimmungen sind verblüffend, wenn sich auch Kostümdesignerin Amy Roberts viele Freiheiten genommen hat. Zum Besipiel trug die Prinzessin das rote Kleid, in dem sich Diana in der Serie auf einem Empfang während der Australienreise zeigt, in Wirklichkeit erst einige Jahre später.

Dass mit der fünften Staffel noch etwas kommen und sich dann endlich Dianas Stil expressiv Bahn brechen wird, dürfte ein weiterer Grund sein, warum sie gerade jetzt als Stilikone zurückkehrt. Viele Kritiker sind froh, dass die vierte Staffel nicht in Desaster und Tod endet, sondern Weihnachten 1990, als die Prinzessin in einem scharf geschnittenen schwarzen Smokingkleid ihren Stil besonders hell leuchten lässt. Im kollektiven Gedächtnis bleibt Diana eine strahlende Frau, die kein leichtes Leben geführt hat, aber ihre Waffen kannte – und von den Demütigungen des Alterns verschont blieb.

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