Kontrapunkt Putin und seine deutschen Komplizen  

Rapide beschleunigt wird diese Tendenz durch den Atomausstieg. In knapp elf Jahren muss knapp ein Viertel des gesamten deutschen Elektrizitätsbedarfs ersetzt werden. Dieses Viertel erzeugen gegenwärtig die Atomkraftwerke. Ein Teil davon lässt sich durch größere Energieeffizienz und den Ausbau der erneuerbaren Energien erwirtschaften. Aber wenn man für den großen Rest nicht auf Kohle zurückgreifen will, was umweltpolitisch unverantwortlich wäre, bleibt allein das Gas. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) schätzt, dass die Bedeutung von Erdgas – auch durch den deutschen Atomausstieg – rasant zunimmt. Auch für die Grünen sind „hocheffiziente Ergaskraftwerke derzeit die einzige akzeptable fossile Brücke zu den erneuerbaren Energien“ (Boris Palmer und Franz Untersteller).

 Kein Wunder, dass der russische Energiekonzern Gazprom bereits seine Finger weit ausstreckt, um in die deutsche Stromproduktion einzusteigen. „Um die Kernkraft durch Gaskraftwerke zu ersetzen, müssen die Investitionen jetzt beginnen“, mahnte Gazprom-Exportchef Alexander Medwedew vor kurzem in Moskau. Erste Gespräche mit Eon, RWE und der BASF-Tochter Wintershall wurden aufgenommen. Der Verbraucher zahlt für den Atomausstieg wegen der höheren Strompreise bis 2030 mehr als 30 Milliarden Euro.

So jedenfalls lautet das Ergebnis einer gemeinsamen Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln (EWI), des Prognos-Instituts und der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Dabei ist die Summe nur als „Untergrenze der möglichen Entwicklungen“ zu sehen. Dabei sind die Kosten das kleinere Problem. Wer sich den Luxus des Ausstiegs leisten will, bitte schön. Doch bewusst die energiepolitische Abhängigkeit von Russland zu vergrößern und mit jedem Erdgas-Rubel, den Gazprom erhält, diese autoritäre, autokratische und neo-hegemoniale Macht zu finanzieren, die man in Leitartikeln so gerne beklagt, das ist ein sehr hoher Preis. Er lehrt: Im Zwiespalt zwischen globaler Humanität und nationalem Atomausstieg hat sich Deutschland klar entschieden.

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