Wenn das Boris Palmer sieht. Antonio Wannek (hinten v. l.), Felix Kramer und Fahri Yardim schlagen sich als Serien-Kommissare mit kriminellen Clans in Berlin herum. Foto: dpa
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Neue Berlin-Serie auf Netflix Fernsehkataloghundehütte

Jan Freitag
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Die Kiezstudie „Dogs of Berlin“ auf Netflix leidet unter zu viel Effekthascherei. Da hilft auch ein Fahri Yardim nicht.

Jetzt müsste er kommen, genau jetzt und keinen Moment später: In einer sauteuren Luxusloge des Berliner Olympiastadions verschieben drei Dutzend Gangster mit Maßanzug und Migrationshintergrund ein Pflichtspiel der Fußballnationalmannschaft und damit den Wesenskern der deutschen Seele. Da hilft doch eigentlich nur noch einer, mit gezückter Pistole, angespanntem Sixpack und dekorativem Cut am Auge: Til „Bang“ Schweiger alias Nick „Boom“ Tschiller. Aber er kommt nicht.

Er kommt auch nicht, als sich Räuber und Gendarm zu Beginn der neuen „Die-Stadt-ist-ein-Dschungel“-Serie „Dogs of Berlin“ bürgerkriegsähnliche Straßenschlachten liefern. Er kommt nicht, als sieben Tage zuvor ein rückentätowierter Kollege Granatensex hat. Er kommt nicht, als kurz darauf Wettmafia, Nazis, Dealer und korrupte Bullen den Kiez unter sich aufteilen.

Ja, er kommt nicht mal, als Fahri Yardim von einer SUV-Besatzung Banditen klinikreif geprügelt wird. Dabei würde der brucewilligste „Tatort“-Cop Deutschlands nirgends besser reinpassen als in die nächste Netflix-Eigenproduktion Made in Germany. Schließlich geht es dort – wie auch an der Elbe – an der Spree zehn Folgen lang um organisierte Kriminalität im arabischen Umfeld einer deutschen Großstadt. Dann wird sie auch noch vom Actionfachverkäufer Christian Alvart produziert, verfasst und gedreht, der bereits Tschiller-„Tatort“-Folgen mit eben Fahri Yardim als drolligem Kiezbullen Yalcin Gümer verantwortet hatte.

In Berlin muss Fahri Yardim ohne Schweiger auskommen. An der Seite seines Hauptstadt-Kommissars Erol Birkan ermittelt der Berliner Kurt Grimmer. Trotz unscheinbarer Referenzen von „Zürich-Krimi“ bis „Rosa Roth“ ist dessen Darsteller Felix Kramer eine Lichtgestalt der ersten vier Teile. Zwei Viertel vom Drehort Marzahn entfernt aufgewachsen, verkörpert der Mittvierziger die Hybris subkultureller Verwerfungen in glaubhafter Intensität. Während Grimmers Frau (Katharina Schüttler) in einem der hipperen Viertel die Kinder hütet, treibt er es mit seiner alleinerziehenden Affäre (Anna Maria Mühe) wild am Brennpunkt. Da also, wo in Sichtweite ihres verwohnten Plattenbaus zum Serienauftakt ein handlungsweisendes Mordopfer liegt. Als Erster am Tatort erkennt der spielsüchtige Grimmer darin den deutschen Nationalspieler Orkan.

Es geht moralisch, politisch, menschlich äußerst vertrackt zu

Weil dessen Tod das anstehende WM-Qualifikationsspiel entscheiden könnte, wettet der hoch verschuldete Kommissar Geld auf den türkischen Gegner, das er sich von seinem rechtsradikalen Bruder leiht, mit dem er in derselben Kameradschaft war. Es geht moralisch, politisch, menschlich äußerst vertrackt zu, in einer Eskalationsschleife, die für alle Beteiligten von Minute zu Minute verworrener wird.

So verworren, dass Christian Alvart wohl frühzeitig den Entschluss gefällt hat, das anzuwenden, was auch seinen „Tatort“ prägt. Fans seiner spannungsreichen Dramaturgie würden es wohl „Thriller“ nennen. Kritiker hätten ein anderes Wort: Effekthascherei.

Nach einer soliden Anfangsviertelstunde, in der Alvart Kurts Doppelleben im sozialen Abseits beleuchtet, begnügt er sich damit, Klischees ins Scheinwerferlicht tradierter Vorurteile zu setzen. Berlins Ecken, Keller, Quartiere und Clubs sind vorwiegend diesig, während die Sonne nur fürs Bürgertum strahlt. Überall Schurken, quillt doch aus jedem Gesichtstattoo die Unterwelt.. Mišel Maticevic spielt den Balkan-Boss. Die Bomberjackenhärte mit Katrin Sass als Nazi-Oma wirkt noch unfreiwilliger komisch als all jene Fußballsequenzen, die jedes Abivideo realistischer inszeniert.

Keine Frage: „Dogs of Berlin“ ist fabelhaft fotografiert, das Soundengineering exzellent, der Cast sowieso. Gaststars der lokalen Rap-Szene machen es authentisch. Dennoch bleibt die erste Staffel von raffinierten Milieustudien wie „4 Blocks“ weiter entfernt als Constantin von Jascharoff als Kurts Feind im eigenen Haus vom plausiblen Cop. Das Kernthema einer sinkenden Durchlässigkeit sozialer Schichten, die man nur durch radikalen Regelbruch überwindet, bleibt moralinsaure Dekoration einer Clipshow fotogener Randexistenzen. In einer Stadt, die fiktional so viel mehr ist als die TV-Hütte einer Horde Kataloghunde.

„Dogs of Berlin“, Netflix

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