Jenny Schily, 51, Tochter des ehemaligen Bundesinnenministers Otto Schily Foto: picture alliance /dpa
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Jenny Schily im ZDF Eine schmale Frau mit Pistole

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Nie denken, dass man alles schon weiß. Eine Begegnung mit der Schauspielerin Jenny Schily, die in "Der Mordanschlag" eine RAF-Terroristin spielt.

Es ist einer der letzten warmen Tage, als Jenny Schily zu einer Reise in ihre Vergangenheit aufbricht. Die Sonne bündelt noch einmal ihre ganze Kraft, die Menschen tragen kurze Ärmel und genießen das Leben auf der Straße mit blinzelnden Augen. Sie kommt mit ihrem Auto aus Grunewald in den Prenzlauer Berg gefahren. Dort, im Norden des Bezirks, zwischen Gubitz- und Sültstraße, hat der deutsche Architekt und Stadtplaner Bruno Taut in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Wohnstadt entworfen. Eine Großsiedlung auf 8,4 Hektar Fläche, über 1000 Wohnungen, Unesco-Weltkulturerbe.

Bruno Taut ist ihr Uropa, der Großvater ihrer Mutter. Jenny Schily kennt die Siedlung, aber für sie ist es immer wieder schön, hier zu sein, sagt sie. Gerade schreibt sie einen Text für ein Buch über ihn. Aus Anlass seines 80. Todestags am 24. Dezember erscheint in diesem Jahr „Bruno Taut im Exil“. 1936 hatte Taut als ein von den Nazis verpönter Kulturbolschewist Deutschland verlassen und war in die Türkei emigriert. Von dort ist er nie zurückgekehrt. Als bislang einziger Ausländer und Nicht-Muslim fand er seine Ruhestätte auf dem Ehrenfriedhof in Istanbul.

In einem seiner einst entworfenen Häuser befindet sich ein Café. Jenny Schily bestellt Cappuccino und Wasser, dann sucht sie nach einem Platz im Schatten. Sie ist eine schmale, zarte Frau. Sie trägt Schuhe, die glitzern, eine leichte Hose und Bluse. Grüne Augen, dunkelblonde Haare, großes Lächeln. Sie redet herzlich und offen, mit einer Stimme, die so warm ist wie ein Sonnenstrahl auf der Haut.

Jenny Schily, Tochter des ehemaligen Bundesinnenministers Otto Schily, ist Schauspielerin. Sie hat in Volker Schlöndorffs Spielfilm „Die Stille nach dem Schuss“ eine RAF-Aussteigerin gespielt, in dem Fernsehfilm von Matti Geschonneck „Ein Kommissar kehrt zurück“ war sie die Mutter eines ermordeten Kindes, im Münsteraner Tatort „Sag nichts“ spielte sie eine psychisch kranke Tochter. Über ihren Beruf sagt sie: „Schauspielerei bedeutet, dass man sich alles vorstellen kann. Dass man Lust darauf hat, sich in eine Welt zu begeben, die so gar nicht die eigene ist.“

Gerade ist sie in dem ZDF-Zweiteiler „Der Mordanschlag“ zu sehen. Der Film erzählt fiktiv die Geschichte des Attentats auf den Treuhandchef Detlev Rohwedder Anfang der 90er Jahre. Obwohl die RAF sich zu dem Attentat bekannte, wirft der Fall bis heute Fragen auf. War die RAF wirklich der Täter? Oder steckten doch Wirtschaftsinteressen und Stasi hinter dem Mord? Jenny Schily spielt in der Verfilmung Bettina Pohlheim, eine Terroristin aus der RAF der dritten Generation, eine Frau mit schwarzer Lederjacke und Pistole, mit ernstem Gesichtsausdruck und dunklem Pagenkopf.

Eine ambivalente Figur, die an ihre Ideale glaubt und dabei über Leichen geht. Die Schauspielerin sagt über sie: „Ich mochte das Widersprüchliche an ihr. Sie ist desillusioniert und innerlich zerrissen – einerseits gewalttätig und verblendet, auf der anderen Seite fast hilflos in ihrer Getriebenheit. Sie wähnt sich auf der richtigen Seite, handelt aber grundfalsch. Es fehlt ihr der Ansatz für eine wirkliche Utopie.“

Jenny, nach der Ehefrau von Karl Marx

RAF. Jenny Schily besuchte noch die Grundschule, als sie das erste Mal das Wort bei sich zu Hause hörte. Damals, Mitte der 70er Jahre, war es für sie ein Begriff aus Schall und Rauch. Sie lebte in Grunewald, einer Vorstadtidylle mit Beschaulichkeit und viel Grün, mit Literatur und hochdeutscher Sprache. Ein paar Jahre zuvor, 1967, hatten ihr die Eltern die Vornamen berühmter Frauen gegeben: Jenny, nach der Ehefrau von Karl Marx, und Rosa, nach Rosa Luxemburg.

Ihre Mutter malte Bilder, ihr Vater war Anwalt der RAF. „Es war eine turbulente Zeit – ich habe das eher emotional mitbekommen, ich war zu jung, um es wirklich zu verstehen.“ Sie erinnert sich an zwei Anekdoten: Einmal feierte ein Mitschüler Geburtstag und verteilte Cola. Sie mochte keine Cola und gab die Büchse zurück. Da sagte ihr Lehrer: Ach, das darfst du ja nicht trinken, das kapitalistische Getränk.

Ein anderes Mal fragte sie ein Mann, ob ihr Vater auch Waffen in den Knast schmuggle. Jenny Schily sagt heute, dass diese Bemerkungen sie nicht weiter berührt hätten, aber trotzdem sei sie erst einmal auf Abstand gegangen. Es hat eine Weile gebraucht, bis sie begann, sich mit der RAF zu beschäftigen.

Sie ist ein nachdenklicher Mensch. Sie überlegt genau, was sie auf Fragen antwortet. Sie formt ihre Sätze wie eine Figur. Gefällt ihr ein Gedanke, kann sie ihm ausführlich nachgehen. Dann wandert man mit ihr zusammen einen Pfad entlang, auf dem man mitunter abbiegt, um dann erneut zu ihm zurückzukehren. Sie erzählt von ihrer Zeit in Westberlin, als die Mauer noch stand und sie die Häuser mit Licht hinter den Fenstern auf der anderen Seite der Spree beobachtete. Von ihrem Studium an der Freien Universität, wo sie zwei Semester Slawistik studierte und Russisch lernte, weil sie den Schriftsteller Dostojewskij mochte.

Sie erzählt davon, wie der Wunsch, Schauspielerin zu werden, erst nach und nach in ihr reifte, bis sie sich wirklich sicher war. Ein Jahr nach der deutschen Einheit fing sie als „Spätstarterin“ mit Anfang 20 an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch an. Es war die Zeit, in der Rohwedder ermordet wurde, die Treuhand ihre Geschäfte betrieb und ein ganzes System wegbrach. Sie sagt: „Für mich war das mein Auslandsjahr, irre und spannend.“

Sie ist nach Studium-Ende durch die Republik gereist, war am Staatstheater Dresden engagiert, am Schauspiel in Frankfurt am Main. 2002 kehrte sie nach Berlin zurück, vier Jahre spielte sie an der Schaubühne. Als sie schwanger wurde, kündigte sie. Seit 2006 arbeitet sie frei, Film, Fernsehen, Projekte, Lesungen. „Man bleibt neugierig“, sagt sie.

Vor Kurzem hat sie zusammen mit ihrem Mann, dem Musiker und Komponisten Thomas Kürstner, einen Abend aus Jazz, Schauspiel und klassischem Gesang gestaltet. Sie las einen Epilog der dänischen Autorin Inga Christensen. Darin heißt es: „Das Wichtige ist nicht das, was wir sind, sondern das, was wir sein könnten.“ Sie findet diesen Satz sehr richtig. Er besagt, dass man nie stehenbleiben sollte. Und denken, dass man alles schon weiß.

„Der Mordanschlag“, ZDF, Mittwoch, 20 Uhr 15

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