Sie wissen alles. Armin Assinger, Thomas Gottschalk, Susanne Kunz, Günther Jauch und Jörg Pilawa (von links nach rechts). Foto: NDR/ARD/Max Kohr
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65 Jahre Fernsehquiz und eine neue Show Jauchgottschalkpilawa

Jan Freitag
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Unterhaltung! Unterhaltung!! Unterhaltung!!! Die ARD-Erfindung „Ich weiß alles!“ will das Erfolgsformat der Quizshow neu zusammensetzen.

Der Gott des Fernsehens, falls er (sie?) existiert, ist ein gütiges Wesen und ein strafendes zugleich. Es bereitet uns Vergnügen und Verdruss, Wohlbehagen und Qual, Zufriedenheit, Abscheu oder Ernüchterung – nicht selten alles in ein und derselben Sendesekunde. Und für dieses himmlische Purgatorium wurde den Gläubigen einst eine Welt des kurzweiligen Zeitfraßes erschaffen: weiße Götter, ulkige Ermittler, sprechende Affen, heiße Stühle, dazu scripted reality, Bayern auf Rügen, „Dalli Dalli“, das „Traumschiff“, die „Schwarzwaldklinik“, den Samstagabend als Kollektiverlebnis und beileibe nicht nur dort ein Basisgewürz leichter Fernsehkost: die Quiz-Show.

Seit genau 65 Jahren, als das Genre mit Hans-Joachim Kulenkampffs „Wer gegen wen?“ auch hierzulande ihr Bildschirmdebüt feierte, gehöre es aus Sicht ihres führenden Entwicklers Andreas Gerling „zur Grundausstattung des deutschen Fernsehens“. Und bis dato, sekundiert sein Auftraggeber Thomas Schreiber beim Dreiergespräch, „lief es im Radio rauf und runter“. Beide müssen es ja wissen. Als „Abteilungsleiter Show, Musik und Quiz“ ist Gerling beim Norddeutschen Rundfunk zuständig für das, was sein Chef Schreiber, ebenfalls NDR, an vorderster ARD-Front koordiniert: Unterhaltung! Unterhaltung!! Unterhaltung!!! Am liebsten mit lebenden Fernsehfossilien wie Günther Jauch, 62, oder Thomas Gottschalk, 68.

Dummerweise ist das sichtbar gealterte Odd Couple öffentlich-rechtlicher Monopolzeiten vorwiegend anderen verpflichtet. Zum Beispiel RTL, wo es zuletzt den leicht würdelosen Spielspaß „Denn sie wissen nicht, was passiert“ veranstaltet hat. Umso kurioser ist es da, dass beide zwei, drei Medienrevolutionen nach ihrem Karrierebeginn nun zusammen in einem ARD-Quiz vor der Kamera stehen. Denn obwohl „Ich weiß alles!“ mit Jörg Pilawa, 53, von einem weiteren Serientäter gefälligen Primetime-Entertainments moderiert wird, bezeichnet der verantwortliche Schreiber das Resultat als „sehr innovativ“, was sein kreativer Kopf Gerling allein schon durchs Ziel gewährleistet sieht, „das Genre durch neue Elemente neu zu definieren“.

Wobei – neu?

Produziert von Jauchs rühriger Fernsehfabrik i&u, vereinigt die Eurovisions-Sendung vor allem das, was auf dem heillos überhitzten Rate-Markt längst erfolgreich ist. Wie im ewigen SWR-Quiz „Ich trage einen großen Namen“ sind die Kandidaten mal Nachfahren historischer Persönlichkeiten, mal Alles- und Allwisser.


Da ist vom unbezwingbaren Sog dieser Art Fernsehen nicht die Rede


In der ersten Runde stellt sich daher nicht nur Albert Einsteins Urenkel, sondern auch der Direktor des Berliner Naturkundemuseums, Johannes Vogel, einer Riege fachkundiger Promis von Lothar Matthäus (Fußball) über Ben Becker (Goethe) bis Thomas Gottschalk (Beatles), bevor es die zehn Teilnehmer im Kampf um 100 000 Mark, äh, Euro, mit der Schwarmintelligenz von 1000 Studiogästen (siehe „Die Weisheit der Vielen“) und drei Quizprofis (vergleiche „5 gegen Jauch“) verschiedener Nationalität (Vorbild: „Spiel für dein Land“) zu tun kriegen.

Dennoch findet es Andreas Gerling „verkürzt“, sein Baby als bloße Kreuzung tradierter Quizformate mit immer gleichen Hosts in wechselnd gleicher Rätselkonstellation abzutun. Die österreichische Moderatorin Susanne Kunz sei dem deutschen Publikum als Gegnerin der Finalrunde ja ebenso unbekannt wie ihr österreichische Kollege Armin Assinger, unter anderem Moderator der ORF-„Millionenshow“.

Auch dass „Jauch und Pilawa ihre Erfahrung aus 4000 Quizsendungen erstmals gemeinsam einbringen“, empfindet der Erfinder als Reform und verweist auf den „europäischen Gedanken“ als Alleinstellungsmerkmal. Und da ist vom unbezwingbaren Sog dieser Art Fernsehen noch nicht mal die Rede.

Man muss in der Tat kein Prophet sein, um der ersten von vorerst drei Folgen zur besten Sendezeit große Resonanz vorherzusagen. Egal ob mit oder ohne Pilawajauchgottschalk – wann immer der NDR im Auftrag des Ersten zum heiteren Frage-Antwort-Spiel lädt, bringt es mit relativ geringem Kostenaufwand relativ hohe Quoten und somit abseits vom Fußball eines der letzten Lagerfeuer der digitalisierten Medienrepublik zum Lodern. Auch nach fast 200 Minuten Premiere werden ARD und ZDF also nicht müde, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen. Warum auch? Das Publikum zieht millionenfach mit – aus Lust am Mitraten, Mitfiebern, Mitfeiern, aber auch aus Genügsamkeit, Tradition, vielleicht auch aus einer gewissen Lähmung heraus.

„Ich würde mir wünschen“, sagt Moderator Jörg Pilawa in der „Hörzu“, „dass die Sendung in einem modernen Gewand wieder die Tradition der guten alten Familienshow aufnimmt“. Als Referenzgröße dient der ARD offenbar Kulenkampffs Quizlegende „Einer wird gewinnen“. Gesendet wurde es anfangs noch in Schwarz-Weiß. Damals folgte „Das Wort zum Sonntag“. Heute sind die „Tagesthemen“ dazwischengeschoben.

„Ich weiß alles!“, ARD, Samstag, um 20 Uhr 15

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