Kunstinstallation von Dan Graham in Nordland, Norwegen. Foto: Imago
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Zum Tod des Künstlers Dan Graham Spieler mit dem Spiegelbild

Lange vor dem Selfie-Wahn beschäftigte er sich in seinen Installationen mit der Selbstbetrachtung. Zum Tod des Künstlers Dan Graham.

Am liebsten betrachtet der Mensch – sich selbst. Diese Erfahrung bestätigt sich stets und überall; die Selfie-Manie ist nur die zeitgemäße, technisierte Form der Selbstbetrachtung. Oder sollte man lieber „Selbstbespiegelung“ sagen?

Dann nämlich ist man ganz nah bei Dan Graham, dem Künstler, der die Spiegelung und das Vexierbild zu höchster Vollendung geführt hat. Graham ist mit seinen Pavillons aus transparentem Zweiweg-Spiegelglas bekannt geworden, so sehr, dass bald überall auf größeren Ausstellungen zur Gegenwartskunst eine solche Konstruktion zu finden war, vom Publikum geliebt, das teils durch das Glas hindurchschauen, teils sich darin spiegeln, sich verborgen wähnen und sich eben dabei beobachten konnte. Und weiterhin kann, denn Grahams Installationen sind dauerhaft, sowohl was ihre Konstruktion angeht als auch ihr Faszinosum.

Sie sind in bestem Sinne zeitlos; keiner Mode zugehörig, keinem Stil, sondern, wenn überhaupt, eingebettet in die Geschichte der Architektur. Graham, der Autodidakt aus der Kunstmetropole New York, hat sich den Bezug zur Architektur erst erarbeiten müssen. Nach einem Studium der Philosophie begann er seine künstlerische Arbeit 1966 mit einer Fotoserie über die endlos gereihten Wohnhäuser der amerikanischen Vorstadt, der er den ganz unironischen Titel „Homes for America“ gab.

Wie der Mensch sich selbst wahrnimmt

Diese Arbeit fügte sich von selbst in die in New York aufkommenden Richtungen der Konzeptkunst und der Minimal Art ein, zweier verwandter Ansätze, die die Idee über die Ausführung und die Gleichförmigkeit über den individuellen Ausdruck stellen. Tatsächlich verfolgte Graham eine ganz eigene Fragestellung, nämlich die nach der Wahrnehmung, nicht sowohl von etwas als vielmehr ihrer selbst. Will sagen: wie sich der Mensch selbst wahrnimmt, während er sich wahrnimmt.

Dan Graham (rechts) und der Architekt Jacques Herzog 2015. Foto: picture alliance / dpa Vergrößern
Dan Graham (rechts) und der Architekt Jacques Herzog 2015. © picture alliance / dpa

Dazu ersann er eine Videoinstallation in einem verspiegelten Interieur, in dem eine Kamera den Besucher-Betrachter aufnimmt und sein Bild mit Zeitverzögerung auf einem Videobildschirm wiedergibt, so dass der Betrachter sich zugleich in Gegenwart und Vergangenheit sieht, diese Vergangenheit aber beständig korrigieren kann. Zudem nimmt die Kamera auch den Videobildschirm auf, wiederholt also den Prozess der Zeitverzögerung ein weiteres Mal. Ein vertracktes Spiel also, das Graham mit der Neugier des Betrachters spielt.

Der Schlüssel ist das Spiel

„Spiel“ ist der Schlüssel zu Grahams Werk. Denn als er begann, kleine, temporäre Architekturen, eben Pavillons, aus verspiegelten und semitransparenten Gläsern zu bauen, hatte er die Fest- und Gartenarchitekturen im Sinn, wie sie in früheren Zeiten in fürstlichen Parks aufgestellt wurden und sich in Gestalt von luftigen Musikpavillons ins bürgerliche Zeitalter gerettet hatten.

Das Café Bravo im Hof der Kunst-Werke in Berlin. Foto: Uwe Walter Vergrößern
Das Café Bravo im Hof der Kunst-Werke in Berlin. © Uwe Walter

Nun baute Graham solche Pavillons, die man betreten und durchlaufen kann, von innen wie von außen betrachten und sich an sich selbst und den anderen Besuchern vergnügen mag. Hierzulande war es die im Zehnjahresrhythmus veranstaltete Ausstellung „Skulptur. Projekte in Münster“, die bei ihrer zweiten und dritten Auflage 1987 und 1997 mit großem Erfolg Dan Grahams Pavillons zeigte; beide Male übrigens sehr präzise auf die räumliche und historische Situation bezogen, in der die jeweilige Installation in Münster ihren Platz fand.

Sehen und Gesehenwerden

In diesen Jahren erlebte Graham seine größte Popularität bei Publikum wie bei Ausstellungsmachern. Mit dem Café Bravo im Hof der Berliner Kunst-Werke überschritt Graham die Trennlinie zwischen reiner und angewandter Kunst; ansonsten sind seine Pavillons ganz allein dem Sehen und Gesehenwerden verpflichtet, nicht der baulichen Umhüllung eines so profanen Zwecks wie dem des Getränkeausschanks. Obgleich – seine Referenz, beispielsweise beim „Oktogon für Münster“ 1987, war doch gerade ein Teehäuschen, das dort in unmittelbarer Nähe einmal gestanden haben soll.

Doch ebenso auf die berühmte „Urhütte“, die in der Architekturtheorie eine große Rolle spielt, gingen seine Kleinbauten zurück. Er selbst ist den Interpreten nicht ins Wort gefallen; bisweilen konnte man ihn beobachten, wie er seinerseits, in gebührendem Abstand, die Wirkung seiner Pavillons auf die Besucher ermaß. Nun ist Dan Graham, wie erst jetzt bekannt wurde, am vergangenen Samstag in New York im Alter von 79 Jahren gestorben. Seine Pavillons werden bleiben, solange Menschen neugierig sind auf sich selbst.

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