Der nordmazedonische Dichter, Essayist und Übersetzer Nikola Madirov, Jahrgang 1973. Foto: Poesiefestival Berlin
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Zum Auftakt des Poesiefestivals Wie es sich anfühlt, in einer bedrohten Sprache zu schreiben

Nikola Madžirov

Nikola Madžirov verfasst seine Bücher auf Mazedonisch, obwohl die Sprache nur von wenigen auf dem Balkan anerkannt wird. Ein Gastbeitrag über den Wert kleiner Sprachgemeinschaften.

Der nordmazedonische Dichter, Essayist und Übersetzer Nikola Madžirov, Jahrgang 1973, war 2016/17 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Im Hanser Verlag erschien zuletzt sein Gedichtband „Versetzter Stein“, den Alexander Sitzmann - wie auch diesen Essay - übersetzt hat.

Ich wurde auf dem Balkan mit einem ererbten Herzschrittmacher geboren, der ständig die Arrhythmie eines ererbten mentalen Konflikts zwischen Ost und West beruhigt. Die Tiefe des Konflikts liegt nicht in den Himmelsrichtungen und ihrer dabei mehr historisch-zivilisatorischen als geographischen Bestimmtheit begründet, sondern im Akt des Erbens, denn Erbkrankheiten sind am schwersten zu heilen, genauso wie geerbte Immobilien und Felder am schwersten zu teilen sind.

Ich habe eine Sprache geerbt, das Mazedonische, die von den meisten auf dem Balkan nicht anerkannt wird, vielleicht deshalb weil sie Teil von ihm und seiner Geschichte ist, und hier finden die Kriege für eine bessere Vergangenheit statt. Die mazedonische Gegenwartsliteratur steht in ständigem Dialog mit den lebendigen europäischen Stimmen der Literatur, und dies ist die einzige Art und Weise, nicht in den extravaganten Museen für verschwundene Zivilisationen oder ausgestopfte Tiere zu enden.

Der isländische Dichter Sjón meint, dass seine Landsleute sehr gern sagen, die isländische Sprache sei eine Sprache, die nur von wenigen gesprochen wird, statt zu sagen, dass sie in einer kleinen Sprache sprechen oder schreiben.

Mit reinem literarischem und zivilisatorischem Gewissen kann man behaupten, dass es keine großen und kleinen Sprachen gibt, sondern nur Sprachen, die von einer kleineren oder größeren Anzahl von Menschen gesprochen werden. Deshalb kann man den Menschen die Sprache auch nicht wegnehmen, aber der Sprache können die Menschen weggenommen werden.

Europa als Grenze und Brücke. Viadukt aus der Römerzeit bei Skopje, Nordmazedonien. Foto: imago/Gerhard Leber Vergrößern
Europa als Grenze und Brücke. Viadukt aus der Römerzeit bei Skopje, Nordmazedonien. © imago/Gerhard Leber

Es gibt keine bedauernswertere Wahrheit über die Literatur, als wenn dein Schaffen als eines aus der Position einer bedrohten Art aufgefasst wird, hinter dem dicken Glas des kulturologischen oder sprachlichen Reservats, mit diesem trügerischen Gefühl von Sicherheit.

In einem seiner Essays warnt Madžunkov davor, dass die Schmetterlinge im Amazonas-Regenwald eine größere Chance haben, erinnert zu werden, als die Sprachen der dortig ansässigen Völker. Vielleicht weil wir den Augenblick des heimlichen und schnellen Todes der Schmetterlinge nicht bezeugen, wohl aber über Generationen Zeugen des langsamen Sterbens einer Sprache oder einer ganzen Kultur sein können.

Die ubychische Sprache starb am 7. Oktober 1992 mit ihrem letzten Sprecher Tevfik Esenç. Im Gedicht „Der Letzte, der Ubykh sprach“ schreibt John Burnside: „Jahre des Schweigens stauten sich in der Hitze, / während er im Hof stand / und den Namen eines Vogels / in seiner Muttersprache flüsterte (…) doch später würden sie sich jenes Wort einprägen, / das er an jenem Morgen gesprochen hatte, kurz bevor er starb: / vielleicht das Wort für Tod, / oder Wiesengras …“

Wie sieht die in Stein gemeißelte Grabinschrift der Sprachen aus, die sterben? Ob ihnen die Zivilisation jeden Morgen eine frische Blume aufs Grab legt, oder leben dort nur die künstlichen Blumen der statistisch-historischen Fakten? In einem Brief an Paul Celan schreibt Jehuda Amichai: „Es ist nun zwar ein schweres Joch das Sie mir auferlegt haben indem ich ganz Israel auf meinen Schultern trage. Wenn man Hebräisch schreibt, verbindet man die eigene Existenz mit der Existenz der Sprache und des Volkes.“

Übersetzen ist ein Ritual

Andererseits sagte Mahmud Darwisch, er träume davon, ein Dichter aus Troja zu sein, um dessen Fall auf andere Weise zu bezeugen, anstelle der bisherigen poetischen Testamente, verfasst von den Dichtern der siegreichen Seite. Ein Dichter der besiegten und zerstörten Stadt zu sein oder „geboren in einem im Sprachengarten niedergetrampelten Stamm“, wie Koneski sagen würde, ist eine größere Herausforderung für das Schreiben, als laut die Welt der Kristallzimmer im Tempel der Eroberer zu betrauern.

Der Same jeder Sprache lebt in der Zuflucht der Übersetzung. Übersetzen ist ein Ritual, ein Gebet des Gebets, ein Wind, der die Flamme trägt, eine Verkörperung der Stimme, die dir nicht gehört, sondern mit deinen nicht ausgesprochenen Worten spricht. Für den Dichter ist die Sprache mehr als ein Instrument oder eine verbale Antwort auf die Einzigartigkeit der Welt.

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Die Sprache ist ein Körper, in dem er alle Leidenschaften und Einschränkungen fühlt, eine Art, den Instinkt für Wahrheit zu übersetzen. Ich glaube, Übersetzen und Schreiben haben keine Grenze zwischen sich, auch wenn der Dichter ein unsichtbarer Hüter der Übersetzung ist und der Übersetzer ein historischer Hüter der Dichtung.

Es ist nicht meine Schuld, dass ich in der Muttersprache schreibe, geboren im Vaterland. Die Sprache als Mutter – das Land als Vater. Ich sehe mich eher als Kind, das sich über die Welt wundert, ohne die Sprachen der Benennungen für Gegenstände, Straßen und Meere zu kennen. Mandelstam schrieb, dass die Exkommunikation aus der Sprache eine Exkommunikation aus der Geschichte sei. Nur die Sprache der Kindheit kann nicht getötet werden – weil sie nicht in den Archiven der allgemeinen Geschichte existiert.

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