Alice Salomon wurde am 19. April 1872 in ein jüdisches Elternhaus in Berlin geboren. Foto: National Library of Israel, Schwadron Collection
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Zum 150. Geburtstag von Alice Salomon Die vergessene Bürgerin

Magnus Klaue

Schulen und Straßen sind nach Alice Salomon benannt, doch ihr Werk ist kaum bekannt. Auch der heutige Feminismus weiß wenig mit der Sozialreformerin anzufangen.

Im Mai 1933 erhielt Alice Salomon in ihrer Funktion als Leiterin der von ihr acht Jahre zuvor gegründeten Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit ein Schreiben des Reichsministeriums des Innern. Darin wurde sie aufgefordert, die jüdische Pädagogin und Volkswirtin Hilde Lion, die seit 1929 Direktorin der Akademie war, zu entlassen. Die Bildungsstätte sei, hieß es zur Begründung, eine „Brutstätte des Kommunismus“. Salomon kommentierte den Vorgang später mit den Worten: „Das war natürlich absurd, wenn überhaupt, dann tendierten Studenten und Lehrkräfte zum Konservatismus. (...) Ich erklärte, dass wir Dr. Lion deshalb ernannt hatten, weil sie die Beste für diese Stellung und eine der begabtesten Frauen ihrer Generation war; außerdem habe sie einen Vertrag auf Lebenszeit.“

Tatsächlich war Lion bis zur Machtübertragung an die Nationalsozialisten Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) gewesen und hatte 1924 bei dem Soziologen Leopold von Wiese eine Dissertation über „Die klassenkämpferische und die katholisch-konfessionelle deutsche Frauenbewegung“ vorgelegt, die schon im Titel eine Distanz gegenüber der sozialistischen Frauenbewegung zum Ausdruck brachte, die sie mit der eher konservativen Salomon teilte.

In Salomons rückblickender Darstellung ist der Universalismus festgehalten, der ihre Haltung zur „Frauenfrage“ wie zum Judentum prägte. Am 19. April 1872 als viertes von acht Kindern eines großbürgerlichen jüdischen Elternhauses in Berlin geboren – der Vater war Kaufmann, die Mutter stammte aus einer Breslauer Bankiersfamilie –, hatte sie seit ihrer Jugend die Kluft erfahren, die auf verschiedene Weise für Frauen und Juden zwischen dem bürgerlichen Freiheitsversprechen und der Wirklichkeit bestand. Anders als die sozialistische Frauenbewegung antwortete die bürgerliche, der Salomon sich anschloss, auf diese Kluft nicht mit der Forderung nach einer Umwälzung der Gesellschaft, sondern nach ihrer Umgestaltung gemäß der eigenen Ideale.

Das bürgerliche Freiheits- und Gleichheitsversprechen als moralischer Imperativ

Im Alter von 21 Jahren trat sie den Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit bei, einem philanthropischen Verein, der Frauen des Bürgertums zur Arbeit in der Armenpflege ermuntern und ihre beruflichen Möglichkeiten verbessern wollte. Auch der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF), die Dachorganisation der bürgerlichen Frauenbewegung, deren stellvertretende Vorsitzende Salomon bis 1920 war, widmete sich sowohl der Förderung weiblicher Berufstätigkeit wie der Wohlfahrtspflege.

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Dass Salomon auf die Forderung nach Lions Entlassung mit dem Verweis auf deren Leistungen statt auf ihr Geschlecht oder ihre Herkunft reagierte, entsprach ihrer Liberalität. Es nützte nichts. Die Nationalsozialisten drängten Lion aus ihrem Amt, Salomon kam der Schließung der Akademie 1933 zuvor, indem sie sie auflöste. Schon 1929 hatte sie, um angesichts der Wahlerfolge der NSDAP die Arbeit der Akademie sowie der von ihr 1908 in Berlin gegründeten Sozialen Frauenschule zu sichern, die Internationale Vereinigung der Schulen für Sozialarbeit mit Dependancen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten gegründet. Obwohl sie 1914 zum Christentum konvertiert war und ihre jüdische Herkunft eher als geistigen Erfahrungshintergrund denn als kulturelle Identität ansah, galt sie den Nationalsozialisten als „volksfremd“. 1937 emigrierte sie über England nach New York.

Gesättigt mit individueller Erfahrung

Eine zweite Karriere in Amerika blieb Salomon verwehrt. Ihr 1928 mit Gertrud Bäumer, der Vorsitzenden des BDF, begonnenes Forschungsprogramm „Bestand und Erschütterung der Familie in der Gegenwart“, in dessen Rahmen bis 1933 Fallstudien über die Veränderungen der deutschen Familie seit dem Ersten Weltkrieg erschienen waren, fand keine Fortsetzung. Ihre sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Publikationen, wie das 1901 veröffentlichte „Handbuch der Frauenbewegung“, die „Darstellung der Arbeiterinnenbewegung in Deutschland“ sowie die 1926 mit der jüdischen Pädagogin Siddy Wronsky geschriebene Studie „Soziale Therapie“, ein Grundlagenwerk zur Sozialer Arbeit, hatten zu wenig mit dem Positivismus der amerikanischen Sozialwissenschaften gemein, um in den USA auf Resonanz zu stoßen.

Auch Salomons Versuche, ihre in den 1940ern verfasste Autobiographie drucken zu lassen, scheiterten. Ihr Blick auf die weibliche Berufs- und Gefühlsgeschichte war zu stark gesättigt mit individueller Erfahrung, um in der funktionalistischen amerikanischen Soziologie anerkannt zu werden, aber auch zu skeptisch gegenüber der Authentizität subjektiver Erlebnisse, um auf dem Sachbuchmarkt Popularität zu erlangen. In Deutschland durch die Zäsur der NS-Herrschaft in Vergessenheit geraten und in den USA weitgehend unbekannt geblieben, starb sie am 30. August 1948 in New York.

Erst als in den 1970ern in der Bundesrepublik eine Geschlechterforschung, die sich auf die Kritische Theorie berief und für die Autorinnen wie Ulrike Prokop, Silvia Bovenschen und Ute Frevert standen, sich auf die Ursprünge der Frauenforschung besann, wurde Salomon wieder gelesen, wenngleich kaum nachgedruckt. Ihre „Lebenserinnerungen“ erschienen 60 Jahre nach ihrem Tod, herausgegeben von der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH), wie die Nachfolgeeinrichtung der von ihr gegründeten Frauenschule seit 1991 heißt.

Dass heute zwar Berufsschulen und Gymnasien, ein ICE, ein Park sowie zahllose Straßen nach Salomon benannt sind, während weiterhin keine Gesamtausgabe ihrer Schriften existiert und die ASH im Zuge ihrer Anpassung an die Gender-Ideologie - Salomons Liberalität schroff widersprechend - im Januar 2018 ein als sexistisch inkriminiertes Gedicht Eugen Gomringers temporär von ihrer Fassade entfernen ließ, spricht nicht gegen die Aktualität von Salomons Werk, sondern gegen die Gegenwart.

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