Tradition. Ende des Monats gastiert das Tanztheater Wuppertal mit einem neuen Stück in der Volksbühne. Foto: Tanz im August/Mats Bäcker
p

Zukunft des Berliner Theaters Die Volksbühne tanzt

Ralf Stabel
0 Kommentare

Der Tanz sollte eine Rolle in der Neuausrichtung des Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz spielen. Ein Gastbeitrag des Leiters der Staatlichen Ballettschule Berlin.

Krise, Kulturkampf und Kernbestimmung sind die meistgehörten Begriffe, wenn derzeit über die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz konferiert oder geschrieben wird. Diese Kernbestimmung sei natürlich das Schauspiel mit Ensemble und Repertoire. Am Rande gibt es aber auch Stimmen, die nach weiteren Traditionslinien fragen, und wieder andere, die Experimente mit szenischen Formen mitdenken wollen. Benno Besson habe, daran wurde kürzlich auf dem Kongress zur Volksbühne in der Akademie der Künste erinnert, dieses Theater zum Tanzen gebracht. Doch, ja, auch der Tanz solle beteiligt werden, heißt es, und plötzlich erinnert man sich sogar daran, dass die Idee von der Volksbühne als Tanzhaus schon einmal im Raum stand. Warum eigentlich? Weil es für diese bemerkenswerte Gründe gibt: das Haus selbst, seine Geschichte und der zeitgenössische Bühnentanz.

Obwohl die Volksbühne permanent als Schauspielhaus bezeichnet wird, war sie dies nie ausschließlich. Man denke nur an die Inszenierungen von Fritsch und Marthaler! Darüber hinaus ist sie „auf eine Art sogar ungeeignet für reines Sprechtheater, sehr kompliziert für die leisen und Zwischentöne“, meint Thomas Martin, immerhin ehemaliger Produktionsleiter dieses Hauses.

Und was für Schauspiel vielleicht ungünstig ist, ist für den Tanz jedoch ideal: ebendiese große Bühne und ein Zuschauerraum, in dem man von jedem Platz die Bühne gut einsehen kann. Beispiele aus jeder Epoche zeigen, wie dicht und auch widerständig der Tanz am Puls der Zeit agierte. Allein von ihrer Eröffnung 1914 bis zur Beschädigung und Schließung 1944 werden in der Berliner Volksbühne mehr als 150 Tanzaufführungen gezeigt. Auch nach dem Krieg geht es mit dem Tanzen auf dieser Berliner Bühne unvermindert weiter. Die Volksbühne war über 100 Jahre lang auch das Berliner Tanz-Theater.

Tumultartiger Schlagabtausch zwischen Bühne und Zuschauerraum

Anno 1916 tanzen Mitglieder des Balletts des Deutschen Opernhauses in einem gemischten Programm mit dem Titel „Sondervorstellung (zum Besten der Wohlfahrtskassen des Garde-Füsilier-Regiments)“. Diese Benefizvorstellung mag systemkonform gewesen sein, gleichzeitig aber auch dicht am Elend der Zeit. Mary Wigman tritt mit ihrer Schule erstmals 1923 auf. Artur Michel von der „Vossischen Zeitung“ meinte, dass es ein unvergleichlicher Genuss gewesen sei und „für ein tänzerisch empfänglicheres Publikum als die Volksbühnengemeinde eine Sensation“ bedeutet hätte.

Alle uns heute bekannten Größen der tänzerischen Moderne sollten ihr mit Auftritten folgen. Marianne Vogelsang tanzt 1943 in diesem Theater am Horst-Wessel-Platz ihr „Wiegenlied für einen Gehenkten“. Am Tag darauf steht die Reichstheaterkammer kopf. Widerstand, den mit Worten zu dieser Zeit kaum noch jemand von den auf der Bühne Verbliebenen anzubringen wagte, wurde hier getanzt und verstanden! 1984 kommt es während der von Jean Weidt organisierten 23. „Stunde des Tanzes“ zu einem Tanz-Theater-Skandal in der DDR. Zur Musik der Gruppe Neue Musik Hanns Eisler sollen „Briefe aus dem Gefängnis“ von Rosa Luxemburg getanzt werden. Deutlicher konnte man auf das Eingesperrtsein in diesem Land nicht anspielen.

Es kommt zu tumultartigem Schlagabtausch zwischen Bühne und Zuschauerraum, woraufhin diese Aufführung abgebrochen werden muss. Wie sich dann nach der Wende ab 1993 Johann Kresnik – in der Intendanz von Frank Castorf – mit seinem choreografischen Theater zehn Jahren lang an Geschichte und Gegenwart, an unseren Mythen und Helden abgearbeitet hat, hinterließ bleibende Erinnerungen. In diesem Jahr gastiert das Tanztheater Wuppertal beim Festival „Tanz im August“ in der Volksbühne, wo sonst.

Einzig Handeln ist Theater

Die Volksbühne in der Mitte der Stadt ist das einzige Berliner Theater, in dem seit der Eröffnung auf derartig vielfältige Weise präsentiert wurde, was der Tanz zu seiner Zeit sein wollte oder sein sollte. Es ist also nicht so, wie ein weitverbreitetes Vorurteil vielleicht glauben machen will, dass der Tanz nur die heitere Muse wäre, ästhetisch schön, am Gehirn vorbei direkt aufs Herz zielend.

Aristoteles schrieb vor mehr als 2000 Jahren in seiner „Poetik“, dem ersten Handbuch übers Theater: „Ziel allen Dramas ist die Handlung.“ So lapidar, wie es sich liest, ist es nicht. Denn nicht (nur) Sprechen oder Singen ist Theater, sondern einzig Handeln ist es. Und wo sonst wird so berührend und einfühlsam und doch auch so deutlich und nachvollziehbar gehandelt wie im Tanz?

Tanz ist jung und divers - das braucht die Volksbühne

Derzeit steht die politische Aufforderung im Raum, dass junge Leute, möglichst vielfältiger Herkunft, mit Frauen im Team, nun das Haus aus der Krise führen sollen. Wenn es irgendwo kompetente junge Teams von Frauen und Männern aus unterschiedlichsten Kulturen und in ganz offen gelebter Diversität gibt, dann im Tanz.

Als vor hundert Jahren in Köln über die Einrichtung eines eigenständigen theaterwissenschaftlichen Instituts mit eigenem Studiengang und Promotionsrecht diskutiert wurde, soll ein Vertreter der philosophischen Fakultät entsetzt ausgerufen haben: Oh Gott, dann kommen doch die Tänzerinnen an die Universität! Mittlerweile sollte man so gelassen wie interessiert beobachten können, wie Tänzerinnen und Tänzer sich in die Leitung eines Theaters einbringen würden. Wenn irgendwo ein solches Projekt gestartet werden könnte, dann hier und heute. Und Ivan Nagel wäre mit seiner Prophezeiung von 1991 für dieses Haus wieder topaktuell: in drei Jahren weltberühmt oder tot.

Zur Startseite