Das Orquesta Sinfonica Nacional Juvenil (Dominikanische Republik) mit seinem Dirigenten Alberto Rincon Foto: MUTESOUVENIR | KAI BIENERT
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"Young Euro Classic"-Festival 2019 Feuer, Wasser, Lust

Gäste aus der Karibik: Das nationale Jugendorchester der Dominikanischen Republik im Berliner Konzerthaus

So richtig gute Erinnerungen an seine Zeit als Berliner Protokollchef dürfte Volker Pellet nicht haben. Denn nicht lange, nachdem der Diplomat sein Amt in der Hauptstadt angetreten hatte, setzte ihm der Regierende Bürgermeister Michael Müller unerwartet eine Chefin vor die Nase. Sawsan Chebli nämlich, die als Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales auch die Zuständigkeit für das Protokoll erhielt – gegen die bisherigen Gepflogenheiten. Nach nur zweieinhalb Jahren zog es Volker Pellet vor, sich vom Auswärtigen Amt ganz weit weg versetzen zu lassen.

Als Botschafter in der Dominikanischen Republik lernte er das Orquestra Sinfonica Nacional Juvenil des Inselstaates kennen. Er war sofort so begeistert von der Klassikpflege in der Karibik, dass er die Macher des Young Euro Classic- Festivals kontaktierte. Und tatsächlich gelang es mit vereinten Kräften von Sponsoren und staatlichen Stellen, das Ensemble an den Gendarmenmarkt zu holen. Fast 8000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik, und Berlin, ein Hin- und Rückflug über diese Distanz sorgt laut Atmosfair für 4970 kg CO2-Emissionen.

Das Publikum gerät in Verzückung

Rund 80 junge Musikerinnen und Musiker sitzen am Sonntag im Konzerthaus auf dem Podium, das ist ein großer Fußabdruck für ein einziges Konzert. Das Publikum im ausverkauften Saal allerdings scheint fest entschlossen, die negative Klimawirkung zumindest mit dem Applaus zu kompensieren. Extrem herzlich fällt schon die Begrüßung aus, nach der Pause ist kurzzeitig das in Deutschland aus guten Gründen seltene Phänomen des rhythmischen Klatschens zu erleben. Durch die Uraufführung des Abends – eine nach dem touristischen Ostzipfel der Insel „Punta Cana“ benannte Tanzsuite von Caonex Peguero- Camilo – sowie die beiden ebenfalls südamerikanischen Zugaben gerät das Publikum vollends in Verzückung. Die Celli und Kontrabässe rotieren um die eigene Achse, die Holzbläser rufen Ho-Ao“, das Blech springt auf, auf der Bühne wie in den Sitzreihen werden blau-weiß-rote Fahnen geschwenkt .

Kultursenator Klaus Lederer hatte in seiner Begrüßung davon gesprochen, dass er „Young Euro Classic“ deshalb so mag, weil hier „immer die Post abgeht“. An Leidenschaft mangelt es den Gästen wahrlich nicht. Wohl aber an fast allem, was sich unter dem Begriff Orchesterkultur zusammenfassen lässt. Bei Tschaikowskys „Romeo und Julia“, bei Manuel de Fallas „El amor brujo“, bei Dvobáks „Aus der Neuen Welt“ erklingen alle notierten Noten, technische Patzer halten sich in Grenzen – und doch gelingen dem Dirigenten Alberto Rincon keine überzeugenden Interpretationen. Weil die Balance von Haupt- und Nebenstimmen nicht stimmt, weil es kaum Lautstärke-Nuancen gibt, weil der große gedankliche Bogen fehlt, sodass alles in blockhafte Stücke zerfällt. Schöne Ausnahme: der langsame Satz der Dvobák-Sinfonie. Er berührt, wirkt atmosphärisch geschlossen, weil alle Beteiligten hier dann doch einmal zu einem gemeinsamen Atem finden.

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