Meisterinnen der Leichtigkeit. Haim aus Kalifornien. Foto: Reto Schmid
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„Women in Music Pt. III“ von Haim Aber da leben? Nein danke!

Das Schwestern-Trio Haim hadert mit Los Angeles, möchte aber auch nicht nach New York ziehen.

New York und Los Angeles liegen nicht nur geografisch an den entgegengesetzten Enden der USA. Auch beim Lebensgefühl gibt es kaum größere Gegensätze: im Osten der den Launen der Jahreszeiten ausgesetzte, in die Vertikale wuchernde Moloch, der den Bewohnern Weltstadtflair bietet, aber auch viel abverlangt. Im Westen die in alle Himmelsrichtungen mäandernde Metropole eines ewigen Sommers, die mit trügerischen Glücksversprechen lockt.

Die Band Haim ist ein Wunschkind der Westküste. Nicht nur, dass die Schwestern Danielle, Este und Alana Haim im idyllischen San Fernando Valley nördlich von L.A. aufwuchsen, ihre Musik verkörperte auch den optimistischen Spirit Kaliforniens. In den hypermelodischen Songs ihres Debütalbums „Days Are Gone“ spiegelte sich die Liebe für den glattpolierten Yachtpop der 80er, dessen prominenteste Vertreter sich unter den Palmen von L.A. tummelten.

Auf ihrem dritten Album „Women in Music Pt. III“ (Vertigo/Universal) kehren Haim dem Sound ihrer Stadt nicht den Rücken zu, doch hat sich der Blick hin zu einer weltumarmenden Pop-Rezeption erweitert. Das zeigen exemplarisch die beiden Stücke, die die 16 Songs einrahmen: Im Opener „Los Angeles“ hadert Danielle mit ihrer Heimat, ist sich aber auch bewusst, dass es anderswo nicht unbedingt besser ist. New York hält sie zwar für „clearly the greatest city in the world“, aber ihr Fazit nach einem Winter dort lautet so kurz wie bündig: „Nope“.

Passenderweise klingt der verschlurfte Reggae-Pop überhaupt nicht nach Pazifikstrand, sondern wie eine mit frierenden Fingern nachgespielte Postpunk-Version von Reggae, die Anfang der 80er im Big Apple hätte entstehen können.

Noch deutlicher weist das tüdelige Saxofon nach Osten, ist es doch wie der Doopdoodoop- Chorus ein Echo aus einem der bekanntesten Stücke der New Yorker Musikhistorie: Lou Reeds „Walk On The Wild Side“. Am Ende der Platte zitieren in „Summer Girl“ nicht nur Saxofon und Chor, sondern auch Estes tiefenentspannter Bass und die Streicher Reeds Hymne der Abgestürzten. Beide Stücke sind großartig und in ihrer wie im Proberaum hingeschrammelten Lässigkeit eine Antithese zu Haims früherem, um Klangperfektion bemühtem Bandsound.

Textlich ist „Women in Music Pt. III“ ein erstaunlich nachdenkliches, bisweilen düsteres Werk. Die Haim-Schwestern reflektieren nach einem Jahrzehnt im Rampenlicht die Kehrseiten des Popbusiness, regen sich über unverschämte Interviewfragen auf (in der tollen Joni-Mitchell-Hommage „Man From The Magazine“), wehren sich, wie schon im sarkastischen Albumtitel, gegen das abwertende Label „Frauenband“, singen aber auch über scheiternde Beziehungen, Depressionen, Krankheit und Tod.

Trotz der ernsten Themen zieht einen keines dieser Lieder runter. Unterstützt von Star-Produzent Ariel Rechtshaid, mit dem Danielle liiert ist, sowie Rostam Batmanglij (Ex-Vampire Weekend) haben sich die Schwestern lockergemacht und wildern unbeschwert durch die Pop-Jahrzehnte.

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Sie schnappen sich buttrige 90er- Hip-Hop-Beats („3 AM“), das Gitarrenmotiv aus „Edge Of Seventeen“ von ihrer Heldin Stevie Nicks („Now I’m In It“), bleischwere Glamrock-Riffs („Up From A Dream“), Powerpop-Americana zwischen Tom Petty und Bangles („I’ve Been Down“) oder haarscharf am Mainstream vorbeiproduzierten Hochglanzpop, der Dua Lipa und Taylor Swift gut zu Gesicht stünde („I Know Alone“).

Eins ihrer Vorbilder ist unüberhörbar Prince. Minimalistische Gitarrenlicks und jubilierende Soli verweisen ebenso auf das verstorbene Genie wie die Melodieführung von „FUBT“, die an Prince’ „I Would Die 4 U“ erinnert.

Richtungslosigkeit mit großem Gestaltungswille

Eine Platte als Gemischtwarenladen ist zunächst nichts Besonderes in Zeiten, in denen über Streamingdienste das musikalische Erbe der Menschheit verfügbar ist. Doch Haim verlieren sich nicht im Anekdotischen eines auf immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen reagierenden Playlist-Pops.

Ihre Stücke mögen beim oberflächlichen Hören skizzenhaft wirken. Hinter der vermeintlichen Richtungslosigkeit steckt aber großer Gestaltungswille – und kompositorische Könnerschaft. Dies leicht klingen zu lassen, ist eine große Kunst.

Und über allem schweben die hinreißenden Gesangsätze der Schwestern, die alle zentrifugalen Elemente zusammenhalten. Nach dem elegant stagnierenden „Something To Tell You“ (2017) haben Haim mit „Women in Music Pt. III“ einen Riesenschritt gemacht. Dieser Mut sollte belohnt werden.

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