Nina Hoss spielt in „Pelikanblut“ eine Pferdeflüsterin mit einem großen Herz für traumatisierte Wesen. Foto: DCM
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Wilder Mix aus Horror und Western Nina Hoss spielt in „Pelikanblut“ ein Cowgirl mit besessenem Kind

Die Schauspielerin probiert sich im Film an weißer Pädagogik – und schwarzer Magie. Hier spricht sie über ihre ungewöhnliche Mutterrolle und Frauenfiguren im Kino.

Nina Hoss im Marlboroland. Den Cowboyhut in die Stirn gezogen steht sie im Gegenlicht, das ihrer Silhouette einen goldenen Weichzeichner-Effekt verleiht. Im amerikanischen Kino sind Westernrollen meist Eitelkeitenprojekte, in Deutschland kann der Ausflug in die „Americana“ dagegen schnell peinlich wirken.

Nina Hoss läuft also über die Koppel ihrer Ranch, die der Landschaft und den Fördergremien nach zu urteilen, irgendwo im norddeutschen Flachland liegen könnte. Sie bewegt sich mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte sie nie etwas Anderes gespielt.

Nach sechs Filmen mit Christian Petzold war Nina Hoss auf die Rolle enigmatischer, auch leicht ätherischer Frauenfiguren festgelegt. Ihr Spiel vermied jede Figurenpsychologie, Hoss’ flüchtige Präsenz besaß genug Beweiskraft. Eine perfekte Erscheinung für Petzolds Gespensterkino.

Cowgirl in der deutschen Heide

Durch „Pelikanblut“, den zweiten Spielfilm von Katrin Gebbe, marschiert Nina Hoss wie eine Westernikone. Wiebke trainiert Pferde für eine Polizeistaffel, mistet Ställe aus und macht mit der Axt, ganz am Ende, unaussprechliche Dinge. Ihr Auftritt sieht nicht danach aus, als pflege Hoss lediglich Eitelkeiten, auch wenn die Narbe am Auge dekorativ platziert ist.

Aber wie oft hat man im deutschen Kino schon die Chance, ein Cowgirl zu spielen? Darauf angesprochen, muss Nina Hoss lachen. „Ich glaube Katrin läuft schon mal ganz gerne im Cowboyhut rum. Und ich auch. Wir haben beide eine Affinität zum Western, darüber mussten wir uns vorab nicht verständigen.“

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Genrekino genießt in Deutschland unter Produzenten einen zweifelhaften Ruf, aber Katrin Gebbe hat sich schon bei ihrem Debüt „Tore tanzt“, das 2013 in Cannes lief, von niemandem reinreden lassen. Man kann sich vorstellen, wie schwer da erst die Finanzierung von „Pelikanblut“ gewesen sein muss: einem Film, der alle Genregrenzen sprengt.

Die Filmgeschichte kennt Western mit einem Mutterdrama im Mittelpunkt (Cate Blanchett in „The Missing“), es gibt Horrorfilme mit traumatisierten Müttern („Rosemarys Baby“) und sogar wenige, sehr gute Horror-Western (Kathryn Bigelows „Near Dark“). Aber einen Western über eine Mutter, die ein vom Bösen besessenes Kind adoptiert ... Die Kritik runzelte vergangenes Jahr in Venedig, wo „Pelikenblut“ die Nebenreihe „Orizzonte“ eröffnete, kollektiv die Stirn.

Ein Lächeln wie Mörderpuppe Chucky

„Ich finde es schade, dass das Genrekino in Deutschland so marginalisiert ist“, sagte Hoss beim Interview im März, einen Tag, bevor die Kinos schlossen. „Gute Genrefilme sind mutig, sie überwinden Grenzen. Der Horror hebt den Film, die Ästhetik und die Figuren, aus den Angeln.“ Wiebke arbeitet als Pferdetrainerin auf ihrem Gehöft in einer pastoralen mitteleuropäischen Heidelandschaft.

Sie hat ein Herz für traumatisierte Wesen. Ihre neunjährige Tochter Nicolina (Adelia-Constance Ocleppo) entdeckte sie in einem bulgarischen Waisenhaus, wie auch den neuesten Familienzuwachs, die fünfjährige Raya (Katerina Lipovska). Als alleinstehende Frau komme man in Deutschland als Adoptivmutter nicht infrage, erklärt sie dem einheimischen Taxifahrer. Aber für Männer ist in Wiebkes Patchworkfamilie ohnehin kein Platz.

Dass mit Raya etwas nicht stimmt, merkt Wiebke schnell. Zuhause neigt das Mädchen zu Tobsuchtsanfällen, im Kindergarten vergreift es sich an Kleineren. Wenn Raya ihre Mutter anlächelt, muss man kurz an die Mörderpuppe Chucky denken. Der Kindertherapeut erklärt Wiebke, was eine reaktive Bindungsstörung ist: Der Tod der leiblichen Mutter hat Raya so traumatisiert, dass sie sich zum Selbstschutz von ihren Emotionen abkoppelt. Sie hat eine „seelische Leerstelle“.

Wiebke aber ist eine Kämpferin, vielleicht leidet sie auch unter einem Helfersyndrom. Zunächst versucht sie es mit weißer Pädagogik, um die Zuneigung Rayas zu gewinnen; sie stimuliert mit Hilfe von Medikamenten sogar ihre Muttermilchproduktion. Als das nicht hilft, wendet sie sich der schwarzen Magie zu.

Familiendrama mit Hang zum B-Movie

Im Gespräch merkt man Nina Hoss an, wie viel „Pelikanblut“ ihr bedeutet. Gebbes Filme sind im deutschen Kino produktive Störfälle, für sie fehlt jede Kategorie. „Wiebke ist keine typische Rolle für mich“, sagt Hoss, „was aber auch daran liegt, dass man als Schauspielerin schnell auf einen bestimmten Typ festgelegt wird. In meinem Selbstbild ist die Figur vollkommen stimmig. Es gibt von diesen Rollen im deutschen Film allerdings auch nicht genug."

Gebbe kokettiert mit dem B-Movie, sie nimmt die Konventionen des Horrorfilms dabei aber ernst. Ihre Bilder sind von atmosphärischen Schatten und dunkler osteuropäischer Folklore durchdrungen, der wummernde Soundtrack von Johannes Lehniger verstärkt das latente Gefühl der Bedrohung.

Es ist Wiebke, die „Pelikanblut“ in den Momenten, in denen die Handlung ins Lächerliche zu kippen droht, wieder erdet. Die Möglichkeit, das sich in der „seelischen Leerstelle“ Rayas ein Dämon eingenistet hat, erscheint plötzlich ganz real, wenn man dem Übersinnlichen so robust, so unbeirrt begegnet wie Hoss.

Das liege an den Stiefeln, meint sie nur lachend. „Boots machen den Gang schwerer. Viele meiner Figuren suchen ihre Freiheit in der Körperlichkeit. So weit ist Wiebke aber schon, sie tritt ganz selbstbewusst auf.“ Hat sie je darüber nachgedacht, dass „Pelikanblut“ am Ende albern wirken könnte? „Ich merke an den Dialogen schnell, ob ein Film funktioniert. Wenn die nicht glaubwürdig sind, kann auch die Inszenierung eine Geschichte nicht retten. Außerdem kannte ich ,Tore tanzt’, ich wusste, worauf Katrin achtet.“

Eine neue Generation von Regisseurinnen

„Pelikanblut“ ist Nina Hoss’ dritter Film hintereinander mit einer Regisseurin. Für „Das Vorspiel“ von Ina Weisse wurde sie in San Sebastian ausgezeichnet, Ende Oktober startet „Schwesterlein“ von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond. Eine Strategie stecke nicht dahinter, betont Hoss. Der Zeitplan eines Kinofilms hänge von vielen Faktoren ab. „Aber ich hab da mit Freude zugegriffen, weil es gar nicht genug tolle Geschichten von Regisseurinnen geben kann."

Die Entwicklung in den vergangenen Jahren beobachtet sie optimistisch. Zum einen bringt das deutsche Kino Regisseurinnen wie Valeska Grisebach, Nicolette Krebitz, Eva Trobisch und Nora Fingscheidt endlich die verdiente Wertschätzung entgegen. Gleichzeitig werden die Finanzierungsstrukturen durchlässiger. „Filme wie Pelikanblut dürfen nicht glatt gebügelt werden“, sagt Hoss.

Am Ende hängt ihre Rollenwahl aber nicht daran, ob eine Frau Regie führt. So sei sie auch bei der Wahl ihrer Oscar-Favoriten vorgegangen, wo Nina Hoss in diesem Jahr als neues Academy-Mitglied erstmals mitentscheiden durfte. „Frauen müssen genauso viele schlechte Filme machen dürfen wie Männer. Aber bei Preisen ist das einzige Kriterium die Qualität.“

Vielleicht noch Risikofreude. „Pelikanblut“ ist nicht perfekt, aber durch seine Brüche und Risse dringt eine Freiheit in den deutschen Film. Plötzlich scheinen sich ganz neue Möglichkeiten aufzutun. Nina Hoss fasst das Besondere an „Pelikanblut“ in einem Satz zusammen. Ein Film, sagt sie, sei immer auch eine Suche.

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