Liebe mit Hindernissen. James Stewart und Margaret Sullavan in "The Mortal Storm". Foto: Arsenal
© Arsenal

Werkschau Frank Borzage Ein Realist und Romantiker

Das Arsenal zeigt eine Werkschau des Hollywood-Regisseurs Frank Borzage.

Die expressiven Schatten in der Lichtdramaturgie von Frank Borzages „The Mortal Storm“ legen sich unheilvoll über die Abendgesellschaft der Familie Roth. Der Professor und seine zweite Ehefrau feiern Geburtstag, am Tisch sitzen außer den Stiefsöhnen noch zwei befreundete Studenten. Der eine hat gerade übergriffig um die Hand von Tochter Freya (Margaret Sullavan) angehalten.

Der zurückhaltende Martin, gespielt von James Stewart, sieht tatenlos zu, wie die Liebe seines Lebens den Antrag eines anderen annimmt. Mitten in die ausgelassene Stimmung platzt die Haushälterin: Hindenburg hat Hitler zum Reichskanzler ernannt, jetzt wird endlich alles gut!

Nur der Gastgeber und Martin reagieren verhalten auf die Nachricht; der Professor wegen seiner jüdischen Herkunft, der angehende Tierarzt aus pazifistischer Überzeugung. Die Schatten stehen für die Bedrohung, die über der Weimarer Republik aufzieht. Der Katholik Borzage hat für die Menschheit noch ein paar tröstende Worte: „Geh in die Dunkelheit und lege deine Hände in die Hand Gottes.“ Den Satz hatte ein Jahr zuvor Churchill gesagt, um seine Landsleute auf den Krieg einzustimmen.

Mit „The Mortal Storm“ schloss der US-amerikanische Regisseur Frank Borzage 1940 seine „Weimar-Trilogie“ ab. Der Film ist auch ein perfekter Auftakt für die überfällige Retrospektive, die das Arsenal einem der großen Vergessenen des klassischen Hollywoodkinos widmet. In „Little Man, What Now?“ (nach Hans Fallada) und der Remarque-Verfilmung „Three Comrades“, die das Arsenal ebenfalls zeigt, hatte Borzage die Umwälzungen in den 30er Jahren kommentiert.

„The Mortal Storm“ handelt vom deutschen Aufbruch in die Tyrannei. Chaplin machte im selben Jahr Hitler als Diktatorendarsteller lächerlich. Borzage schätzte die Gefahr realistischer ein. Dafür benötigt er ein Minimum an ästhetischen Mitteln: das Schwarz-Weiß des jungen Film Noir und Naheinstellungen von den Gesichtern seiner Darsteller – Borzages Markenzeichen.

James Stewarts zunehmend entsetzter Blick, als die Kommilitonen im Wirtshaus ein Nazilied grölen, gehört zu den unvergesslichen Szenen. Und die toten Augen des Professors, als Freya ihn ein letztes Mal im Konzentrationslager besucht. Borzage war kein Regisseur großer Worte, er blieb dem Stummfilm verbunden.

Seine Filme muten bis heute zeitlos an

Vielleicht ist der 1962 verstorbene Borzage darum auch aus der Filmgeschichtsschreibung herausgefallen. Er war kein moderner Traditionalist wie Howard Hawks oder stilbewusst wie Alfred Hitchcock. Borzages Kino ist erfüllt von einer beseelten Menschlichkeit, weswegen es heute auch so zeitlos anmutet, selbst wenn sein ätherisches Frauenbild in die Jahre gekommen ist.

François Truffaut gab später kleinlaut zu, dass selbst die jungen Franzosen um die „Cahiers du Cinéma“ Borzage nicht gekannt hatten. Wiederentdeckt wurden seine Filme in den Neunzigern ausgerechnet dort, wo das frühe Hollywood-Kino in Vergessenheit geraten war: in den Archiven der Studios. Borzage hatte für alle gearbeitet: Fox, MGM, Columbia, Paramount, Universal, Warner, United Artists, sogar für die B-Movie-Fabrik Republic. In den Zwanzigern und Dreißigern galt er Starregisseur - und als Starmacher.

Die Werkschau mit 20 seiner 105 Filme bietet dafür Anschauungsmaterial. Zum Beispiel das Leinwandpaar Charles Farrell und Janet Gaynor, die erstmals im zauberhaften Stummfilmklassiker „Seventh Heaven“ (1927) vor der Kamera standen. Elf Filme drehten Farrell und Gaynor zusammen, die meisten für andere Regisseure, im Übergang zur Tonfilmära galten sie als Traumpaar. Ihre zwei Oscars erhielt Gaynor aber für ihre Arbeit mit Borzage.

Für die Obdachlosenromanze „Man’s Castle“ (1933) entdeckte Borzage Spencer Tracy, der die junge Loretta Young zum Nacktbaden verführt. Und Marlene Dietrich gab er in der rasanten, von Ernst Lubitsch produzierten Gaunerkömödie „Desire“ (1936) die erste komische Rolle nach ihrer Femme-Fatale-Phase. Sie dankte es ihm später mit dem Kompliment, es sei „der einzige Film, für den ich mich nicht schäme“.

Dietrich wickelt als intrigante Trickbetrügerin einen leicht einfältigen Gary Cooper um den Finger. Unter Borzages umsichtiger Regie entwickelten ihre tänzerischen Augenbrauen ein Eigenleben. Filme wie „Seventh Heaven“, die Hemingway-Verfilmung „A Farewell to Arms“ (1932) und das Noir-Melodram „Moonrise“ von 1948 ragen als Solitäre aus Borzages Vermächtnis heraus.

Einen „kompromisslosen Romantiker“ nannte der Kritiker Andrew Sarris Borzage, für den menschliche Leiden der Weg zu transzendenter Erfüllung waren. „Ich arbeite in der Gosse, aber ich lebe nahe den Sternen“, erklärt der Pariser Straßenkehrer Chico in „Seventh Heaven“ der Prostituierten Diane, die er auf der Straße aufliest und in seiner Mansarde, die heutzutage unerschwinglich wäre, aufnimmt. Dabei gleitet die Kamera in die Höhe, Stockwerk für Stockwerk. Der Himmel ist für Borzages Protagonisten in ihrem Urvertrauen stets zum Greifen nah. Und manchmal dürfen sie für ihre Liebsten sogar auf die Erde zurückkehren.

- „Souls made great by love and adversity“ , Retrospektive Frank Borzage, Arsenal Berlin, 1. bis 30. September, www.arsenal-berlin.de

Zur Startseite