Dietrich Brüggemann, Filmregisseur, Drehbuchautor und Musiker. Foto: Mike Wolff
© Mike Wolff

Was machen wir hier eigentlich? Dietrich Brüggemann über die Aktion #allesdichtmachen

Dietrich Brüggemann

Ein langer Bericht über kurze Videos, lange Lockdowns und Journalisten am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ein Gastbeitrag.

Der Tagesspiegel beschäftigte sich in mehreren Artikeln mit den Hintergründen der Video-Aktion #allesdichtmachen von mehr als 50 Schauspielerinnen und Schauspielern. In einem Text verfolgten die Autoren Hinweise auf ein „antidemokratisches Netzwerk“ als Ausgangspunkt der Aufnahmen; dies stellte sich im Nachhinein als nichtzutreffend heraus. Einer der Initiatoren der Aktion war der Regisseur Dietrich Brüggemann, u.a. Gewinner des Silbernen Bären für das beste Drehbuch bei der Berlinale 2014. Ihm war vor dem Erscheinen der Beiträge im Tagesspiegel, in denen ihm eine tragende Rolle zugeschrieben wurde, keine ausreichende Gelegenheit zu einer Stellungnahme gegeben worden. In mehreren Gesprächen zwischen dem Regisseur und der Redaktion im Anschluss an die Veröffentlichungen wurde vereinbart, dass Brüggemann seine persönliche Sicht auf das Entstehen der Aktion sowie deren Rezeption in Form eines Gastbeitrags im Tagesspiegel darstellt. Hier ist er:

Im Frühjahr 2021 drehte ich mit einer Gruppe von Freunden und Bekannten eine Reihe von Videos zur Corona-Situation. Es geschah eher nebenbei und ohne großen technischen Aufwand. Eigentlich wollte ich einen Roman schreiben, außerdem war ich mit dem neuen Album meiner Band beschäftigt, aber die Lage schien mir so verfahren, daß eine solche Intervention ihre Berechtigung haben könnte. Als die Filme dann Ende April veröffentlicht wurden, sorgten sie für eine öffentliche Erregung, deren Ausmaß mir nicht ganz zum Anlass zu passen schien, und so saß ich am Mittwoch, dem 28. April, im Zug von Berlin nach Köln, um dort bei „Stern TV“ zu erläutern, daß unser Anliegen keineswegs eine Verhöhnung von Intensivpatienten gewesen sei und daß dies auch beim schlimmsten Willen nicht aus den Videos herauszulesen sei; wer es also dennoch darin sehe, der habe möglicherweise nichts anderes mehr im Kopf, und das sei dann vielleicht ein Problem des jeweiligen Kopfes, aber nicht unserer Filme.

Gegen Mittag desselben Tages hatte ich eine Mail mit Fragen vom Berliner „Tagesspiegel“ erhalten, in denen vor allem allgemeine Positionen zur Corona-Politik abgefragt wurden („Sind Sie für eine sofortige Beendigung aller Maßnahmen inklusive Maskenpflicht etc.?“). Die Bahnfahrt hatte ich damit verbracht, Antworten zu formulieren, aber das hätte ich mir sparen können, denn als ich in Köln aus dem Zug stieg, war der Artikel schon im Netz. Ich las ihn, und mir fiel die Kinnlade herunter. Es ging um die erwähnte Aktion, aber vor allem ging es um mich persönlich, und zwar in einem Tonfall, wie er mir in der deutschen Presse, zumindest zu meinen Lebzeiten, noch nicht begegnet war. „Verquaste Polemik“, „pamphlethafte Tirade“, „krudes Gedankengut“ – es war ein Schlachtfest der Gehässigkeit, und es war noch nicht mal elegant formuliert. Es ging um die Entstehung der besagten Videos, es wurde hemmungslos gemutmaßt und ins Blaue recherchiert, dabei hätte man unschwer herausfinden können, wie die Videos entstanden waren: Man hätte mich einfach fragen können. Irgendwas anderes hatte man ja gefragt, aber zu diesem Thema hatte man gar nichts gefragt. Dafür raunten die immerhin vier Autoren von einer „Spur in die Querdenkerszene“ und behaupteten Dinge, die nicht stimmten. Und schließlich wurde mein Film „Heil“ von 2015 als Beleg herangezogen, daß mir grundlegend nicht über den Weg zu trauen sei.

Ich kam mir vor wie in einem schlechten Film. Was bringt unbescholtene Kulturjournalisten dazu, sich so zu vergessen? Oder, wie mein gesamter Bekanntenkreis es in seltener Einmütigkeit formulierte: Hatten die noch alle Latten am Zaun?

Und insgesamt: Was war mit meinem Land passiert?

Schlechte Filme beginnen oft auf dem Tiefpunkt des Schlamassels und springen dann zum Anfang. Also tue ich das jetzt auch. Am Anfang war ich allerdings gar nicht beteiligt, daher springe ich doch nicht zum Anfang, sondern mitten hinein an einen Tag Ende März 2021, als in der WELT ein „Manifest der offenen Gesellschaft“ erschien, zu dem ich einen kurzen Text beigesteuert hatte, woraufhin mir ein befreundeter Schauspieler schrieb: Das spricht mir sehr aus der Seele und ich wollte Dir ein Bravo zurufen. Bin ziemlich sprachlos, was in den letzten Monaten in diesem Land passiert ist, und mein Wunsch auszuwandern, klopft immer häufiger an die Tür. 

Ich schrieb zurück: Freut mich sehr, und ich hätte da was für dich. Denn zu diesem Zeitpunkt war schon eine Aktion in der Mache, die schlußendlich zu großem Sturm im Wasserglas und der journalistischen Attacke im „Tagesspiegel“ führen sollte, der mir heute wiederum die Ehre verschafft, diesen Text zu schreiben. Ich hielt die Corona-Politik für verfehlt und verfahren, ich fand die Stimmung in der Öffentlichkeit irgendwas zwischen besorgnis- und grauenerregend, ich hatte mich mit den wenigen Intellektuellen vernetzt, die das ähnlich sahen wie ich und auch öffentlich äußerten, ich hatte den einen oder anderen kritischen Blogtext geschrieben, ansonsten hatte ich verschiedene Drehbuchprojekte erstmal auf Eis gelegt, weil ich nicht wußte, in welcher Gegenwart diese Filme eigentlich spielen sollten, und war mit meiner Band aufs Land gefahren. Im Februar war ich bereits mit einer Gruppe von nicht unbekannten Schauspielern in Kontakt gekommen und hocherfreut, daß ich in meiner Branche anscheinend nicht der einzige war, denn diese kleine Gruppe war schon seit Oktober 2020 gemeinsam am Überlegen, was man machen könnte (das war der Anfang), allerdings ohne vorzeigbares Ergebnis. Ich hatte gerade ein Buch von David Graeber gelesen, der grundlegend über die Beschaffenheit von Macht nachdenkt, vielleicht hatte es damit zu tun – jedenfalls kam die Idee einfach so in einem Zoomgespräch: Laßt uns kurze Filme drehen, die das übliche Testimonial-Authentizitätsgetue von Social Spots persiflieren, und die Absurdität der Situation thematisieren, indem wir einfach noch viel krassere Maßnahmen fordern. Absurd fanden wir dabei vor allem, wie der „Lockdown“, also die eigentlich untragbare Einschränkung des gesamten Lebens, von Medien- und Regierungsseite bagatellisiert wurde, zum Beispiel in Kampagnen wie „Besondere Helden“ und in nett-harmlosen Anzeigen, in denen Günther Jauch sich die Hände über den Kopf hält. Die Idee fand Gefallen, und wir gingen an die Arbeit. Allein hätte ich es nicht gemacht, denn für so etwas braucht man den Impuls einer Gruppe. Ich schrieb ein paar Texte, die anderen schrieben auch welche, wir legten alle Texte in ein Google-Dokument, das jeder bearbeiten konnte, wir drehten gemeinsam ein paar Probespots, luden sie hoch und riefen Freunde an. Es zeigte sich, daß viele Leute ebenfalls Zweifel an der Corona-Politik hatten, aber ebenso große Scheu, diese öffentlich zu äußern. Die Aktion verselbstständigte sich, immer mehr Teilnehmer kamen dazu, jeder rief irgendwen an, einige sprangen auch wieder ab, ich drehte viele der Videos mit einer von Freunden geliehenen Kamera und bei dem Licht, das zum Fenster hereinkam, andere entstanden in anderen Städten unter anderer Regie, viele filmten sich auch einfach selber mit dem Handy, wir sammelten alles, bauten eine Website und zeigten sie den Teilnehmern, um sicherzustellen, daß jeder es sich nochmal überlegen konnte. Am 22. April um 18 Uhr ging die Seite online, und der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte.

Es war womöglich die erste politische Wortmeldung deutscher Kulturschaffender seit Jahrzehnten, die keine sperrangelweit offenen Türen einrannte. Dabei war Krawall nicht unser erstes Ziel gewesen. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit reagierte noch am selben Abend auf Twitter und schrieb: „Es sollte uns sehr nachdenklich machen.“ Eine Agentin, die ich gut kannte, schickte mir eine Sprachnachricht und sagte dasselbe. Ähnlicher Zuspruch kam von Schriftstellerinnen und Intellektuellen. Ein paar Kollegen meldeten sich auf Facebook und schrieben sinngemäß: Coole Aktion. Doch dann fiel der Shitstorm-Hammer, die Kollegen löschten ihre Facebook-Kommentare, und der Rest ist schon wieder Geschichte. Wir waren jetzt menschenverachtende Zyniker, die das Leid auf den Intensivstationen verhöhnten. Die Videos, die ich, soweit ich sie zu verantworten hatte, bewußt in Richtung Harmlosigkeit geschoben hatte, waren jetzt „bizarr“ und „verstörend“. Sechs Tage später holte der Tagesspiegel die ganz große Keule heraus, ich lief durch den Kölner Hauptbahnhof, mir fiel die Kinnlade herunter, und damit wären wir wieder beim Anfang angelangt. 

Wie es weiterging, ist schnell erzählt. Ich dachte: Wer in so einem Tonfall über mich schreibt, mit dem sollte ich mal reden. Die andere Wange hinhalten bedeutet ja nicht: Hau mich bitte nochmal, sondern es bedeutet: Willst du das wirklich? Also nahm ich ein Video auf und lud die Autoren des Textes zu einem Gespräch ein. Dann erschien drei Tage später ein zweiter Text, der es noch toller trieb, da steckte jetzt ein „antidemokratisches Netzwerk“ hinter der Aktion, es gab „Verbindungen in Querdenker-Kreise“, und der Arzt und Unternehmer Paul Brandenburg, mit dem mich eine Wertschätzung für den von ihm gegründeten Verein „1bis19“ und dadurch eine persönliche Bekanntschaft verbindet, war jetzt ein „dubioser Hintermann“ und hatte höchstwahrscheinlich an den Texten mitgeschrieben. Okay, dachte ich, starkes Stück, aber dann halte ich halt die dritte Wange hin und will weiter mit denen reden. Einer der Autoren antwortete mir (absurderweise auf dem Instagram-Messenger), ich bat angesichts des feindseligen Tonfalls um ein Gespräch eins zu eins mit externer Moderation, am liebsten in einem anderen Medium, aber das wurde mit einer Arroganz abgebügelt, bei der mir am Ende die Lust verging, noch irgendeine vierte Wange hinzuhalten. Vielleicht hinkt der Vergleich, aber wenn ich als Regisseur im Namen der Produktion so mit Außenstehenden umspringen würde, dann hätte der Produzent hinreichend Grund, mich zu feuern. 

Ich weiß nicht, was danach beim Tagesspiegel intern los war, aber es muß massiv gewesen sein. Man ruderte zurück, entschuldigte sich für handwerkliche Fehler, es gab eine klärende Gesprächsveranstaltung, die so kurzfristig angesetzt war, daß ich keine Zeit hatte und deswegen nicht eingeladen war oder umgekehrt, und die Texte sind mittlerweile durch eine kaum mehr überschaubare Anzahl von Korrekturen und Modifikationen gegangen. Der Weg zu diesem Gastbeitrag war wiederum kurvenreich und führte über eine 30seitige kommentierte Version der beiden Texte (die ich eigentlich auch gern veröffentlichen würde) und ein Interview, aus dem dann doch ein unerfreuliches Hickhack wurde, schließlich zu diesem Beitrag. 

An dieser Stelle fürs Protokoll die Antworten auf die Fragen, die man mir nicht gestellt hat: Ja, die Aktion entstand genau so, wie ich es oben beschrieben habe. Jeder wußte, worum es ging. Alle konnten vorher die Probevideos und die fertige Seite sehen, und alle haben aus freien Stücken mitgemacht, weil sie der irrigen Meinung waren, eine politische Meinungsäußerung ohne sofortige Karrierevernichtungsdrohung wäre hierzulande und heutzutage möglich. Viele Texte stammen von mir, andere sind von anderen, nicht wenige Teilnehmer haben ihre Beiträge selbst oder in Zusammenarbeit mit mir verfasst, und einige Texte stammen auch von Schauspielern, die selbst nicht auftauchen und von denen Sie nie erfahren werden, denn niemand hat Lust, sich derart öffentlich schlachten zu lassen, und daß es so weit gekommen ist, sollte uns zu denken geben. Und aus genau demselben Grund möchte ich hier nichts über Moritz Bleibtreu preisgeben, aber falls er die Corona-Politik ähnlich kritisch sieht wie ich und viele andere, dann würde ich mich freuen, wenn er dies öffentlich kundtun würde. Nein, Paul Brandenburg hat in keiner Weise an der Aktion mitgewirkt, er wußte zwar davon und freute sich sehr, aber da war er nicht der einzige, es wußten nämlich alle meine lockdownkritischen Bekannten davon und freuten sich sehr, darunter sind Historiker und Politologinnen und Radiomoderatoren und Galeristen und Ärzte, und ja, ich fand es unerfreulich, daß Herr Brandenburg bei Kaiser TV Andeutungen über die Aktion gemacht hat, aber das kann ich ihm ins Gesicht sagen und danach trotzdem mit ihm ein Bier trinken. Daß wir mal eine Woche lang dasselbe Postfach im Webseiten-Impressum hatten, lag daran, daß ich die Adresse des Arbeitsraums, den ich mir mit Freunden teile, zum Zeitpunkt des härtesten Shitstorms dort gern entfernen wollte, auch wegen besagter Freunde, denn man weiß ja nie, also rief ich Herrn Brandenburg an, weil er sich in diesen Dingen auskennt, und er bot mir vorübergehende Untermiete an, die aber nach einer Woche wieder vorbei war. Und an der Wurzel des ganzen journalistischen Eigentors, nämlich der Vermutung über irgendwelche Querdenker-Verbindungen, liegt ein Anfängerfehler namens „Verwechslung von Ursache und Wirkung“. Meine kritische Position zur derzeitigen Politik ist nicht Folge, sondern Ursache sowohl meiner Unterstützung der Ziele des Vereins „1bis19“ als auch meiner Beteiligung an #allesdichtmachen. Es ist, wie wenn jemand Hunger hat und sich deswegen ein Spiegelei brät und eine Scheibe Toast toastet. Das Spiegelei ist nicht Ursache des Toasts, und der Hunger ist nicht Folge des Spiegeleis. Also eigentlich alles ganz einfach. Die Suche nach „Hintermännern“ geht ins Leere, suchen Sie lieber nach den Vordermännern, und da müssen Sie nicht suchen, die stehen vor Ihrer Nase. Ich habe mich genau deswegen mit einem Video an der Aktion beteiligt, obwohl ich kein Schauspieler bin: Ich wollte eben nicht der strippenziehende Hintermann sein, der dann von eifrigen Journalisten mit Gegen-Rechts-Tunnelblick ans Licht gezerrt wird, sondern ein öffentlich sichtbarer Vordermann. Und nein, fundamentale Kritik an unserem schlecht funktionierenden „Lockdown“ ist nicht „Querdenken“ und nicht „rechts“, sondern eine sehr legitime Position, die von schätzungsweise vielen Millionen Menschen hierzulande geteilt wird, und der AfD spielt man allenfalls dann in die Hände, wenn man all diese Menschen mit dem Hinweis mundtot macht, sie seien „rechts“ oder „rechtsoffen“ oder „Verschwörungstheoretiker“ oder was auch immer.

Das alles hätte man fragen können, oder man hätte auch lesen können, was ich zwischenzeitlich in anderen Interviews anderswo gesagt hatte, und dann hätte man die Texte einfach gar nicht schreiben oder ganz andere Texte schreiben können, aber das kam nicht in Betracht, denn die Autoren waren dort, wo viele deutsche Journalisten in den letzten Jahren sind: Auf einer Mission. Sie wußten schon am Anfang, was am Ende herauskommen würde, und da hätten Fakten nur gestört. Das Urteil stand fest, die Videos von #allesdichtmachen waren anscheinend eine Art Verbrechen, dagegen mußte vorgegangen werden, und weil der Fluchtpunkt des Bösen in Deutschland nun mal „rechts“ heißt, befand ich mich im Visier eines Feldzugs gegen rechts. Daß diese Denkungsart spätestens bei Corona komplett ihren Sinn verloren hat, weil wir es mit einem fortdauernden wissenschaftlichen Erkenntnisvorgang zu tun haben – egal, rechts ist das, was wir nicht gut finden, da hauen wir mit der Cancel-Culture-Keule drauf, und hinterher sagen wir, Cancel Culture gibt es gar nicht. Es durfte nicht sein, daß all die teilnehmenden Schauspielerinnen und Schauspieler bei dieser Schandtat freiwillig mitgemacht hatten, sie mußten hinters Licht geführt worden sein, also mußte der Hintermann ans Licht gezerrt und bestraft werden. Daß mittlerweile knapp die Hälfte ihre Videos zurückgezogen hat, dafür ist an Gründen alles dabei, von völliger Frustration über maximalen Shitstorm-Schock bis hin zu Werbepartnern, die die Pistole zücken und sagen: Zieh dich da raus, oder wir sind raus. Eins kann ich aber sicher sagen: Ich habe niemanden zur Teilnahme gezwungen, alle fanden es eigentlich mal ganz gut, bevor ihnen der öffentliche Ohrfeigenhagel klarmachte, was sie gefälligst zu denken haben.

Ich bin dem Tagesspiegel durchaus dankbar, daß er mir hiermit die Gelegenheit gibt, die Dinge aufzuräumen und geradezubiegen, und ich tue das lieber auf diese Art, als Medienanwälte in Marsch zu setzen. Andererseits bin ich mir keineswegs sicher, ob sich hier irgendwas aufräumen oder geradebiegen läßt. Die deutschsprachige Presse (also auch in Österreich und der Schweiz) hat den Rufmordversuch fröhlich abgeschrieben, und man darf gespannt sein, ob sie diese Klarstellung auch abschreiben. Für den Roman, den ich allmählich mal weiterschreiben sollte, muß ich mir einen neuen Verleger suchen, denn der bisherige möchte den Vertrag möglichst diskret auflösen, hätte gern den Vorschuß zurück, bezieht sich dabei explizit auf den Tagesspiegel und hielt es nicht für notwendig, vorher mit mir zu reden. Ist nicht so schlimm, es zeigt vielleicht eher, daß ich da ohnehin auf dem falschen Dampfer war. Mehr Gedanken mache ich mir darüber, was mit den Teilnehmern der Aktion passiert. In der Presse wurde meistens behauptet, das seien allesamt steinreiche TV-Stars, was aber nicht stimmt – etwa ein Drittel ist gut beschäftigt, ein weiteres Drittel kann davon leben, ein Drittel ist eher unbekannt. Den Stars passiert nicht viel, die anderen müssen gucken, wo sie bleiben, und ja, ich weiß von allerhand flötengegangenen Jobs und Casterinnen, die schwarze Listen schreiben. Einer, die mit mir gut befreundet ist, wurde eine schon länger geplante Serie auf Eis gelegt, doch sie sagte mir kürzlich: Ich schäme ich nicht, daß ich hier mitgemacht habe. Ich schäme mich, daß ich vorher Selfies und mein Essen gepostet habe. Und eine andere schrieb mir: Die Aktion war es so wert! Vielleicht war es sogar das einzig wirklich sinnvolle, was ich je als Schauspielerin gemacht habe, und der beste Abgang, den es geben könnte. Und nicht zuletzt haben wir tausende Dankesschreiben und kriegen immer noch welche von Leuten, die allesamt immer dasselbe sagen: Ich würde nie die AfD wählen, ich habe mit Querdenken nichts am Hut, aber ich kann nicht fassen, was in Deutschland los ist, und ich danke euch von Herzen.

Und damit wären wir am vorläufigen Ende angelangt. Wie es weitergeht? Unklar. Gibt es einen Plan, was wir im Herbst machen? Fühlt sich irgendwer in der Presse berufen, die Regierung mal dahingehend in die Zange zu nehmen? Was tun wir, wenn die nächste Mutante kommt und die Inzidenzwerte, von denen mittlerweile wirklich jeder weiß, daß sie nicht viel aussagen, wieder in die Höhe gehen? Sicherheitshalber Lockdown, bis irgendwann auch Babys und Hunde geimpft sind? Und wenn dann bei der mexikanisch-marokkanischen Doppelmutante die Impfung nicht mehr wirkt? Sehen wir dann im Fernsehen wieder jeden Abend Experten, die uns vorrechnen, daß in vier Wochen selbst bei „hartem Lockdown“ die Inzidenz bei 2000 liegen wird? Werden diese Experten, wenn die Modellrechnungen mal wieder danebengelegen sind, zur Abwechslung irgendwas anderes sagen als: Ach herrje, Präventionsparadox? Wird diese Regierung (oder die nächste) es irgendwann auf die Reihe kriegen, die seit einem Jahr versprochene Antikörper- oder gar T-Zell-Immunitätsstudie zu machen und herauszufinden, wieviele Menschen hierzulande Corona schon hatten? Und was ist mit unseren Medien los? Wieso wird die Geschichte vom alternativlosen Lockdown so überwiegend einmütig nachgebetet, als wäre es eine steigende Flut, wegen der man leider vom Erdgeschoß ins erste Stockwerk umziehen muß, und nicht die politische Entscheidung, die es de facto ist? Und was herrscht da für ein geistiges Klima, daß solche Texte entstehen können und dann auch noch veröffentlich werden? Was läuft da insgesamt schief? Ja, man gibt allen Stimmen irgendwie Raum, aber das lauteste Instrument im Orchester ist nun mal die Paniktrompete, außerdem wird Corona selbst in aller Ausführlichkeit, dramatischen Farben und einfühlsamen Reportagen emotionalisiert, während die Lockdown-Schäden dagegen eher so in nüchternen Zahlen abgehandelt werden, und die schärfste Waffe der Presse, nämlich der schneidende Leitartikel, der grundlegend mit der Politik ins Gericht geht, wo bleibt der eigentlich? Tun wir uns wirklich einen Gefallen, stattdessen jeden Maßnahmenkritiker, sobald er eine gewisse Lautstärke überschreitet, als „Querdenker“ ins intellektuelle Sperrgebiet zu verbannen? Ab wann handelt es sich bei Zweifel an den Maßnahmen um „gefährliche Nähe“ zu den gefährlichen Querdenkern, ab wo beginnt die gefährliche Nähe zur gefährlichen Nähe, und wie weit will man dieses Spiel noch treiben? Soll ein geschätztes Drittel der Deutschen fortan AfD wählen, weil ihre begründeten Fragen zur Corona-Politik nur noch dort gehört werden? Sind das dann 25 Millionen Nazis? Sollte man dann bei so vielen Nazis vielleicht auswandern? À propos, auswandern: Wer wird überhaupt noch ein Geschäft oder Café oder sonstwas aufmachen, wenn er jederzeit damit rechnen muß, daß die Politik ihm beim nächsten Virus den Laden dichtmacht und netterweise einen Teil der Fixkosten überweist? Und ganz grundlegend: Wann werden wir einsehen, daß die zahllosen Absurditäten der vielen, sich ständig ändernden, kleinteiligen Corona-Regeln keine bedauernswerte Begleiterscheinung einer eigentlich guten Sache sind, sondern ein Hinweis auf die fundamentale Fehlkonstruktion? Daß es nämlich unmöglich ist, das menschliche Verhalten von Staats wegen, also von oben herab, per Verordnung zu „managen“, weil eine Gesellschaft kein Militär und auch kein Orchester ist, sondern daß man Gesundheitsvorsorge sinnvoller von unten nach oben denkt, also: Die Leute aufklären, sie ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen und diese in der Umsetzung unterstützen? Wann fällt uns auf, daß echte Naturkatastrophen stets des Beste im Menschen zum Vorschein bringen, nämlich Gemeinschaftsgeist und schrankenlose Solidarität, daß wir hier jedoch seit geraumer Zeit das Schlechteste im Menschen am Werk sehen, daß es sich damit also vermutlich nicht um eine Natur-, sondern um eine Kulturkatastrophe handelt?

Und das führt zur letzten und zentralen Frage: Was machen wir hier eigentlich?

Diese Frage stelle ich mir von Berufs wegen schon mein ganzes erwachsenes Leben, und sie stand auch im Zentrum der Videos von #allesdichtmachen. Was machen wir hier eigentlich? ist die Frage, die Schriftsteller, Filmemacher und Künstler seit jeher an die Menschheit stellen. Wenn die Gesellschaft beschließt, den Fragenden hinzurichten, dann sagt das etwas über die Gesellschaft, aber nicht über die Frage. Ich bin einigermaßen erschrocken, was aus meinem Land geworden ist, aber mir bleibt die Hoffnung, daß gerade die enthemmten Pressetexte, wegen derer ich diese Zeilen schreibe, am Ende eine Art Wendepunkt gewesen sein könnten. Wir werden es erleben. Oder auch nicht.

Übrigens: Die Videos, um die es eigentlich mal ging, sind allesamt eher harmlos, und ich kenne sogar Leute, die sie lustig finden. Sie stehen weiterhin auf Youtube, auch die gelöschten, und oft habe ich den Eindruck, daß gerade die Aufgeregten und Fassungslosen unter meinen Mitmenschen sie gar nicht gesehen haben. Vielleicht sollte man sie nochmal angucken und sich dann etwas beruhigen. Und sich dann weiterhin fragen, was wir hier eigentlich machen. In dieser Krise und in der nächsten und übernächsten und eigentlich immer.

Zur Startseite