Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
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Was lehrt der Fall Baerbock? Eitel waren Politiker immer – aber nie so verwundbar wie heute

Die Öffentlichkeit ist diverser und demokratischer geworden, aber auch skandalisierungsbereiter und stärker affektgetrieben. Das ist unumkehrbar. Ein Kommentar.

Ohne Google kein Fall Baerbock, kein Fall Guttenberg, kein Fall Giffey. Sind Politiker heute eitler und skrupelloser als früher? Wohl kaum. Was sich geändert hat, sind die Mittel, mit denen biographische und akademische Details ans Licht gezerrt werden können. Alles kommt heraus. Darauf zu hoffen, dass Verfehlungen unentdeckt bleiben, ist naiv.
Der Fall Baerbock hat auch gezeigt, dass es Menschen gibt, die davon leben, die Weiten des Internets nach Belastbarem zu durchforsten. Das Plagiatsjägertum als Geschäftsmodell. Wozu einst Privatdetektive angeheuert wurden, die mit Fernglas und Kamera auf der Lauer lagen, wird heute per Mausklick erledigt.

Das Recherchefeld umfasst alles, was digital verfügbar ist – oder verfügbar gemacht werden kann. Chatverläufe auf Twitter, Facebook-Bekanntschaften, Instagram-Videos. Ein Handy hat jeder dabei. Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, muss damit rechnen, überall fotografiert, gefilmt und mit jedem Satzfetzen aufgenommen zu werden.

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Daraus resultiert die Angst vieler Politiker vor Kompromittierendem, was wiederum jene aalglatten, selten plattitüdenfreien Auftritte zur Folge hat, die das Publikum gerne beklagt.

Dabei ist die Angst berechtigt. Zur Dauerbeobachtung gesellt sich nämlich ein Datenklau, der gigantisch umfangreiche Ausmaße angenommen. Ob 500 Millionen Yahoo-Nutzer, das Email-Konto von Hillary Clinton oder das Netzwerk des Deutschen Bundestages: Kein Schutz währt ewig, Codes werden geknackt, Verschlüsselungen entschlüsselt. Was mit den Daten und Informationen geschieht, wissen allein die Diebe. Gezielte Weitergabe, Erpressung – alles ist möglich.

Werden wir „mitfühlender und versöhnlicher“?

„Vielleicht bewirkt unsere neue Öffentlichkeit, dass wir mitfühlender und versöhnlicher miteinander umgehen“, schreibt der Internet-Philosoph David Weinberger, der an der Harvard-Universität forscht, „und mit den Irrtümern und Schwächen öffentlicher Personen ebenfalls.“ Doch das ist, zumal in Wahlkampfzeiten, allenfalls ein frommer Wunsch.

Denn ergänzt wird die Macht der neuen Recherchetools, insbesondere Google, durch den Machtverlust der traditionellen Medien. Sie haben wegen der zunehmenden Nutzung sozialer Netzwerke die Deutungshoheit über politische Vorgänge verloren. Früher hieß es, was nicht in der Tagesschau erwähnt wird, ist unwichtig. Die Zeit ist endgültig vorbei.

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Prinzipiell hat heute jeder Mensch Zugang zur Öffentlichkeit. Sie ist dadurch diverser und demokratischer geworden, aber auch skandalisierungsbereiter und stärker affektgetrieben. Respekt und Rücksichtnahme treten zurück zugunsten des legendären Bonmots des österreichischen Essayisten Anton Kuh: „Nur nicht gleich sachlich werden. Es geht ja auch persönlich.“

Mit Empörungsgewittern werden wir leben lernen müssen

Was folgt daraus? Nicht viel. Die Folgen fast totaler Transparenz, verbunden mit einem ungefilterten Kommunikationsfluss, deuten sich gerade erst an. Umkehrbar ist der Prozess nicht. Mit Empörungsgewittern, die auf Menschen niederprasseln, die sich in die Öffentlichkeit begeben, werden diese Menschen leben lernen müssen.

Sie brauchen ein verdammt dickes Fell, verdammt gute Freunde und eine verdammt liebevolle Familie. Die Öffentlichkeit wiederum, so amorph sie sein mag, muss die Frage beantworten, ob Kritik an Menschen nicht auch menschlich formuliert und von der Idee einer Mitmenschlichkeit geleitet sein kann.

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