Rückzug aus der Corona-Realität: Unsere Kolumnistin empfiehlt Lektüre. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

Vorlesen gegen das Virus Bücher sind Grundnahrungsmittel. Gut, dass in Berlin die Buchläden offen bleiben

Pascale Hugues

Der französische Präsident hat seinen Landsleuten in der Krise auch die Lektüre empfohlen. Leider sind die Läden aber zu. Eine Kolumne.

Schon immer habe ich davon geträumt, einmal wegen einer harmlosen Sache - einem gebrochenes Bein (aber ohne Schmerzen), einer winzigen Grippe (aber ohne Watte im Kopf) – mit gutem Gewissen und einem Stapel Bücher an meiner Seite im Bett liegen zu dürfen. Das Coronavirus erfüllt diesen Wunsch sicherlich nicht. Viel zu bedrohlich ist er, viel zu folgenreich, als dass man unbekümmert die frei gewordene Zeit genießen könnte.

Die Pandemie, die uns zwingt, zuhause zu bleiben, wirft Fragen auf, die wir vergessen hatten: Was ist ein Grundbedarfsartikel? Was brauchen wir wirklich zum Leben? Eine zugleich praktische wie existenzielle Frage, die viel aussagt über die Prioritäten unserer Gesellschaft. Für die meisten von uns stehen offenbar Toilettenpapier und Desinfektionsmittel ganz oben auf der Liste der unverzichtbaren Dinge. Leiden wir alle unter einer kollektiven, hygienischen Zwangsstörung? 

Ich bin mir sicher, Emmanuel Macron und Michael Müller haben, als sie klein waren, von ihren Eltern "Frederick" vorgelesen bekommen. Sie erinnern sich: Diese Feldmaus, die Wörtervorräte anlegt, während die anderen Körner, Nüsse, Weizen und Stroh (und Toilettenpapier und Nudeln, könnte man hinzufügen) für den Winter hamstern. Als am Ende des Winters die Körner und Nüsse zur Neige gehen, teilt Frederick seine Wörter mit den anderen Mäusen und trägt ihnen Gedichte vor. Sind die Fredericks nicht genau so wichtig wie die Toilettenpapierhersteller? 

„Lest“, hat Macron den zuhause eingesperrten Franzosen in seiner kämpferischen Ansprache geraten. Michael Müller und der Berliner Senat haben ihren Worten Taten folgen lassen. Berlin ist mit Sachsen-Anhalt das einzige Bundesland, in dem Bücher zum Grundnahrungsmittel erklärt wurden und infolgedessen die Buchhandlungen offen bleiben dürfen. In Frankreich mussten sie wie in den übrigen deutschen Bundesländern schließen. Der französische Wirtschaftsminister denkt darüber nach, sie wieder zu öffnen.  

In der Warteschlange vor dem Supermarkt kommt man heutzutage leicht ins Gespräch. Wenn man zwei Tage lang nicht vor die Tür gegangen ist, hat man Lust zu plaudern. Ein Mann erzählt mir in 1,5 Metern Abstand, dass ihm die Zeit ohne geistige Nahrung so lang vorkäme, seit die Bibliotheken geschlossen sind. Ja, wie soll man die Kontaktsperre ohne Geschichten überleben? Verdankt Solschenizyn sein Überleben im Gulag nicht auch den Büchern? Und er ist nicht der einzige. Boccaccio hatte die gleiche Idee wie Frederick. Bei mir zuhause lesen wir uns jetzt abwechselnd aus dem „Dekameron“ vor. 100 Geschichten erzählt von sieben Frauen und drei Männern, die sich im 14. Jahrhundert auf einen idyllischen Hügel vor Florenz geflüchtet haben, um der Schwarzen Pest zu entgehen.  

Ob Boccaccio oder Frederick, sie alle zeigen uns den Weg hinaus und sind so etwas wie ein Notausgang: Sie ermöglichen uns soziale Kontakte, die uns jedenfalls nicht mit dem Coronavirus anstecken werden und erlauben uns eine kleine Flucht aus der „geschlossenen Gesellschaft“ des familiären Lebens. Und vor allem: Sie stoppen die nicht abreißen wollende Flut an besorgniserregenden Informationen, die wir längst kennen, über die wir jedoch endlos grübeln, stoppen die Gespräche, die sich zwanghaft um „das eine“ drehen …  

Bücher sind im Notfall übrigens auch wiederverwertbar. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an zurechtgeschnitte Zeitungen neben dem Plumpsklo. Nutzen Sie die Gelegenheit. Kaufen Sie Bücher bei Ihrem Buchhändler um die Ecke. Die beste Medizin gegen Langeweile, Sorge und Klaustrophobie.  

Übersetzung aus dem Französischen von Odile Kennel 

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