Das etwas andere Wort für Bäuchlein: Schnitzelfriedhof. Foto: Patrick Pleul/dpa
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Von Hutblume bis Schnitzelfriedhof Im Deutschen gibt es eine große kompositorische Freiheit

Klaus Brinkbäumer

Es sollte präzise treffen und musikalisch klingen: Das perfekte Wort leuchtet mitten im Satz. Die Kolumne Spiegelstrich.

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer. In seiner wöchentlichen Kolumne „Spiegelstrich“ betrachtet er das Verhältnis von Sprache und Politik.

Du Hutblume. So schimpfte ein Leipziger neulich auf einen anderen; kann ein Erdenbürger zärtlicher empört sein? Schnitzelfriedhof. So nennt der Biathlet Michael Rösch sein Bäuchlein. Röschs Metapher hat sich in meinem Hirn verhakt, ist sie das perfekte Wort?

„Hellkalt“ für den Wintertag - das klingt poetisch und passt

Das perfekte Wort sollte präzise treffen und musikalisch klingen. Es ist Starwort und Mannschaftswort zugleich, denn in den Text muss es sich einfügen, aber leuchtend. Zwei Mal Handwerkliches. Erstens: Perfekte Wörter können entstehen, wenn Sie zwei Begriffe, die nichts miteinander zu tun haben, zusammenziehen: „hellkalt“ für den Wintertag, „kanonendick“ für den Besoffenen.

Ich habe das perfekte Wort mit Kolleginnen und Kollegen diskutiert, und Tanit Koch schreibt mir, dass „Nicht-Deutschsprachige uns um diese kompositorische Freiheit beneiden“, die Begriffe wie Ringelnatz’ „Nasenflügelbeben“ gestatte.

Zweitens: Schreiben Sie erst einmal Ihren Text hin, und suchen Sie hinterher an fünf Stellen gezielt nach jenen Begriffen, die besser sind als die, die bislang dort lungern. Der „Firlefranz“, Beckenbauer, entstand so; nur der biedere „Firlefanz“ hatte es in die erste Fassung geschafft. Begriffe wie „Weltenraum“, unnütze zwei Buchstaben zu lang, oder Ironisierungen wie „denkeln“, „träumeln“ und „köpfeln“ stehen selten in ersten Versuchen.

Das Wort „Schnubbelteller“ weckt Erinnerungen an die Kindheit

Tanit Koch schätzt die „klanghafte Sprache“, wunderweit: „Unnussel“. Der Unnussel war in ihrer Kindheit jemand, der auf liebenswerte Weise störte oder eben, das Verb gab’s auch: „herumnusselte“. Perfekte Wörter sind Familienwörter. Bei den Kochs bereitete die Mutter den „Schnubbelteller“ zu, der noch Jahrzehnte danach mitschmecken, mitlächeln lässt. Bei uns sind’s wechselnde Namen: Bups. Bipsbups. Schnibbelschnups. Schnuppselschnipps. Bei jeder Nennung etwas Neues, ein Buchstabendreher, so geht das Familienspiel.

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Auch die Kollegin Hatice Akyün denkt zurück: „Du wirst lachen, aber ganz persönlich ist es für mich das Wort Rotzlöffel. Ich meine, dass es das erste deutsche Wort war, das ich als Kind gelernt habe. Ach, es gibt im Ruhrpott so viele wunderbare, leuchtende Worte: Eumel finde ich großartig. Und ich liebe das zusammengesetzte Wort: Absofuckinglutely!“

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer. Foto: Tobias Everke Vergrößern
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer. © Tobias Everke

Ileana Grabitz schwärmt vom portugiesischen „Saudade“, das Sehnsucht, Melancholie, Weltschmerz ausdrückt. Und Heinrich Wefing erinnert an den „Wutbürger“ von Dirk Kurbjuweit und den „Scholzomat“ von Jan Ross: Das perfekte Wort sei „scheinbar unangestrengt, aber schlagend“, damit „unhintergehbar“, so der „Zeit“-Kollege, womit Wefing gleich das nächste perfekte Wort findet – eines nämlich, das einen längeren Gedanken auf ein Minimum reduziert, was wiederum Stephan Lamby beglückt, ein Wort wie „Kladderadatsch“.

Für Nils Minkmar hat das perfekte Wort drei Buchstaben

Nils Minkmar schreibt: „Das perfekte Wort hat nur drei Buchstaben und bildet das Verb in Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dritte Person Singular, Indikativ Präsens. Es ist eine Zauberformel, die die Geschichte zum Besseren gewendet hat. Korrekt wäre gewesen: Die Würde soll unantastbar sein. Man kam ja gerade aus der Zeit von Weltkrieg und Massenmord, da war sie offensichtlich nicht unantastbar gewesen. Aber Einschränkungen und Bedenken sind aufgehoben in maximaler Reduktion. Ist. Das mächtigste Wort der deutschen Sprache in unserer Zeit."

Das frischerwählte Wort des Jahres – „Corona-Pandemie“ – übrigens finde ich so lahm, dass ich’s bald wieder vergessen haben werde, also … jetzt.

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