Raffaela Lintl in der Titelrolle. Foto: Andreas Lander
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Uraufführung von „Grete Minde“ in Magdeburg Eine Stimme aus den Tiefen der Zeit

Keiner kennt Eugen Engel, doch er schrieb eine Oper: „Grete Minde“. Jetzt wurde sie vom Theater Magdeburg uraufgeführt. Ein Besuch an der Elbe.

Das Dilemma ist bekannt. Obwohl seit Monteverdi mehrere tausend Opern entstanden sind, ist das Repertoire auf etwa 70 Stücke zusammengeschnurrt, die ständig wiederholt werden. Man ahnt, dass da noch viel mehr schlummert, aber Betrieb, finanzielle Zwänge, Hörgewohnheiten und Routine führen dazu, dass selten neue Mitglieder in den Club der Erlauchten stoßen. Ab und zu passiert es jedoch, dass sich eine Stimme aus den Tiefen der Zeit meldet, die unerhört geblieben war – obwohl sie es verdient hätte, häufiger vernommen zu werden.

Eine solche Stimme ist die von Eugen Engel, geboren 1875, einem völlig unbekannten Tonsetzer aus Berlin, der im Brotberuf gar nicht Komponist war, sondern ein Kontor in der Charlottenstraße 75 besaß, wo er mit Damenkonfektion handelte. Nebenbei aber schrieb er rund 20 Lieder, ein Streichquartett und, vor allem, eine Oper: „Grete Minde“ nach einer Novelle von Theodor Fontane. 1933 wurde sie fertig. Jetzt, fast 90 Jahre später, hat sie das Theater Magdeburg uraufgeführt. Und sie klingt gut, handwerklich hervorragend gemacht, satte Spätestromantik, ein zweieinhalb Stunden langer Klangstrom in drei Akten.

Tod auf dem Kirchturm

Die schauerliche Geschichte, die hier erzählt wird, hat sich wirklich zugetragen. Margarete von Minden war eine junge Frau aus Tangermünde, die, um ihr Erbe gebracht, aus Rache 1617 die ganze Stadt angezündet haben soll und deshalb zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde. Soweit die historische Realität – in Novelle und Oper kommt sie mit Kind auf dem brennenden Kirchturm ums Leben. Nachdem in Tangermündes Kirchen 300 Jahre lang gegen die Übeltäterin gepredigt wurde, begann im 19. Jahrhundert, nicht zuletzt angestoßen durch Fontanes Text, eine Neubewertung. Die Schuld der Verurteilten ist nicht eindeutig bewiesen, war es Justizmord? Vor dem Tangermünder Rathaus erinnert inzwischen eine Skulptur an die tragische Biographie dieser Frau.

Raffaela Lintl (oben) findet als Grete Minde in den Flammen den Tod. Foto: Andreas Lander Vergrößern
Raffaela Lintl (oben) findet als Grete Minde in den Flammen den Tod. © Andreas Lander

Wer war Eugen Engel, und warum griff er ausgerechnet zu diesem Stoff? Seine Geschichte ist auch eine des Holocaust. Im ostpreußischen Widminnen (heute Wydminy an der Grenze zu Litauen) geboren, lebte er ab 1892 mit Familie in Berlin. Wie Hundertausende andere Juden auch verstand er sich als vor allem als Deutscher. „Ich glaube nicht, dass Engel mit der Geschichte von Grete Minde als Justizopfer auf die Ausgrenzung von Juden in der Gesellschaft anspielen wollte“, sagt die Magdeburger Chefdramaturgin Ulrike Schröder im Zoom-Gespräch. „Er wollte einfach deutsche Musik schreiben, und Fontane war in den 1930er Jahren noch relativ zeitgenössisch.“

Ihre These, die nur Vermutung bleiben kann: Das Sujet der „geliebten Tochter“ habe eine Rolle bei der Stoffwahl gespielt. Engels eigene Tochter hieß Eva, und sie konnte mitsamt der handschriftlichen Partitur der Oper 1941 in die USA ausreisen. Engel selbst, der ab 1939 mit Eva und ihrem Mann im Amsterdamer Exil lebte, hat es nicht geschafft: Er wurde in Westerbork interniert und am 23. März 1942 nach Sobibor deportiert, wo ihn die Nazis fünf Tage später ermordeten.

„Ich sah gleich, wie viel Qualität darin steckt“

Eva Löwenberger, die in San Francisco den Namen Lowen annahm, wollte bis zu ihrem Tod 2006 kaum über die Ereignisse sprechen. So war es eine weitere Tochter, Enkelin Jan Agee, die die Sache ins Rollen brachte: „Wir wussten immer, dass sich in den Kisten eine komplette Oper befand“, erzählt sie bei der Magdeburger Uraufführung. Auf ihre Initiative hin wurde 2019 ein Stolperstein für Eugen Engel in der Charlottenstraße verlegt, Studierende der nahgelegenen Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ führten mehrere seiner Lieder auf.

Benjamin Lee und der Opernchor. Foto: Andreas Lander Vergrößern
Benjamin Lee und der Opernchor. © Andreas Lander

So erfuhr Anna Skryleva, die in jenem Jahr ihre Stelle als Generalmusikdirektorin in Magdeburg angetreten hatte, dass in Amerika die unveröffentlichte Oper eines im Holocaust ermordeten Berliner Komponisten lagert – und ließ sich die Scans der Partitur zuschicken. Engel hat sie so sauber geschrieben, dass sie ohne Weiteres lesbar sind. „Ich sah gleich, wie viel Qualität darin steckt“, erzählt Skryleva, die in Moskau studiert hat und seit 1999 in Deutschland lebt. „Die Musik ist vielschichtig, voller natürlicher Übergänge und Farben, von organischem Formbewusstsein.“ Mehrere zehntausend Euro hat es gekostet, die einzelnen Orchesterstimmen herstellen zu lassen.

Vertreter der geerdeten Spätromantik

Und so sitzt man nun im Halbdunkel des Magdeburger Opernhauses und lauscht Klängen, die – abgesehen von den Proben – noch keine Ohren live vernommen haben, auch nicht die des Komponisten selbst. Delikat sind sie, wechseln geschmeidig vom Streicherüberschwang zu fragilen Kantilenen, beim großen Brand im Finale züngeln die Flammen erst in den Holzbläsern, bevor der fantastische Chor (Martin Wagner) übernimmt. Kneipenszenen, Liebes- und Eifersuchtsduette, Volkstänze: Dies ist realistisches, down-to- earth-Musiktheater ohne Überhöhung, was natürlich auch Fontanes Vorlage geschuldet ist. Anders als Wagner, Strauss, Humperdinck greift Engel nicht zu Mythos oder Märchen, sondern zu einem Stoff, bei dem Gerichtsakten vorliegen – sie sind in Tangermünde zu besichtigen. Man könnte auch sagen, Engel ist Vertreter einer geerdeten Spätromantik.

Ähnlich wie kürzlich Ersan Mondtag bei „Antikrist“ an der Deutschen Oper Berlin stand Regisseurin Olivia Fuchs vor der Aufgabe, Bilder für ein vor vielen Jahrzehnten entstandenes, aber noch nie gesehenes Stück zu finden. Sie siedelt es in den 1940er Jahren an, bleibt nah an der derben Lebenswirklichkeit der Figuren, arbeitet atmosphärisch mit Videos. Im Zentrum steht die vorzügliche Sopranistin Raffaela Lintl als Grete Minde, die sich einer fahrenden Schauspieltruppe anschließt und genau jene Mischung aus Volkstümlichkeit, Zerbrechlichkeit und Wahnsinn verkörpert, die die Rolle erfordert. Ihr rotes Kleid und die lodernden Locken scheinen das Ende in den Flammen bereits vorwegzunehmen.

[weitere Aufführungen von "Grete Minde" am 20. Februar sowie am 5. und 26. März, www.theater-magdeburg.de]

Dass „Grete Minde“ ausgerechnet in Magdeburg uraufgeführt wird, ist für die Region bedeutsam. Denn mit Tangermünde, nur 70 Kilometer elbabwärts, hat die Stadt einiges gemein. Beide hatten das Potential zur Metropole, Kaiser hatten sich angesiedelt, doch die Entwicklung verlief anders – im Fall Magdeburgs gewaltsam, es wurde zwei Mal völlig vernichtet, durch Tillys Truppen und alliierte Bomber. Tangermünde hingegen fiel eher in einen Dornröschenschlaf.

Viele Fragen bleiben offen: Wie konnte Eugen Engel in weitgehender Isolation das Komponistenhandwerk lernen? In welcher Beziehung stand er zum NSDAP-Mitglied Hans Bodenstedt, der das Libretto bereits 1914 verfasst hat? Warum lässt Engel seine Oper vergleichsweise harmonisch mit einem aufgelösten Akkord enden? Anna Skryleva sagt: „Das Stück fordert dazu auf, sich weiter mit ihm zu beschäftigen. Es inspiriert.“ Hoffentlich auch andere Häuser, es zu übernehmen und aufzuführen.

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