Altar in der Mitte. Siegerentwurf des Architekturbüros Sichau und Walter zur Neugestaltung des Innenraums der Hedwigskathedrale. Foto: Thilo Rückeis
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Umbau der Hedwigskathedrale Kein Bau ist für die Ewigkeit

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Der Umbau der Hedwigskathedrale zerstört den Zustand von 1963. Doch auch Schwipperts Architektur ist Ausdruck ihrer Zeit.

Man kann den Rechtsstreit, der jetzt vor Berliner Gerichten um die Zulässigkeit des Umbaus der Hedwigskathedrale geführt wird, getrost als Nachhutgefecht bezeichnen. Denn die Hauptsache ist entschieden. Bereits am 1. November 2016 hatte der Berliner Erzbischof Heiner Koch in seinem Hirtenbrief mitgeteilt, dass die Kirche nach Plänen des Fuldaer Büros Sichau und Walter Architekten mit Leo Zogmayer (Wien) umgebaut werde.

Mittlerweile ist das Gebäude geschlossen. Der Umbau kann beginnen, der die seit 1952 geplante und 1963 abgeschlossene Innenraumgestaltung durch den Architekten Hans Schwippert mit ihrem zentralen Element beseitigen wird, der Öffnung im Kirchenboden, durch die die Krypta als Unterkirche räumlich einbezogen ist. An die Stelle der Öffnung soll ein durchgehender Fußboden geschaffen werden, so dass der Altar in die Mitte direkt unter die Kuppelöffnung rückt und sich die Kirchenbänke im Dreiviertelkreis um den Altar gruppieren.

Eine solche Anordnung ergibt sich teils aus der Vorgabe des Zweiten Vatikanums, die Trennung zwischen Altarraum und Gemeinde aufzuheben, teils aus der Architektur des Ursprungsbaus. Friedrich der Große hatte ursprünglich einen Rundbau nach dem Vorbild des Pantheons in Rom errichten wollen, geweiht – wie es der Name des Vorbilds besagt – allen Göttern, das heißt allen Religionen. Diesen Gedanken ließ sich der preußische König ausreden; stattdessen bot es sich an, den in großer Zahl als Neubürger nach Berlin kommenden katholischen Schlesiern eine eigene Kirche in der Mitte der Stadt zu gewähren. Spenden aus ganz Europa finanzierten die Ausführung des auf Knobelsdorff zurückgehenden Entwurfs durch Jan Boumann in den Jahren 1747 bis 1773.

Singuläres Zeugnis der Wiederaufbauzeit

Nach der weitgehenden Kriegszerstörung im November 1943 dauerte es mit der Planung für einen Wiederaufbau bis in die fünfziger Jahre. Überraschenderweise wurde ein Repräsentant des Bauens in der jungen Bundesrepublik ausgewählt, Hans Schwippert, der mit dem Umbau der Pädagogischen Hochschule Bonn zum Bundeshaus samt Plenarsaal hervorgetreten war. Sein Einwurf sah etwas für eine Bischofskirche Einmaliges vor, eben die kreisrunde Öffnung zur Unterkirche und den Zugang durch eine breite, mittige Treppe. Der Altar der Krypta ist als Stele ausgebildet, die in die Altarmensa der Oberkirche übergeht. Diesem Altar wiederum ist ein weiterer Kreis mit Sitzbänken für das Domkapitel zugeordnet. Die Kirchenbänke für die Gemeinde konnten in diesem Grundriss nicht anders aufgestellt werden als seitlich einander gegenüber.

Über die liturgische Begründung des nun anstehenden Umbaus ist hinlänglich gesprochen worden; sie ist in sich schlüssig und steht auch gar nicht zur Debatte. Im derzeitigen Gerichtsverfahren geht es allein noch um das Urheberrecht des Architekten Schwippert, um die Frage, ob sein Werk verändert oder gänzlich beseitigt werden dürfe. Gegen die Veränderung steht der Schutz des Urheberrechts, während dessen vollständige Beseitigung zulässig ist. Erinnert sei an den Fall der Topographie des Terrors, deren erster, bis zu den Treppentürmen gediehener Bau von Peter Zumthor im Jahr 2004 vollständig abgerissen werden musste, um einen zweiten Anlauf zu gestatten.

Der Charakter als Baudenkmal steht beim Schwippertschen Umbau der Hedwigskathedrale außer Frage; es ist – oder war – ein singuläres Zeugnis der Wiederaufbauzeit, zusätzlich aufgeladen durch seinen politischen Charakter im Spannungsfeld des Kalten Kriegs zwischen DDR und Bundesrepublik. Der Architekt war westdeutsch, die an der Ausführung beteiligten Künstler ostdeutsch wie der Metallbildhauer Fritz Kühn, der das Kreuz über der Kuppel schuf.

Erschrecken über Krieg ist Architektur eingeschrieben

Die von der Berliner Landesbehörde begründete Denkmaleigenschaft wurde von vielen Fachleuten bekräftigt – freilich, ohne eine Antwort auf die Frage der Kirche nach einer liturgisch angemessenen Gestaltung zu wissen. Erzbischof Koch erklärte, die Kathedrale sei für ihn „nicht in erster Linie ein Denkmal einer bestimmten Zeit, sondern eine Kirche, ein Ort der Liturgie und der Spiritualität“. Und zum Denkmal sagte er: „Die Tradition dieser Kathedrale beginnt vor Schwippert und endet nicht mit ihm.“

Damit ist ein wunder Punkt angesprochen: die Zeitgebundenheit des Wiederaufbaus. Dieser Architektur ist das Erschrecken über den Krieg und über die Verbrechen des Nazi-Regimes eingeschrieben. Buchstäblich jeder Wiederaufbau sah sich mit dem moralischen Donnerwort des Architekten Otto Bartning von 1946 konfrontiert, Wiederaufbau sei „technisch, geldlich nicht möglich“, mehr noch: „seelisch unmöglich!“

Nun hat Schwipperts Lehrer, der Kirchenbaumeister Rudolf Schwarz, gleichfalls einen prägenden Bau der Wiederaufbauzeit gestaltet: die – freilich säkularisierte – Paulskirche. Der Frankfurter und der Berliner Kirchenbau ähneln einander: Beide sind stützenlose Rundbauten, von einer Kuppel gekrönt, die in Berlin leicht elliptisch ausfällt, in Frankfurt nur flach geneigt. Auch in Frankfurt gibt es ein Untergeschoss, aus dem zwei gerundete Treppen seitlich in den mit geraden Bänken ausgestatteten Innenraum führen. Die Kargheit des Paulskircheninterieurs ist in jüngster Zeit stark kritisiert worden. Auch dort steht eine Restaurierung an, die womöglich den gegenwärtigen Zustand zugunsten des historischen Erscheinungsbildes als erstes deutsches Parlament von 1848/49 beseitigen wird.

1963 war der Umbau nicht mehr zeitgemäß

Die Paulskirche allerdings ist unmittelbar nach dem Krieg aufgebaut und bereits 1948 wiedereröffnet worden. Berlin kam 15 Jahre später; entsprechend opulenter sind die Materialien, die in der Hedwigskirche Verwendung fanden. 1963 war der Schwippertsche Umbau im Grunde nicht mehr zeitgemäß.

Wer den Zeitstil der frühen sechziger Jahre im Kirchenbau erleben will, sollte die Kirche Maria Regina Martyrum in Charlottenburg-Nord aufsuchen, an der Rudolf Schwarz mitgewirkt hatte. Sie wurde im selben Jahr 1963 geweiht – und birgt derzeit, vorübergehend, die Gebeine des von den Nazis ermordeten Dompropstes Bernhard Lichtenberg aus der Hedwigskathedrale. Sie sollten ursprünglich in dem Charlottenburger Neubau bestattet werden. Das jedoch untersagte die SED – auch dies ein Mosaikstein der deutschen Nachkriegsgeschichte.

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