Die Londoner Rapperin Funmi Ohiosumah alias Flohio. Foto: Shenell Kennedy
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UK-HipHop-Hoffnung Flohio Eine halbe Stunde Hochdruck

Die Londoner Rapperin Flohio veröffentlicht mit „No Panic No Pain“ ein starkes Mixtape-Debüt, auf dem sich Wut, Nervosität und finstere Sounds mischen.

Ein Menschenknäuel wälzt sich auf dem Boden herum. Elf Männer mit freiem Oberkörper und eine vollständig bekleidete Frau.

Sofort beginnt das Corona-Kopfkino: Die halten ja gar keinen Abstand, Masken haben sie auch nicht. Wurden sie vielleicht alle getestet oder waren in Quarantäne? Es ist ein seltsamer Effekt dieses Pandemie-Jahres, dass Bilder eines Musikvideos plötzlich ganz anders gelesen werden als das noch vor einem Jahr der Fall gewesen wäre.

Naomi Campbell ist Fan

Dass der Clip zu „Unveiled“, der vor einigen Wochen als erste Single zum gerade erschienen neuen Mixtape der Londoner Rapperin Flohio, herauskam, so verstörend wirkt, hat allerdings auch viel mit der Musik zu tun.

Verhallte Synthesizer wabern unter einem reduzierten Beat herum, dazu kommen scharf herausgeschleuderte Raps, die sich im Refrain zwar etwas beruhigen, doch der nun besser zu verstehende Text ist alles andere als beruhigend: „I can’t complain/ No panic, no pain/ Lifestyle on tape/ This night insane/ All I need unveiled/ More life, more cake/ More hype, more rage“ sprechsingt die 28-Jährige, deren bürgerlichen Name Funmi Ohiosumah lautet.

Es gehört nicht viel Fantasie dazu in der Panik-Hype-Wut-Beschreibung eine Skizze ihrer Gefühlslage der jüngeren Vergangenheit zu erkennen. Denn die im nigerianischen Lagos geborene und seit ihrem achten Lebensjahr in London ansässige Rapperin gehört schon seit einer Weile zu den großen Hoffnungsträgerinnen des UK-Hip-Hops.

Sie hat zwei hervorragende EPs herausgebracht, wurde in der BBC-Liste „Sound of 2019“ erwähnt und von Supermodel Naomi Campbell in der „Vogue“ als einer der weiblichen Stars benannt, die unsere Zukunft gestalten werden. Auch das Berliner Techno-Duo Modeselektor hatte Flohio schon früh auf dem Schirm und lud sie ein, auf ihrem Track „Wealth“ vom Album „Who Else“ (2018) zu rappen – eine beeindruckende Stakkato-Explosion.

Hohe Erwartungen knüpfen sich nun an das Album „No Panic No Pain“ (AlphaTone), das Flohio als ihr Debüt-Mixtape bezeichnet – und sie erfüllt sie in der halbe Stunde mit Bravour. Wenn sie im Eröffnungsstück „Floflo“ das Wort „energy“ am Ende wie eine übersprudelnde Getränkeflasche ständig wiederholt, macht sie damit das Programm der folgenden Songs deutlich: Es herrscht Dauer-Hochspannung.

In dem Song „Flash“ rappt sie zu einem bollernden Trap-Beat mit gedoppelter Stimme über einen schnellen Überfall: „In and out quick/ Witness war / No witness, bitch“. Gelegentlich ist zerbrechendes Glas zu hören, etwa in „Boody Traps“, dessen Beginn Flohio mit einer derart aggressiven Schärfe ins Mikro spuckt, dass sie ein wenig an den frühen Stormzy erinnert.

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Wie der momentan wichtigste britische Rapper wuchs die Tochter eines Piloten in Süd-London auf. Ihren Bezirk Bermondsey würdigte sie 2016 in dem nach der Postleitzahl „SE16“ benannten Track. Sie verdankt der Gegend, dass sie überhaupt Rapperin geworden ist. Als Teenager ging sie häufig in einen Jugendclub, der ein Musikstudio hatte. Nachdem sie den anderen Kids zwei Jahre lang nur zugehört hatte, traute sich Lil-Wayne-Fan Flohio irgendwann selbst in die Kabine. Es kostete nur ein paar Cent, dort einen Song aufzunehmen.

Jetzt kann sie sich Flohio, die inzwischen ihren Job als Grafikerin beim Label Ninja Tune aufgegeben hat, eine Reihe verschiedener Produzenten leisten, die ihr einen feinen Düster-Sound geschneidert haben.

Vor allem die zerdehnten Synthesizer verbreiten auf „No Panic No Pain“ eine spukhafte Atmosphäre, etwa bei dem von Cadenza produzierten „With Ease“, in dem Flohio eher abstrakt über Drogengeschäfte rappt, während ihr Gast Kasien im Refrain ganz konkret wird: „We can get loud and greaze, yeah, uh/ Drop to your knees, uh/ I need the codes and keys, yeah.“

Gegen Ende kommen in dem von Gitarren begleiteten „Medicine“ und in „Stuck In A Dance“ auch mal sanftere Gefühle auf, Flohio singt sogar ein bisschen. Schüchternheit und Stolz mischen sich. Flohio zeigt eine weichere Seite, aber mit Schwäche wird das niemand verwechseln – energy, energy, energy.

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