Moderne Verkehrsüberwachung. Am Stand von SenseTime, dem chinesischen Marktführer für Gesichtserkennung, bei der Security China 2018 in Peking. Foto: Thomas Peter/Reuters
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Überwachung in China und im Westen Die neue Logik der Seele

Düstere Aussichten: Kai Strittmatter beobachtet, wie China eine digitale Diktatur aufbaut, Shoshana Zuboff untersucht den westlichen Überwachungskapitalismus.

Seit der Mensch über sich nachdenkt, schaut er in den schwarzen Spiegel der Kunst, um herauszufinden, wie es wohl eines Tages mit der Welt zu Ende gehen wird. Schaudernd liest er die Offenbarung des Johannes oder vertieft sich in die Gemälde von Hieronymus Bosch. Bis in die jüngste Zeit halluziniert er postapokalyptische Zustände, wie sie Cormac McCarthy in seinem Roman „Die Straße“ beschreibt, oder Arno Schmidt in seiner Erzählung „Schwarze Spiegel“, einer Passage durch die atomar verwüstete Lüneburger Heide. Doch diese Auslöschungsfantasien entwerfen nur den offensichtlichsten Teil eines Schreckens, der sich vielleicht längst im weniger Offensichtlichen abspielt.

In seinem Gedicht „Doomsday“ beschwört der von dunklen Spiegeln besessene Argentinier Jorge Luis Borges einen Untergang, der bereits stattgefunden hat, und einen Neuanfang, der noch immer möglich ist. „In jedem Augenblick kannst du Kain sein oder Siddartha", schreibt er, „die Maske oder das Gesicht. / In jedem Augenblick kann dir Helene von Troja / ihre Liebe offenbaren. / In jedem Augenblick kann der Hahn dreimal gekräht haben. / In jedem Augenblick lässt die Wasseruhr den letzten Tropfen fallen.“

Während in solchen Zeilen noch ein Funken Hoffnung glüht, macht sich die englische TV-Serie „Black Mirror“ keine Illusionen mehr. Es ist vorbei, und dennoch geht es immer weiter: So ungefähr lautet ihr Befund. Folge um Folge illustriert sie, wie der technologisch optimierte Mensch sein gewohntes Selbstverständnis abstreift und ein anderer wird. Erfinder Charlie Brooker erklärt den Titel denn auch als fassungloses Starren auf einen abgeschalteten Smartphone- Screen, in dessen nackter Finsternis sich niemand mehr als der erkennt, der er ist.

Wenn sich Utopie und Dystopie nicht mehr unterscheiden lassen

„Black Mirror“ erzählt vom Leben in einer Hypermoderne, in der sich Utopie und Dystopie nicht mehr unterscheiden lassen. Und verschwimmen nicht auch Fiktion und Wirklichkeit? Kai Strittmatter nennt das Land, dessen Schicksal er seit 30 Jahren verfolgt und das ihm als Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ insgesamt 15 Jahre eine zweite Heimat war, in seinem neuen Buch nicht grundlos den „schwarzen Spiegel“ des Westens. „Egal ob bei der Gesichtserkennung, der Verhaltensvorhersage oder aber der belohnenden und bestrafenden Bewertung von Individuen in Online- Ökosystemen“, schreibt er in „Die Neuerfindung der Diktatur“: „Die in China praktizierte Hemmungslosigkeit bei diesen Entwicklungen beschert so manchem CEO in Silicon Valley, London oder Berlin feuchte Träume.“

Strittmatter sagt nicht, ob er die prophetische Folge zum Auftakt der dritten Staffel gesehen hat, in der die totale Gamification von sozialem Verhalten eine frohgemute Hochzeitsbesucherin durch die Bewertungen der anderen Gäste zur Ausgestoßenen macht. Ein Vorgeschmack auf das, was China mit dem Sozialkreditsystem blühen könnte. Derzeit befindet es sich noch in der Erprobungsphase, wird von denen, die schon damit leben, allerdings keineswegs als Bedrohung betrachtet, sondern als Schutz vor Korruption und Verantwortungslosigkeit, ja als Versicherung gegen nachbarliche Unberechenbarkeit überhaupt – als würde sich hinter ihr nicht die Willkür des Staates verstecken.

Man darf nicht mit allzu viel abendländischem Humanismus an die Sache gehen, um das, was sich da anbahnt, zu begreifen. Denn es entzieht sich den vertrauten Begriffen. Für die lange an der Harvard University tätige US-Ökonomin Shoshana Zuboff ist „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“, das sie in ihrem neuen Buch schildert, das schlechthin Beispiellose. Ein ums andere Mal muss sie sich eingestehen: „Das Beispiellose ist seinem Wesen nach nicht zu erkennen.“

In acht vorangestellten Punkten, die sie im Verlauf ihres 700-seitigen Opus Magnum entfaltet, spricht sie vom „Sturz der Volkssouveränität“ und der „Enteignung kritischer Menschenrechte, die am besten als Putsch von oben zu verstehen ist“. Kurz: „Überwachungskapitalismus beansprucht einseitig menschliche Erfahrung als Rohstoff zur Umwandlung in Verhaltensdaten.“ Zuboff sieht einen Markt für Vorhersagen entstehen, den sie als Verhaltensterminkontraktmarkt bezeichnet: Entsprechende Formen künstlicher Intelligenz kennen unsere (Kauf-)Entscheidungen, bevor wir sie kennen.

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