Ein kleines Wort mit großer Wirkung: Nein. Foto: Alamy Stick Photo/dpa/Peter Fastl/imago
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Thüringen ist nicht überall Elf Beispiele für ein Nein zum richtigen Zeitpunkt

Ein Nein ist nicht bloß eine Ablehnung. Darin steckt ein Bekenntnis. Berühmte Beispiele zeigen, dass man nicht jede Wahl annehmen muss – von Luther bis Neubauer.

Die Wahl des FDP-Landes- und Fraktionschefs Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten von Thüringen mit den Stimmen der AfD im dritten Wahlgang ist ein beispielloser Vorgang. Mit nur einer Stimme mehr als für den seit 2014 amtierenden Bodo Ramelow lag er am Mittwoch vorne.

Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte kommt damit der Regierungschef eines Bundeslandes mit Unterstützung der AfD ins Amt. Die kleinste Fraktion im Landtag ließ sich von Gnaden einer Partei, die neofaschistisches Gedankengut verbreitet, den Posten zuschieben. Thomas Kemmerich hätte sofort "Nein" sagen können – doch er tat es nicht. FDP-Chef Christian Lindner erklärte das später damit, er sei „offensichtlich übermannt“ worden. Erst nach Intervention des Bundesvorsitzenden kündigte Kemmerich einen Tag später seinen Rücktritt an.

Nein-Sagen ist nicht leicht, wenn es um etwas geht. Ein Nein ist nicht bloß eine Ablehnung. Darin steckt eine Haltung, ein Bekenntnis. Das zeigen zahlreiche Beispiele seit der Antike bis heute. Der Philosoph Sokrates sagte Nein, der SPD-Politiker Otto Wels, ebenso die Whistleblowerin Chelsea Manning oder der Mönch Martin Luther. Wir nennen elf Beispiele.

ROSA PARKS: Das Nein der Bürgerrechtlerin

Rosa Parks 1956 im Bus in Montgomery, Alabama. Foto: imago/UIG Vergrößern
Rosa Parks 1956 im Bus in Montgomery, Alabama. © imago/UIG

Ein unaufgeregtes Nein kostete Rosa Parks 14 Dollar Bußgeld und machte sie zur Mutter der Bürgerrechtsbewegung. Nach einem langen Arbeitstag steigt Parks am 1. Dezember 1955 in einen Bus der Stadt Montgomery im amerikanischen Bundesstaat Alabama. In den Südstaaten der USA herrscht strikte Rassentrennung, dunkelhäutige Fahrgäste wie Parks dürfen nicht im vorderen Teil des Busses sitzen. Er ist Weißen vorbehalten. An diesem kalten Donnerstagabend wird Parks vom Busfahrer aufgefordert, ihren Sitz einem weißen Fahrgast zu überlassen, da der vordere Teil bereits voll ist. Doch Parks bleibt sitzen, pocht auf ihr Recht. Wenig später wird sie von der Polizei verhaftet.

Es ist der Anfang ihrer Unsterblichkeit. Nicht die Müdigkeit nach dem langen Arbeitstag habe sie zu der Entscheidung veranlasst, sagt sie später, sondern die Müdigkeit der langen Ungerechtigkeit. Rosa Parks mutigem Nein, gingen andere voraus: neun Monate zuvor, wurde auch die 15-jährige Schülerin Claudette Colvin wegen zivilem Ungehorsam im Bus verhaftet. Parks wollte aber keine Heldin sein, sondern eine gleichberechtigte Person. Ihr Handeln sorgte dafür, dass das Oberste Gericht ein Jahr später die Rassentrennung im öffentlichen Verkehr für verfassungswidrig erklärte und die Bürgerrechtsbewegung Fahrt aufnahm. Im Lied „The Ballad of Momma Rosa Parks“ heißt es „Die Welt stand auf, als Rosa Parks sitzen blieb“. Max Tholl

LUISA NEUBAUER: Das Nein der Klimaschutzaktivistin

Luisa Neubauer, Umweltaktivistin und Mitorganisatorin der Fridays-for-future-Bewegung. Foto: Michael Kappeler/picture alliance/dpa Vergrößern
Luisa Neubauer, Umweltaktivistin und Mitorganisatorin der Fridays-for-future-Bewegung. © Michael Kappeler/picture alliance/dpa

Es war der 12. Januar 2020, als das Nein der Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer bekannt wurde, mit dem sie das Angebot von Siemenschef Joe Kaeser ablehnte, der ihr einen Aufsichtsratsposten in einer Siemens-Tochter angeboten hatte. Das Nein war keine Nachricht von Neubauer selbst, sondern von der „Süddeutschen Zeitung“, die sie zu dem Angebot befragt hatte. Es wurde als Nein einer Überzeugten aufgefasst, da Neubauer sich nicht die Freiheit nehmen lassen wollte, den Konzern wegen seines Beitrags zur weltgrößten Kohlemine zu kritisieren, die gerade in Australien gebaut wird.

Und es war ein konstruktives Nein, denn Neubauer schlug dem Konzern vor, an ihrer Stelle Klimawissenschaftler auf den Posten zu heben. Joe Kaesers Antwort darauf war ebenfalls Nein. Und später ließ er noch verlauten, dass er Luisa Neubauer auch nie einen Aufsichtsratsposten angeboten habe. Ariane Bemmer

SOKRATES: Das Nein des Philosophen

Die Büste des griechischen Philosophen Sokrates im bayerischen Landtag. Foto: Sven Hoppe/picture alliance/dpa Vergrößern
Die Büste des griechischen Philosophen Sokrates im bayerischen Landtag. © Sven Hoppe/picture alliance/dpa

Es ist das Jahr 399 vor Christus. In Athen ist ein Bürger namens Kriton zu Besuch im Gefängnis bei einem guten Freund. Es ist ein zum Tode verurteilter, 70-jähriger Mann. Der heißt Sokrates und gilt schon zu Lebzeiten als einer der größten Philosophen aller Zeiten, obwohl er nie ein Wort aufschreibt. Das muss sein Schüler Platon machen. Laut Platon hat Kriton schon alles arrangiert, um seinem Freunde in der kommenden Nacht erfolgreich zur Flucht verhelfen zu können, inklusive hoher Bestechungssummen für die Wärter und einer Asylzusage in Thessalien.

Aber Sokrates sagt Nein. Seine Begrünungen dafür sind komplex, und Kriton kann ihnen teilweise nicht recht folgen. Im Grunde sagt Socrates, dass man ein Unrecht - in diesem Falle seine Verurteilung wegen „Verführung der Jugend“ und „Gottlosigkeit“ - eben nicht mit einem anderen Unrecht - hier die Flucht vor der Vollstreckung eines geltenden Gerichtsurteils - beantworten dürfe. Würden Urteile nicht befolgt, verlören Gesetze überhaupt ihre Kraft, und die Grundlage des Zusammenlebens im Staatswesen werde untergraben.

Zudem, sagt Socrates, müsse generell und auch in solchen Situationen Rationalität allein Grundlage des Handelns sein. So fällt also auch die mögliche Furcht vor dem Tode als Begründung einer Flucht weg. Sokrates leert schließlich sehr gefasst den Schierlingsbecher in Anwesenheit einiger Freunde. Sein konsequentes, rational begründetes Nein und seine Gelassenheit gegenüber dem Tode allerdings sind wichtiger Teil seines philosophischen Vermächtnisses. Richard Friebe

PAL DARDAI: Das Nein des Fußballers

Cheftrainer Pal Dardai von Hertha BSC ist sichtlich gerührt vor dem Abschiedspiel gegen Leverkusen. Foto: Andreas Gora/dpa Vergrößern
Cheftrainer Pal Dardai von Hertha BSC ist sichtlich gerührt vor dem Abschiedspiel gegen Leverkusen. © Andreas Gora/dpa

Natürlich gibt es sie auch im Sport, die verführerischen Angebote. Da winkt das große Geld und die Aussicht, ein ganz Großer werden zu können. Vereinsliebe? Was ist das schon? Den meisten Profis der fußballerischen Neuzeit ist sie schnuppe. Den meisten, aber nicht Pal Dardai. Der Ungar wechselte als junger Mann nach Berlin zu Hertha BSC und hat den Klub seither nie wieder verlassen. Bis heute. Selbst als die großen Bayern anklopften, blieb Dardai bei der kleinen Hertha - und das obwohl er als Kind immer davon träumte, einmal im Bayern-Dress aufzulaufen.

Dardai war als Spieler konsequent und ist es auch jetzt als Trainer. Seit ihn Hertha nach der vergangenen Saison als Chefcoach entlassen hat, flattern die Verlockungen nur so rein. „Ich kriege jede drei Wochen ein Angebot“, hat der 43-Jährige gerade erst gesagt. „Manchmal unmoralische bei so viel Geld.“ Pal Dardai aber hat sich vorgenommen, in Berlin Nachwuchstrainer zu bleiben. Einmal Herthaner, immer Herthaner. Katrin Schulze

HELMUT SCHMIDT: Das Nein des Hanseaten

Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt bei seiner Lieblingsbeschäftigung. Foto: Wolfgang Kumm/dpa Vergrößern
Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt bei seiner Lieblingsbeschäftigung. © Wolfgang Kumm/dpa

Das Nein des Helmut Heinrich Waldemar Schmidt, DER Helmut Schmidt, Rollenvorbild für einen deutschen Kanzler (der Nachkriegszeit, selbst wenn er eine Lotsenmütze trug) – er hätte sie alle haben können, alle Orden. Aber er sagte Nein zu allen; bis auf ein Ja zum „Orden wider den tierischen Ernst“, aber das ist eine andere Geschichte und nicht ganz so ernst zu nehmen. Der Hamburger Schmidt sagte Nein aus hanseatischer Gesinnung. Die geht zurück auf das Hamburger Stadtrecht des 13. Jahrhunderts. Da sollten „äußerlich sichtbare Ordens-Insignien“ keiner den anderen als „einen vorzüglicheren“ erscheinen lassen.

Das galt damals – und bis heute – als Widerspruch zum bürgerlichen Geist der Verfassung: „Es gibt über dir keinen Herren und unter dir keinen Knecht.“ Hamburg hat (wie die Hansestadt Bremen) auch keinen eigenen Verdienstorden gestiftet. Was der Hamburger annimmt: die Lebensrettungsmedaille. Diese Auszeichnung ist bei ihm nicht überliefert. Dazu hätte Schmidt in der großen Sturmflut 1962 wahrscheinlich selbst in die Elbe springen müssen. Stattdessen hat er, seinerzeit Polizei-, also Innensenator, die Lebensrettung der Vielen organisiert. Stephan-Andreas Casdorff 

MARTIN LUTHER: Das Nein des Augustinermönches

Reformator Martin Luther, gemalt von Lucas Cranach um 1532. Foto: Alamy Stock Photo Vergrößern
Reformator Martin Luther, gemalt von Lucas Cranach um 1532. © Alamy Stock Photo

Vielleicht das berühmteste, sicher das folgenreichste Nein der Weltgeschichte hat vor 499 Jahren, im April 1521, ein einfacher Augustinermönch gesprochen. Er hieß Martin Luther: in der Hierarchie der westlichen, katholischen Christenheit eigentlich ein winziges Glied. Doch als Theologieprofessor in Wittenberg war er durch seine reformatorischen Lehren bereits zu einigem Ruhm gekommen, der als kirchenrevolutionärer Rumor auch den Papst in Rom stark beunruhigte.

Luther geißelte den Ablasshandel und die Verschwendungssucht der Kirchenoberen und bestritt gar die Unfehlbarkeit von Päpsten und Konzilen. Ein Ketzer. Aber einer mit, neudeutsch, vielen Followern, auch unter den deutschen Landesfürsten. Also wurde er auf dem Wormser Reichstag im Frühjahr 1521 vor Kaiser Karl V. und die päpstlichen Gesandten gerufen, um seinen Thesen öffentlich abzuschwören. Was Luther mit Berufung auf die Heilige Schrift und sein Gewissen verweigerte.

Der berühmten Satz „Hier stehe ich, Gott helfe mir, ich kann nicht anders“ ist zwar nur Legende. Aber ohne Luthers Nein zum Widerruf gäbe es wohl die Reformation einer Weltreligion und damit den ganzen Protestantismus nicht, mit heute global noch immer fast einer Milliarde evangelischer Christen. Dieses Nein machte den im Weltlichen eher konservativen bis reaktionären Mönch zum Idol. Peter von Becker

OTTO WELS: Das Nein des SPD-Politikers

Der Reichstagsabgeordnete Otto Wels, um 1930, stimmte gegen das Ermächtigungsgesetz. Foto: AKG Vergrößern
Der Reichstagsabgeordnete Otto Wels, um 1930, stimmte gegen das Ermächtigungsgesetz. © AKG

Der Sohn eines Berliner Gastwirts wird 1912 für die SPD in den Reichstag gewählt. 1919 wird er deren Vorsitzender. Ein deutscher Politiker in wilden, revolutionären Zeiten: Wie immer man seine Rolle in den chaotischen Kämpfen in Berlin nach dem Ersten Weltkrieg beurteilen mag - Otto Wels hielt am 23. März 1933 im Reichstag die Rede seines Lebens, die letzte freie Rede in dem Haus. Im Namen der Sozialdemokraten lehnte er das so genannte Ermächtigungsgesetz ab, Hitlers Freibrief für die nationalsozialistische Diktatur.

Die Worte, die Otto Wels fand, zeugen von großem Mut, und sie enthielten auch eine schreckliche Prophezeiung. „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“ Die Nazis hatten da bereits mit der Verfolgung des politischen Gegners begonnen. Wels wurde im August 1933 ausgebürgert, er ging nach Prag, später ins Exil nach Paris, wo er 1939 starb. Otto Wels wurde 66 Jahre alt, ein Standhafter. Rüdiger Schaper

KRISTINA HÄNEL: Das Nein der Ärztin

Die Ärztin Kristina Hänel im Kreis ihrer Unterstützer. Foto: Boris Roessler/dpa Vergrößern
Die Ärztin Kristina Hänel im Kreis ihrer Unterstützer. © Boris Roessler/dpa

Ihr Webtechniker hatte einen Fehler gemacht. Im Internet stand nun nicht nur, dass Kristina Hänel, Allgemeinärztin und Notfallmedizinerin in Gießen, auf Nachfrage über Schwangerschaftsabbruch informiere. Jetzt gab es die Informationen zum Downloaden. Ein Verstoß gegen § 219a Strafgesetzbuch, der „Werbung“ für Abtreibung verbietet, aber damit faktisch auch sachliche Information unter Strafe stellt. Korrigieren? Hänel entschied sich, dass nun, nach vielen Jahren Koexistenz mit einem Paragrafen, der ihre Arbeit als Ärztin ins Abseits stellte, ein Nein fällig sei.

Sie wurde 2017 angezeigt, verurteilt und kämpft sich seither durch die Instanzen. Bis zum Bundesverfassungsgericht will sie gehen. Viele Kolleginnen haben es ihr inzwischen nachgetan. Die Abtreibungsparagrafen 218ff. sind wieder in den Schlagzeilen. Und so dicht davor wie seit Jahrzehnten nicht, dass sie endlich aus dem Strafgesetzbuch verschwinden. Hänels Nein wäre dann der Anfang vom Ende eines Kampfs gewesen, den Frauen und etliche Männer seit 150 Jahren führen. Andrea Dernbach

MUHAMMAD ALI: Das Nein des Boxers

Schwergewichtsweltmeister Muhammad Ali, auch bekannt als Cassius Clay. Foto: imago stock&people Vergrößern
Schwergewichtsweltmeister Muhammad Ali, auch bekannt als Cassius Clay. © imago stock&people

Er war schneller, schlauer und tausend Mal schöner als seine Gegner. So viel war schon mal sicher für Muhammad Ali. Der 2016 verstorbene US-Amerikaner gilt bis heute nicht nur als bester Boxer aller Zeiten, sondern auch als das größte Großmaul unter den vielen Großmäulern in seiner Sportart. Im Frühjahr 1967 befand er sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Zu jener Zeit hatte US-Präsident Lyndon B. Johnson die US-Kampftruppen in einem furchtbaren Krieg in Vietnam auf 400 000 Soldaten aufgestockt.

Rund 40 Prozent der Soldaten waren Afroamerikaner, obwohl ihr Anteil in der Bevölkerung nur bei knapp über zehn Prozent lag. Ali, der mit 22 Jahren seinen - wie er sagte - „Sklavennamen“ Cassius Clay ablegte und fortan Muhammad Ali genannt werden wollte, lehnte den Krieg in Vietnam ab. „Mein Gewissen erlaubt es mir nicht, einen Bruder zu erschießen. Wofür sollte ich sie erschießen? Kein Vietcong nannte mich jemals Nigger“, sagte er.

Ali hatte die Wahl, er konnte seiner Überzeugung treu bleiben und seine sportliche Karriere würde erst einmal vorbei sein. Oder aber er meldete sich pflichtschuldigst zum Wehrdienst und konnte weiterhin seine Gegner im Ring verprügeln. Ali traf eine Entscheidung: Er lehnte den Wehrdienst ab und erhielt drei Jahre, in der Blütezeit seines sportlichen Schaffens, keine Boxlizenz. Gerade dadurch stieg er zu einer ikonischen Figur im Sport auf. Martin Einsiedler

CHELSEA MANNING: Das Nein der Whistleblowerin

Die Whistleblowerin Chelsea Manning. Foto: imago images / ZUMA Press Vergrößern
Die Whistleblowerin Chelsea Manning. © imago images / ZUMA Press

Knapp zwei Jahre genoss Chelsea Manning ihr Leben in Freiheit, bezog in Manhattan eine Einzimmerwohnung, schrieb ein Buch und versuchte auszuloten, was für sie künftig Alltag bedeuten könnte - bis ein Richter sie im März 2019 vor die Wahl stellte: Entweder sie sagt gegen Wikileaks aus, die Plattform, der sie als Soldat, damals noch mit Vornamen Bradley, hunderttausende geheime Dokumente des US-Militärs zuspielte und so etliche Fälle von Kriegsverbrechen und Folter öffentlich machte - oder sie muss zurück hinter Gitter, diesmal als Beugehaft, bis sie kooperiere.

Ihre eigene Strafe hatte die wichtigste Whistleblowerin der Gegenwart da bereits abgesessen, Obama hatte sie nach sieben Jahren Gefängnis begnadigt. Im Gegenzug für eine Aussage gegen Wikileaks sicherte man ihr nun Immunität zu. Chelsea Manning blieb bei ihrem „Nein“ und sitzt seitdem in Haft, bekommt zudem pro Tag 1000 Dollar Strafe aufgedrückt. Der UN-Sonderberichterstatter für Folter klagt, ihre Behandlung sei illegal. Chelsea Manning sagt, sie würde lieber verhungern, als doch noch gegen Wikileaks auszusagen. Sebastian Leber

BARTLEBY: Das Nein der Romanfigur

Der amerikanische Romancier Hermann Melville verfasste "Bartleby". Hier gemalt von Joseph Eaton. Foto: Getty Images Vergrößern
Der amerikanische Romancier Hermann Melville verfasste "Bartleby". Hier gemalt von Joseph Eaton. © Getty Images

Das hartnäckigste Nein der Moderne ist auch das stillste. Der Schriftsteller Herman Melville hat es dem Protagonisten seiner 1853 erschienenen Erzählung „Bartleby“ in den Mund gelegt. Mit kleinen Abwandlungen lautet die Abwehrformel ein ums andere Mal: „I prefer not to.“ Ich möchte lieber nicht. Bartleby, der unscheinbare Schreiber einer Anwaltskanzlei an der New Yorker Wall Street, möchte dieses Papier lieber nicht durchsehen und jene Reinschrift nicht überprüfen. Er, das stockstarre unbegründete Nein, lässt sich von seinen Aufgaben aber auch nicht vertreiben.

Der Versuch, ihn vor die Tür zu setzen, endet damit, dass er in den Büroräumen zurückbleibt, während die Kanzlei umzieht. Bartlebys Formel hat viele Interpretationen erfahren und Exegeten wie Giorgio Agamben oder Gilles Deleuze beschäftigt. Ihre im Wortsinn unheimliche Kraft liegt nicht im konkreten Widerstand, sondern in der puren, ungerichteten Dysfunktionalität. Bartlebys Nein ist ein Nein vor der Wahl zwischen Ja und Nein - und ein Protest jenseits aller Proteste. Gregor Dotzauer

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