Rinder auf einer australischen Weide Foto: mauritius images
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Thriller "Barrier Highway" Australien kann sehr kalt sein

Garry Disher ist der Großmeister des australischen Krimis. In „Barrier Highway“ erzählt er von einem Polizisten, der in die Provinz strafversetzt wird.

Winter in Südaustralien. Ende August liegt Frost auf dem Gras, Eiszapfen hängen an tropfenden Gartenwasserhähnen. Constable Hirschhausen tränen die Augen, als er kurz nach Sonnenaufgang seine erste Runde durch die Straßen von Tiverton dreht, einem Ort im Buschland, drei Autostunden von Adelaide entfernt. Kaffee und Toast, dann klingelt das Telefon.

Die Grundschullehrerin macht sich Sorgen über Lydia Jarmin, die von ihren Eltern allein zu Haus auf einem Hof unterrichtet wird. Hirschhausen heftet seine Handynummer an die Haustür und macht sich in seinem Toyota Hilux auf den weiten Weg ins Farmland. Der Hof der Familie wirkt verlassen, schließlich entdeckt Hirschhausen einen Wohnwagen – und darin eingesperrt ein verängstigtes elfjähriges Mädchen. Lydia Jarmin.

Ländliches Elend

„Barrier Highway“ ist der dritte Band in Garry Dishers Reihe um Constable Paul Hirschhausen, und er beginnt im ganz normalen ländlichen Elend: eine Frau, die ihre Stieftochter nur mit einer Windel und einem schmutzigen Wollpullover bekleidet in einem alten Wohnwagen wegschließt. Es ist vermutlich kein Fall für die Polizei, sondern für staatliche Fürsorge, „Unterstützung und Beratung“, ohne Aussicht auf Besserung.

Paul „Hirsch“ Hirschhausen – der vor 18 Monaten aus Adelaide in Hinterland versetzt worden ist, weil er gegen mutmaßlich korrupte Kollegen ausgesagt hat – ist immer noch nicht ganz angekommen im Alltag eines Kleinstadtpolizisten. Diesmal: ein vernachlässigtes Kind, Wäschediebstähle bei älteren Frauen, irische Dachdecker, die mit einer Betrugsmasche über Land ziehen.

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Am Anfang ist nicht ganz klar, was eigentlich der „Fall“ ist in „Barrier Highway“ ist, doch dann kommt es zu einer Schießerei auf einer entlegenen Farm. Leon Ayliffe und sein erwachsener Sohn fliehen und ziehen dabei eine Spur der Verwüstung hinter sich her – während ein Mann namens Adrian Quinlan verschwindet, der der im Nachbarort im großen Stil mit Vieh, Land und Düngemittel handelt und offenbar massive Geldprobleme hat. Und dann gibt es den ersten Toten.

Wenig Sympathien für den Helden

Garry Disher ist der Großmeister des australischen Thrillers. Er schreibt seit dreißig Jahren Kriminalromane, im deutschsprachigen Raum ist er mit Figuren wie seinem zurückhaltenden Inspector Challis oder dem langsam alternden Berufsverbrecher Wyatt bekannt geworden. Paul Hirschhausen ist auf den ersten Blick schwerer zu fassen als Dishers andere Protagonisten, aber genau das macht die Reihe so interessant.

Der degradierte Cop aus Adelaide war bereits in „Bitter Wash Road“ (deutsch 2016) kein Sympathieträger. In „Hope Hill Drive“ (2020) und jetzt in „Barrier Highway“ wirkt er mehr und mehr zwanghaft: die tägliche Morgenpatrouille, egal bei welchem Wetter; vor dem Rundgang Tee, danach Kaffee; dazu seine regelmäßigen Besuche bei den Schutzlosen und Einsamen im Bezirk, die einem penibel aufgestellten Wochenplan folgen.

Gesellschaft ohne Bindungskräfte

Hirschhausen ist ein Mann, der sich selbst und andere kontrolliert auf Abstand hält. In der Constable-Hirschhausen-Reihe prallen ausgefahrene Schotterpisten und toxische Einsamkeit aufeinander, Jagdgewehre, Familiendramen und lebenslange Enttäuschungen. Disher gelingt es, vor dem Hintergrund des wüsten australischen Hinterlands und der kaputten, mit Frost überzogenen Welt von Tiverton das Bild einer Gesellschaft mit immer schwächer werden Bindungskräften zu zeichnen: „Hirsch konnte die Kälte in all den Gemäuern spüren.“

[Garry Disher: Barrier Highway. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Unionsverlag, Zürich 2021. 352 Seiten, 22 €]

Die Handlung von „Barrier Highway“ ist exakt datiert. Der kalte August gehört ins Jahr 2019. Masken trägt noch niemand in diesem Roman, Covid-19 gibt es noch nicht. Veröffentlicht hat Disher seinen dritten Hirschhausen-Roman ein Jahr später, auf dem Höhepunkt der Pandemie. Und es ist sicher kein Zufall, dass am Ende eine „Impfgegner-Demo“ ins Spiel kommt, auf der Lydias Vater und ihre Stiefmutter sich kennen gelernt haben und sich seitdem beide radikalisiert haben. Es ist ein kleiner, nur notdürftig versteckter Hinweis darauf, dass die Kälte in Dishers winterlicher Welt weit über Tiverton und Australien hinausreicht.

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