Thomas Guggeis Foto: Matthias Baus
© Matthias Baus

Thomas Guggeis in der Staatsoper Was unbedingt nötig ist

Hingabe und Kontrolle: Der 25-jährige Thomas Guggeis dirigiert sein erstes Konzert am Pult der Staatskapelle Berlin.

Über die Fluten gleitet ein singender Schwan. Seine Stimme ist das Englischhorn, das in der Staatsoper von Florian Hanspach-Torkildsen gespielt wird. Der Solist bewegt sich mit seinem schönen dunklen Ton im geheimnisvollen Licht einer sagenhaften Unterwelt. Sein Lied schwebt über fahlen sordinierten Klängen und Stromwirbeln des Totenflusses.

Thomas Guggeis hat sich den Wunsch erfüllt, sein erstes Konzert am Pult der Staatskapelle Berlin mit dem „Schwan von Tuonela“ zu eröffnen und seine Neigung zu Jean Sibelius noch mit dessen zweiter Sinfonie zu unterstreichen. So sieht eine Programmänderung in seinem Sinn aus, denn er ist für den erkrankten Maestro Paavo Järvi eingesprungen. Die Karriere des 25-jährigen Dirigenten Guggeis bewegt sich aufwärts. Meisterkurse, Salzburger Assistenzen, Übernahme der Berliner „Salome“-Premiere 2018, derzeit Kapellmeister in Stuttgart.

Schwermut, wie sie dem jungen Maestro gefällt

Die Staatskapelle, der er 2016 bis 2018 als Assistent Daniel Barenboims gedient hat, folgt ihm engagiert in die mythologischen und pastoralen Stimmungen der Sibelius-Partituren. Er animiert das Orchester mit Hingabe und weitgehender Kontrolle, so dass die Musiker den finnischen Tonfall der Werke voll entfalten. Die Farbwirkungen in den tiefen Registern der Instrumente, ihre melodietragenden Soli sind zu bewundern, bis es mit Posaunen und Trompeten zu monumentaler Höhe in der Sinfonie kommt. Im Andante aber bezaubert, fein abgetönt, die lange Pizzicato-Passage der Kontrabässe und Celli, im Scherzo das innige Lied der Oboe. Schwermut ist darin, wie sie dem jungen Maestro gefällt, und Klarheit. Die Partituren ausleuchtend, verteidigt er das Verbindende der kleinen Motive, der profilierten Figuren am Anfang der Haltetöne.

Die „Kindertotenlieder“ Gustav Mahlers sind im Programm verblieben, während auch Waltraud Meier erkrankt absagen musste. Okka von der Damerau springt ein und imponiert in linearem Gesang mit treuer Interpretation der Rückert-Texte. Der spätromantische Lyriker wäre wohl heute vergessen, hätte er nicht sein Bleiberecht in dieser Vertonung. Das Ereignishafte der Lieder klingt auf. In großartiger Zweistimmigkeit verkünden Oboe und Horn, dass Mahler – Schönberg zufolge – „nur das hinschreibt, was unbedingt nötig ist“.

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