Die Tänzerinnen und Tänzer in "Rolling". Foto: Dorothea Tuch
© Dorothea Tuch

Tanzperformance von Michael Laub Pulverisierte Filmgeschichte

Kino als Tanzperformance: In „Rolling“ am HAU zitiert Michael Laub zweihundert verschiedene Filme - von Blockbuster bis Arthousekino.

Zweihundert Kinozitate in zwei Stunden – zumindest legt der belgische Theatermacher Michael Laub mit seiner neuen Produktion „Rolling“, die vom HAU1, dem Hebbel am Ufer, koproduziert wurde, sportlichen Ehrgeiz an den Tag. Cineastische Leidenschaft lässt Laub aber schmerzhaft vermissen. In den zwei Stunden, die „Rolling“ dauert, hätte man sich gut und gern einen Spielfilm samt Werbeblock im Kino anschauen können, dieser Gedanke beschleicht einen hinterher.

Dass unsere Wahrnehmung von Film heute kaum mehr im Kino stattfindet, macht Laub auf naheliegende Art klar. Der amerikanische Darsteller Maxwell Cosmo Kramer schlurft im schwarzen Hoodie auf die Bühne, den Blick strikt aufs Smartphone gerichtet. „This is“, beginnt jeder Satz von ihm. Es folgt ein Filmtitel, der Namen eines Regisseurs oder eines Schauspielers. Am Anfang und am Ende verweist Cramer auf Gus Van Sant’s High-School-Massaker-Drama „Elephant“ und deutet eine zarte Begegnung von zwei Teenagern an.

Laub interessieren nicht die Schlüsselszenen oder die magischen Momente, die unsterblichen Bilder. Die lassen sich ohnehin nicht auf der Bühne reproduzieren. Cramer zitiert nuschelnd Dialogfetzen, deutet mit so wenig Energie wie möglich belanglose Gesten oder Bewegungen an. Sein Spiel tendiert zu maximaler Ausdrucksleere. Nur einmal strafft er sich, wenn er einen Teil des berühmten „Hamlet“-Monologs rezitiert und den überprononcierten Sprachduktus von Bühnendarstellern imitiert, senkt sich prompt ein brauner Vorhang herab. Immerhin eine Persiflage.

Die jungen Frauen müssen sich mehr ins Zeug legen und penetrant ihre Sexyness ausstellen. Mehrmals versucht sich Melissa Holley an der Verruchtheit von Bette Davies. Melissa Anna Schmidt singt zur Ukulele „Running Wild“ aus „Some Like it Hot“ mit Marilyn Monroe, eine lauwarme Darbietung. Auf Sex und Gewalt konzentriert sich Laub, dazwischen gibt es kleine, nicht wirklich mitreißende Musical-Einlagen. Die Filme wurden willkürlich ausgewählt. Ob nun Hollywood-Blockbuster, Arthousekino, Autorenfilm oder Heimatschnulze – alle Filme scheinen hier gleichwertig.

Doch auch wenn mehrere Ebenen übereinandergelegt werden, hat die Collage nichts Erhellendes. Die Aneignung von Filmwerken hat etwas Vampiristisches, doch zu einer eigenen theatralen Sprache findet „Rolling“ nicht. Das Pulverisieren der Filmgeschichte in winzige Partikel ist doch sehr fad und banal.

HAU 1, wieder am 14. und 15. Juni, 20 Uhr.

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