Szene aus Amanda Pinas Choreografie „Frontera“ Foto: Dajana Lothert
© Dajana Lothert

Tanz im August Mensch, du bist so tierisch pflanzlich

"Frontera" und "Archipel": Zwei faszinierende Performances verhelfen dem Berliner „Tanz im August“-Festival zu einem beglückenden Finale.

Ein ehemaliger Autoscooter dient als Bühne für Amanda Piñas „Frontera/Border“, der Blick fällt auf Schuttberge und das Betongerippe des Hauses der Statistik. Der unwirtliche Ort passt gut zu der Performance, die koloniale Vergangenheit und gegenwärtigen Migrationstrecks in Zentralamerika kurzschließt. Anfangs formieren sich die Tänzer:innen zu einem lebendigen Monument, einer nimmt die Pose des Konquistadors ein. Dann verwandelt sich die Gruppe sich in einen Fluss, den ein Mann zu überqueren versucht.

Es sind lauter Grenzgänger, die dann auf der Autoscooter-Fläche vorrücken, immer neue Anläufe nehmen, sich zu dumpfen Trommelklängen erst lauernd bewegen, geduckt, mit tastenden Schritten vorwärts streben – und dann umkehren. Immer druckvoller wird dieses Vorpreschen, die neun Perfomer:innen in Gangsta-Look verwandeln sich in symbolische Figuren aus Mythologie und Folklore wie den Tod oder „Den von der Schlange Gebissenen“. Amanda Piña versteht es, diese Gänge so zu variieren, dass sie zu ästhetischen Grenzüberschreitungen werden, zu einem Treck der Lebenden und der Untoten.

Tanz des Widerstands

Die Choreografin, die in Chile geboren wurde und heute in Wien lebt, hat sich für „Frontera“ von einem Tanz inspirieren lassen, der an der Grenze zwischen den USA und Mexiko entstand. In glitzernden Fransenjacken werfen die Tänzer sich in ihre ekstatische Version des „danza de conquista“. Es ist ein Tanz des Widerstands – und ein ausgelassenes Fest. Eine starke Performance.

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Da die energetische Sanierung des HAU2 länger dauert als geplant, musste „Tanz im August“ sich diesmal neue Spielorte suchen. Das Festival erhielt zusätzlich rund 260 000 Euro aus dem Mobilitätsfonds des Senats, um die Outdoor-Locations zu ertüchtigen. Der Trip nach Oberschöneweide lohnt sich. In der Kunstfabrik MaHalla zeigen die Choreografin Stephanie Thiersch und die Komponistin Brigitta Muntendorf „Archipel - Ein Spektakel der Vermischungen“. Der japanische Stararchitekt Sou Fujimoto hat eine fantastische Skulptur entworfen, eine Landschaft aus einander überlagernden kleinen Inseln. Dieser Archipel wird bewohnt von hybriden Wesen aus Mensch, Tier und Pflanze. Thiersch und Muntendorf haben sich von der amerikanischen Philosophin Donna Haraway anregen lassen, die neue Verwandtschaften zwischen den Arten imaginiert.

Ein Chor aus Schlümpfen

Sie experimentieren coronabedingt auch mit einem hybriden Format. Zehn Tänzer:innen und elf Musiker:innen erkunden den Archipel. Der norwegische Solistenchor wird über Audio- und Video-Einspielungen in das Stück integriert. Sie sehen wie Schlümpfe aus, denen Zweige aus dem Kopf wachsen, verleihen dem Stück mit ihren Stimmen aber etwas Erhebendes.

Brigitta Muntendorf vermischt in ihrer Komposition die schrägen Klänge der Streicher und Bläser mit elektronischen Sounds und Lautmalereien. Anfangs fühlt man sich in einen akustischen Dschungel versetzt. In einem langen Ritual müssen die Performer:innen sich von ihrer alten Konditionierung befreien – und es hat den Eindruck, als wollten sie auch die Corona-Starre abschütteln . Das Bewegungsmaterial ist zwar recht schlicht, doch Stephanie Thiersch gelingt es, aus den Tänzer:innen und Musiker:innen eine Gemeinschaft zu formen. Wenn die Neo-Humanoiden in ihren extravaganten Outfits eine Kette bilden, hat das etwas von Karneval. „Archipel“ ist ein Spiel mit der Utopie – und ein verrücktes Spektakel. Für das Festival war es so etwas wie ein Befreiungsschlag.

Begegnungen wecken Euphorie

Und so stellt sich am letzten Wochenende endlich richtige Festivalstimmung ein. Virve Sutinen, die künstlerische Leiterin, konnte wegen der Corona-Einschränkungen in diesem Jahr keine großen Sprünge machen. Das Tanz-Publikum zurückzuholen, gelang mit dieser Ausgabe wohl kaum. Und manche der kleineren Performances waren eher enttäuschend. Doch zwischendurch war dann doch diese Euphorie zu spüren, die nur entsteht, wenn Performer:innen und Zuschauer:innen sich live begegnen.

Es fühlte sich alles noch nicht normal an bei dieser Ausgabe. Dass das HAU als Organisator von „Tanz im August“ an einem strikten Hygienekonzept festhiet, erweist sich als richtig: Sämtliche Vorstellungen konnten stattfinden. Das allein ist schon ein Erfolg für das Festival. Und dass Choreograf:innen jetzt wieder wagen zu träumen, von neuen Verbindungen, neuen Gemeinschaften, das war beglückend.

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