Bundespräsident Richard von Weizsäcker hält 1985 seine vielbeachtete Rede im Bundestag zum Ende des Zweiten Weltkriegs.  Foto: picture alliance / dpa
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„Tag der Befreiung“ Eine Rede macht Geschichte

Paul Nolte

Vor 35 Jahren würdigte Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“. Das hat den Blick auf die deutsche Vergangenheit nachhaltig verändert. Eine aktuelle Analyse.

Haben wir im Moment nichts Wichtigeres zu tun, als uns an den 8. Mai 1945 zu erinnern? Schließlich sind wir im Krieg gegen ein Virus und erleben gerade die schwerste Krise seit 1945. Also sind das vielleicht doch nur zwei Seiten derselben Medaille?

Als Richard von Weizsäcker, nach einem knappen Jahr Amtszeit als Bundespräsident, am 8. Mai 1985 vor Bundestag und Bundesrat zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa sprach, war man sich schnell einig: Weizsäcker hatte die Erinnerung an diesen Tag, an diese Zäsur auf ein neues Niveau gehoben. 

Der 8. Mai – auch für die Deutschen ein Tag der Befreiung! Wie zeitlos in Stein gemeißelt steht das heute da. Es ist eine der wirkmächtigsten politischen Reden der deutschen Nachkriegsgeschichte; vermutlich die bekannteste überhaupt. Und doch liegt sie schon 35 Jahre zurück: Bald wird es uns mit ihr so gehen wie mit der Mauer, die inzwischen länger weg ist, als sie stand. 

Tiefe historische Zäsur

Weizsäcker zog keine Summe, weder der historischen Forschung noch der Erinnerungsarbeit am Nationalsozialismus. Im Gegenteil: Seine Rede stand, von heute aus gesehen, erst am Anfang vieler Veränderungen. Historikerstreit, Goldhagen-Debatte, die Wehrmachtsausstellung, vom Holocaust-Mahnmal in der Mitte Berlins oder den Stolpersteinen ganz zu schweigen: All das kam später. 

In der Erinnerung an den 8. Mai 1945 sind die Spuren der Weizsäcker-Rede erkennbar. Und es bleibt, auch in Zukunft, eine flüssige, eine formbare Erinnerung.

„Der 8. Mai ist ein tiefer historischer Einschnitt, nicht nur in der deutschen, sondern auch in der europäischen Geschichte.“

Es ist nicht trivial festzustellen, dass der 8. Mai 1945 eine tiefe historische Zäsur geblieben ist. Denn manches, was den Zeitgenossen zunächst als ein tiefer Einschnitt erscheint, relativiert sich im weiteren Fortgang der Geschichte. Nicht selten arbeitet die Geschichtswissenschaft später Kontinuitäten heraus, die über dramatische Ereignisse, über einen harten Bruch hinweg ältere Grundmuster fortsetzen. 

Paul Nolte lehrt als Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin.  Foto: Sebastian Gabsch Vergrößern
Paul Nolte lehrt als Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin.  © Sebastian Gabsch

Klassisch hat das Alexis de Tocqueville in seiner Analyse der Französischen Revolution vorgeführt: Der Zentralismus des absolutistischen Staates setzte sich in anderem Gewand fort; noch heute würde Tocqueville sich bestätigt sehen. Ähnliches ist häufig für die Russische Revolution, für die imperialistischen und die bolschewistischen Zaren gesagt worden. 

Und die DDR-marxistische Perspektive auf den vermeintlich restaurativen und kapitalistischen Adenauer-Staat sprach der Bundesrepublik die Berechtigung der Zäsur von 1945 ab. 

Freilich: Nicht nur personelle Kontinuitäten von Eliten, sondern auch das Fortdauern von Mentalitäten, von alltäglichen Sprach- und Handlungsmustern aus dem Nationalsozialismus in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik – all das hat die Forschung erst nach der Weizsäcker-Rede in vollem Umfang zutage gefördert.

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Dennoch hat die Zäsur des 8. Mai 1945 nicht nur Bestand gehabt, sondern ist in der öffentlichen wie der wissenschaftlichen Deutung seitdem eher noch stärker betont worden. 

1945, das ist die große Wasserscheide des 20. Jahrhunderts, für Eric Hobsbawm in seinem „Zeitalter der Extreme“ ebenso wie für Tony Judt, der seine europäische Geschichte der zweiten Jahrhunderthälfte unter den Titel „Postwar“ stellte. 

Noch mehr aber hat sich der Blick zuletzt auf die konkreten Erfahrungen des Umbruchs gerichtet, auf die Zuspitzung des letzten Kriegsjahres 1944/45, auf die so heterogenen subjektiven Erfahrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit.

In den 1990er und frühen 2000er Jahren rückte, sehr umstritten, die Beschäftigung der Deutschen mit ihrem eigenen Leid zwischen Bombenkrieg und Flucht aus dem Osten ins Zentrum. 

Der bisweilen apologetische, larmoyante, Leid und Schuld aufrechnende Zungenschlag dieser Tage hat sich jedoch nicht verfestigt; heute überwiegt ein nüchterner wie eindringlicher Blick auf die Verwerfungen des Kriegsendes – Verwerfungen und Leid, die nicht nur die Deutschen betrafen, sondern eine zweistellige Millionenzahl von Zwangsarbeitern, Displaced Persons und anderen Opfern des Nationalsozialismus im Reich und den von ihm ehemals besetzten Gebieten. 

Humanitärer Begriff der Befreiung

Der 8. Mai 1945 bleibt ein nicht nur deutscher, sondern europäischer, ja globaler Knotenpunkt der Erinnerung – nicht nur für Jahrzehnte, sondern mutmaßlich für Jahrhunderte danach. Er hat sich geradezu als der Scheinriese erwiesen, der mit wachsendem Abstand immer größer geworden ist.

„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“

Richard von Weizsäcker benutzte im Mai 1985 eine klare Sprache, eine befreiende Sprache für das, was 40 Jahre zuvor geschehen war. Vom Tag der Befreiung zu sprechen, war im Westen verpönt. War es nicht der Tag der Niederlage, oder technischer ausgedrückt: der bedingungslosen Kapitulation, des Endes des Deutschen Reiches? 

Die DDR schien da weiter zu sein, bloß darf man nicht übersehen, dass deren Feier der „Befreiung vom Faschismus“ die Verklärung des Stalinismus einschloss, zu dem diese Befreiung erfolgte. Umso größer erscheint die Leistung Weizsäckers, einen ebenso klaren wie unideologischen, einen nahezu humanitären Begriff der Befreiung zu etablieren, der uns heute weithin selbstverständlich ist. 

Gefangene deutsche Soldaten in Berlin laufen an einem russischen Panzer und Rotarmisten vorbei.  Foto: Jewgeni Chaldej/Agentur Voller Ernst Vergrößern
Gefangene deutsche Soldaten in Berlin laufen an einem russischen Panzer und Rotarmisten vorbei.  © Jewgeni Chaldej/Agentur Voller Ernst

Aber unpolitisch war das nicht – dezidiert verweigerte Weizsäcker sich der nach 1945 bald eingeschliffenen Rede vom „Kriegsende“, so als sei nun vor allem Frieden eingetreten und nicht das Ende einer massenmörderischen Diktatur.

Die Unsicherheit in den Begriffen ist jedoch in den letzten Jahrzehnten nicht geschwunden. Nicht nur in Deutschland ist die Epoche seit 1945 vor allem die „Nachkriegszeit“ geblieben, „the postwar era“, auch da, wo man besser Nach-NS-Zeit sagen sollte. 

Weizsäcker sprach überwiegend vom „Völkermord an den Juden“ und nur gelegentlich vom Holocaust, also mit dem Begriff, der in der internationalen, vor allem angelsächsischen Forschung bis heute Standard ist. 

Claude Lanzmanns Dokumentarfilm „Shoah“ übrigens kam ebenfalls 1985 heraus; das hebräische Wort für Unheil oder Katastrophe setzte sich bis heute weniger in der Geschichtswissenschaft und mehr in den Erinnerungskulturen und im geschichtspolitischen Aktivismus durch. 

Lebenslüge der Deutschen

Der 30. Januar 1933 wiederum ist zu einem Inbegriff sprachlicher Verlegenheit geworden. Die „Machtergreifung“ wurde problematisch, weil sie die Beteiligung anderer Kräfte an der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler zu verschleiern schien. 

Aber die „Machtübertragung“ schüttet das Kind mit dem Bade aus und klingt verschwörungstheoretisch, während der Kompromiss „Machtübernahme“ windelweich ist und die nahezu revolutionäre, vor allem aber brutale Dynamik der ersten Wochen und Monate nach dem 30. Januar verharmlost. 

Das „Dritte Reich“ musste mal in Anführungszeichen gesetzt werden, weil man der Selbststilisierung der Nazis nicht aufsitzen sollte; neuerdings geht es aber auch wieder ohne. Das Ringen um die Begriffe hat noch kein Ende gefunden.

„Die Ausführung der Verbrechen lag in der Hand weniger. (...) Aber jeder Deutsche konnte miterleben, was jüdische Mitbürger erleiden mussten.“

Das war der Mythos, die Lebenslüge der Deutschen in den Jahrzehnten nach 1945 – in beiden deutschen Staaten: Eine kleine, verbrecherische Clique etablierte die Diktatur, brach den Krieg vom Zaun, verfolgte und ermordete die Juden. Die Mehrheit war daran unbeteiligt, musste zusehen, wurde gar selber unterdrückt. 

Rhetorisches Kalkül

Erst langsam begann dieses Bild in den 1980er Jahren aufzubrechen. In Weizsäckers Formulierung hallt die alte Sichtweise durchaus noch nach, auch wenn an dieser wie an anderen Stellen seiner Rede ein rhetorisches Kalkül in Rechnung zu stellen ist: nämlich der Versuch, diejenigen zu einer neuen Sichtweise mitzunehmen, die sich von der alten schwer zu lösen vermochten. 

Deshalb das immer wieder charakteristische „aber“. Es ist durchaus bezeichnend, dass dreieinhalb Jahre später, am 10. November 1988, der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger bei seinem Versuch stolperte, die selbstapologetische Sichtweise einer Mehrheit der Deutschen mit rhetorischer Mimesis zu entlarven: Hatten die Juden „es nicht vielleicht sogar verdient, in ihre Schranken gewiesen zu werden?“ 

Bloß konnte man damals, vor lauter sprachlicher Anverwandlung, die Entlarvung von Naivität, Selbstmitleid und Schlimmerem nicht mehr erkennen.

Man muss sich heute ebenso daran erinnern, was schon 1933 oder 1938 oder 1942 bekannt war und gewusst werden konnte, wie daran, was mehr als vier Jahrzehnte später, zum Zeitpunkt der Rede Weizsäckers, noch nicht bekannt war. 

Halbwissen über den Holocaust

Noch der Historikerstreit operierte auf dem Boden eines Halbwissens über den Holocaust; die wesentlichen Durchbrüche der Forschung datieren erst aus den 1990er Jahren und sind eng mit der Öffnung der osteuropäischen Archive nach dem Aufgehen des Eisernen Vorhangs verknüpft. 

Weizsäcker wusste es als Zeitzeuge besser, das scheint in seiner Rede anzuklingen – aber die Gesellschaft, an die er sich wandte, verband den Judenmord noch immer schablonenhaft mit der Chiffre „Auschwitz“. 

Von der „Aktion Reinhardt“, der Ermordung von zwei Millionen vor allem polnischen Juden in den Lagern von Belzec, Sobibor und Treblinka, wussten nur Spezialisten; die Massenerschießungen osteuropäischer Juden hinter der Front traten erst durch Bücher wie Christopher Brownings „Ganz normale Männer“ ins Bewusstsein. 

Viel mehr Deutsche hatten unmittelbare Täterschuld auf sich geladen, als es dem geläufigen Bild vor dreieinhalb Jahrzehnten entsprach.

Gelungene deutsch-französische Versöhnung

„Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir müssen die Maßstäbe allein finden.“

Das ist eine der verblüffendsten Entdeckungen beim Wiederlesen der Weizsäcker-Rede: wie selbstverständlich sie an der besonderen deutschen Perspektive festhielt, wie sie die Deutschen geradezu in ihrer besonderen Rolle einkapselte. 

Ein Dreivierteljahr zuvor, am 22. September 1984, hatten sich François Mitterrand und Helmut Kohl über den Gräbern von Verdun symbolträchtig die Hände gereicht, im Gedenken an die Toten des Ersten Weltkriegs: Man tastete sich an eine geteilte Erinnerung, an gemeinsames europäisches Gedenken, langsam heran. Die nationalsozialistische Herrschaft und der Zweite Weltkrieg schienen davon lange ausgenommen. 

Und gab es nicht gute Gründe dafür, zumal aufseiten der Alliierten, nicht gemeinsam mit den Kindern und Enkeln der Feinde, der Besatzer, der Mörder zu feiern? 

Es dauerte noch einmal knapp zwei Jahrzehnte, bis das den beiden Nachfolgern im deutsch-französischen Verhältnis gelang: Jacques Chirac lud Gerhard Schröder ein, am 6. Juni 2004 in Caen an den Feiern zum 60. Jahrestag der Alliierten-Landung in der Normandie teilzunehmen – und es gelang.

Die Grenzen des Nationalen sind durchlässiger geworden. Dazu haben nicht nur die – ja doch, bei allem Ungenügen und allen Fehlschlägen zwischendurch – gewaltigen Fortschritte in der europäischen Einigung beigetragen, die seit 1985 erreicht wurden. 

Der Nationalsozialismus und der Holocaust sind nicht mehr das „negative Eigentum“, der Schuldbesitz der Deutschen allein, sondern auf komplizierte Weise gemeinsame europäische Geschichte und Erinnerung geworden. 

Dass das NS-Regime auf dem Höhepunkt seiner Macht und Ausdehnung eine Herrschaft über weite Teile Europas etabliert hatte, ist heute selbstverständlich; damals dachte man noch eher in klassischen Kategorien des Krieges: von feindlichen Armeen, von Frontverläufen auf dem Kontinent. 

Aber noch in ganz anderer Hinsicht klingt der Satz Weizsäckers inzwischen fremd. Er ging von einer Homogenität des deutschen Volkes aus, das sich der Verantwortung für die Schuld der eigenen Vorfahren stellen müsse. Das gilt inzwischen für mindestens ein Viertel der deutschen Bevölkerung nicht mehr – die Kinder und Enkel von Zugewanderten können diese Verantwortung allenfalls adoptieren.

Schuld nicht auf Nachgeborene übertragbar

„Der ganz überwiegende Teil unserer heutigen Bevölkerung war zur damaligen Zeit entweder im Kindesalter oder noch gar nicht geboren.“

Diese Frage einer „Demographie der historischen Verantwortung“ hingegen beschäftigte nicht nur Weizsäcker, sondern überhaupt die Debatten der 1980er Jahre intensiv. Helmut Kohl machte für sich und seine Generation die „Gnade der späten Geburt“ geltend, missverständlich und vielkritisiert im Umfeld seines Israel-Besuches Anfang 1984.

Der Ton macht die Musik, befand sein Parteifreund, der Bundespräsident, der gleichwohl erstaunlich klar formulierte, dass Schuld nicht kollektiv sein und nicht auf Nachgeborene übergehen könne. In Weizsäckers Feststellung kündigte sich an, was in den Jahrzehnten seitdem zu einem Hauptmotiv der Erinnerungsgeschichte des Nationalsozialismus wurde: das Ende der Zeitzeugen, der „Abschied von der Zeitgenossenschaft“ (Norbert Frei). 

Rechnet man nach, war das im Jahr 1985 ein durchaus kühner Vorgriff in die Zukunft; immerhin hatten damals die über 45-Jährigen, und damit nahezu die gesamten Eliten und Entscheidungsträger in der Bundesrepublik, eine bewusste Erinnerung an die nationalsozialistische Zeit. Und was heißt „Kindesalter“? 

Verstrickung der Generation Kohl

Die Verstrickung der Generation Kohls – jedenfalls: der nur wenige Jahre Älteren – in den Nationalsozialismus trat erst in den 2000er Jahren voll ins Bewusstsein. Es war eine Zwiebel, die sich nicht nur für den 1927 geborenen Günter Grass häutete, als er 2006 seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS offenlegte.

Heute ist die scharfe Trennung zwischen persönlicher Schuld und nachgeborener Verantwortung nicht mehr entscheidend. 

Der Nationalsozialismus wirkt auf andere Weise nach, über die Zäsur vom 8. Mai 1945 hinweg, in Formen, von denen Richard von Weizsäcker vor dreieinhalb Jahrzehnten kaum etwas ahnen konnte: als Familiengeschichte, wie sie Nora Krug in ihrer Graphic Novel „Heimat“ aufgezeichnet hat; oder als Erinnerung an die verlorenen, an die ermordeten Nachbarn, die uns kleine Messingtafeln im Straßenpflaster näherbringen. 

Schuld und Scham und Trauer lassen sich nicht trennen. Die Befreiung des 8. Mai 1945, von der Weizsäcker sprach, ist uns kein heroischer Akt geworden, sondern ist eine leise Befreiung – und nicht einmal in erster Linie wegen der zwiespältigen Erfahrungen jenes Frühlings vor 75 Jahren.

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