Mehr Perspektiven. Die zivilgesellschaftliche Initiative Citizens for Europe hat die Studie erstellt, im Auftrag eines breiten Bündnisses. Foto: Marcus Mazzoni
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Studie "Vielfalt im Film" Du hast den Farbfilm vergessen!

Schwarz, weiß, bunt: Die Studie „Vielfalt im Film“ belegt, wie weit der Weg zu mehr Diversität vor und hinter der Kamera hierzulande noch ist.

Melden allein genügt nicht. Zu diesem Ergebnis kommt die von Citizens for Europe erstellte Studie „Vielfalt im Film“, an der insgesamt 38 Einrichtungen beteiligt sind, von ProQuote Film über die Schwarze Filmschaffende Community und die Filmuniversität Babelsberg bis zur Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Wie divers, fair und inklusiv geht es vor und hinter den Kameras im deutschsprachigen Raum zu?

Eher wenig, so die Studie: Sie belegt, so die Soziologin und wissenschaftliche Leiterin Deniz Yildirim, nicht nur eine strukturelle Diskriminierung von Frauen, People of Color, queeren oder trans Menschen und Personen mit Beeinträchtigungen. Sie macht auch klar, wie wenig sich ändert, wenn Betroffene sich wehren. Zwar melden zwei Drittel von ihnen eine erlebte Diskriminierungen erst gar nicht, weil sie berufliche Nachteile befürchten. Aber die 172 Personen, die den Mut dazu aufbrachten, machte zu großen Teilen negative Erfahrungen: Meldungen blieben häufig ohne Konsequenzen, manchmal verschlechterte sich die Lage sogar.

Die am Mittwoch vorgestellte Studie basiert auf einer anonymen, freiwilligen Befragung im Zeitraum von Juli bis November 2020, die sich an die 30 000 Nutzer:innen von Crew United richtete. Teilgenommen haben 18,3 Prozent. Crew United ist die größte deutsche Branchendatenbank, und die Parameter der Teilnehmenden (Alter/Wohnort/Geschlechtsidentität etc.) entsprechen in etwa denen aller Datenbank-Nutzer:innenr: Die Studie mit 5455 ausgewerteten Fragebögen kann also als weitgehend repräsentativ gelten.

Die Zahlen sprechen für sich: Über 1600 der Befragten gaben an, Diskriminierung selber erlebt zu haben, wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität, dem Alter oder rassistischen Zuschreibungen. Acht von zehn der sich äußernden Frauen wurden in den letzten zwei Jahren im Arbeitskontext sexuell belästigt,

Dreiviertel davon mehrfach. LGBTQ-Personen reden am Set meist nicht offen über ihre sexuelle Orientierung oder ihre Geschlechtsidentität, anders als im privaten Umfeld, manche Agentur rät sogar zu Zurückhaltung. Und wenn sie sich outen, erleben sie oft Heterosexismus oder übergriffige Anmache: Hier bestätigt die Studie die „Act out“-Veröffentlichung der „Süddeutschen Zeitung“. Und sie weist einen Pay Gap für die potenziellen Betroffenen nach.

Im Schauspiel-Department ist die Vielfalt längst da

Bei den Filmen selbst sieht es nicht besser aus: Mehr als drei Viertel der Befragten finden, dass etwa arabische, muslimische und Schwarze Menschen oder auch Personen mit niedrigem sozialen Status überwiegend stereotyp dargestellt werden. Dabei ist die Vielfalt längst da: Im Schauspiel-Department von Crew United finden sich alleine knapp 20 Prozent LGBTQ-Personen und 16 Prozent Schwarze Menschen und People of Color- Diversität und Multiperspektive im Film wären also kein Problem, die Schauspieler:innen müssten nur entsprechend besetzt werden.

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„Meine Straße ist bunt. Meine Stadt ist bunt. Deutschland ist bunt. Wo ist das Bunte in Film und Fernsehen?“, fragt denn auch der Schauspieler Gustav Peter Wöhler auf der Webseite des Bündnisses.

Bessern kann sich das nur, wenn die Politik in die Verantwortung genommen wird und die Branche sich außerdem selbst verpflichtet, ist das Bündnis überzeugt. Gegen die Wirkungslosigkeit von Diskriminierungs-Meldungen könnten ähnliche Einrichtungen helfen wie Themis als Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt. Skadi Loist von der Filmuni Babelsberg hält beim Abbau von Diskriminierung neben Quoten auch Diversity-Checklisten bei den Förderinstitutionen für sinnvoll. In Großbritannien ist die Berücksichtigung von Diversität bereits Voraussetzung für staatliche Subventionen.

Manchmal hilft auch der Markt

Als der Schauspieler und Produzent Tyron Ricketts wegen einer entsprechenden Verankerung im hiesigen Filmfördergesetz bei der Behörde von Kulturstaatsministerin Monika Grütters vorstellig wurde, lief er jedoch gegen Mauern, wie er bei der Online-Präsentation der Studie berichtete. Der Filmemacher Dieu Hao Do setzt unter anderem auf Sensibilisierungsworkshops, auf mehr Diversität auch in Redaktionen und Jurys. Daniel Gyamerah, Bereichsleiter bei Citizens for Europe, empfiehlt der Branche eine Einrichtung wie das Projektbüro Diversity Arts Culture, das den Berliner Kulturbetrieb berät und Konzepte entwickelt.

Manchmal hilft auch der Markt. Tyron Ricketts verweist darauf, dass der US-Film oder internationale Streamingportale schon deshalb diverser sind, weil sie ein vielfältiges Publikum auf dem Weltmarkt erreichen wollen.

Übrigens, gerade erst publizierte McKinsey eine Untersuchung mit dem Ergebnis, dass die US-Filmindustrie ihren Jahresumsatz um zehn Milliarden Dollar steigern könnte (7 Prozent!) , wenn sie mehr schwarze Künstler beteiligen würde. Der Grund: Produktionen mit federführend beteiligten Schwarzen Menschen werden schlechter ausgestattet und vermarktet als andere Filme, obwohl sie im Vergleich deutlich mehr Geld einspielen.
Die Ergebnisse der Studie im Detail können Sie hier nachlesen: www.vielfalt-im-film.de

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