Nicole Kidman in „Roar“ . Foto: Apple TV
© Apple TV

Streaming-Serie „Roar“ Feminismus für Kaffeetassen

Starke Bilder, schwache Story: Die Anthologie-Serie „Roar“ von und mit Nicole Kidman will zeigen, was es heißt, heute eine Frau zu sein.

Ich bin eine Frau, hört mich brüllen. Mit diesem Satz beginnt der Song „I Am Woman” der australischen Sängerin Helen Reddy aus dem Jahr 1971, der zum Slogan der Frauenrechtsbewegung in den USA geworden ist und heute T-Shirts und Kaffeetassen ziert. „Roar“ heißt folgerichtig die neue Anthologie-Serie von Apple Plus. Produziert unter anderem von Nicole Kidman, soll sie laut Werbeslogan untersuchen, „was es heißt, heute eine Frau zu sein.“ Ein großes Vorhaben also.

Jede der acht 30-minütigen Episoden begleitet eine andere Frau und beleuchtet verschiedene Probleme: Dating-Misere, Ehe-Frust, Stress mit der Familie oder der Arbeit. Der Clou sind Elemente des magischen Realismus, die in jeder Episode auftauchen.

Bisswunden auf der Haut der Karrierefrau

Auf der Haut einer Karrierefrau (Cynthia Erivo), die versucht, Kinder und lange Arbeitszeiten unter einen Hut zu bringen, erscheinen plötzlich Bisswunden. Eine andere Frau (gespielt von Nicole Kidman selbst mit der besten Performance der Serie) kümmert sich um ihre demenzkranke Mutter und beginnt, alte Fotografien aufzuessen, um sich in unbeschwerte Zeiten ihrer Kindheit zurück zu träumen.

In der skurrilsten Folge verliebt eine Thirty-Something (Merritt Wever) sich in eine sprechende Ente – komplett mit Liebesakt, bei dem die Federn fliegen. Und eine indische Hausfrau (Meera Syal), die seit 37 Jahren verheiratet und unzufrieden mit ihrem Ehemann ist, tauscht ihn im Laden kurzerhand gegen einen Neuen aus. In Amerika geht das, versichert ihr die Freundin. Spoiler sind das nicht, die magischen Elemente finden sich schon im Namen der Folgen. „Die Frau, die ihren Ehemann zurückgab“ etwa.

Das Drehbuch basiert auf Kurzgeschichten

„Roar“ schwankt im Ton zwischen Komödie und Drama und Suspense, sieht dabei immer gut aus und ist hochkarätig besetzt. Showmacherinnen sind Liz Flahive und Carly Mensch, die mit der Netflix-Serie „Glow“ über Frauen im Wrestling einen Überraschungserfolg landete. Die große Schwäche der Show aber ist das Drehbuch. Es basiert auf den Kurzgeschichten der irischen Autorin Cecilia Ahern, die auch als Produzentin mitgewirkt hat und bekannt geworden ist mit dem Liebesroman „P.S. Ich liebe dich“, und ist das Gegenteil von subtil.

„Die Frau, die man ins Regal gestellt hatte“ etwa zeigt genau das: Eine gut aussehende junge Frau (Betty Gilpin), der von Kindheit an eingebläut wurde, dass Schönheit das Wichtigste ist, heiratet einen reichen Mann und bekommt von ihm ein Regal ins Wohnzimmer gebaut, auf dem sie fortan sitzen muss, während er langsam das Interesse verliert. Als sie sich nach Jahren wagt, herunterzuspringen, bewegt sie sich ungelenk durch die Straßen von Los Angeles. Die Episode ist trotzdem eine der stärksten, weil sie fast ohne Dialoge auskommt.

Die Protagonistinnen bleiben Chiffren

In einer komplett unnötigen Unterhaltung erläutert die Frau vom Regal gegen Ende aber doch noch, dass sie sich wie eine Trophäe gefühlt habe – als ob das Motiv des „Trophy Wive“ nicht schon offensichtlich genug war. In der schlechtesten Episode löst eine junge Frau (Alison Brie) ihren eigenen Mord, was in Gedanken über Incels und Frauenhass mündet, die banaler nicht sein könnten.

Die Protagonistinnen sollen Projektionsfläche für möglichst viele Frauen sein, bleiben so aber reine Chiffren. Besonders vielfältig sind sie auch nicht: Zwar sind einige Women of Color dabei, aber alle gezeigten Beziehungen sind heterosexuell und fast alle scheinen finanziell gut gestellt zu sein.

„Roar“ liefert damit, wenn überhaupt, nur einen sehr kleinen Ausschnitt davon, was es heißt, heute eine Frau zu sein. Das Potenzial war durchaus da. Aber jeder interessante Gedanke, jedes ungewöhnliche Motiv wird sogleich mit dem Holzhammer dem Erdboden gleichgemacht, während die feministischen Botschaften über das Niveau Kaffeetassen-Slogans kaum hinaus kommen. Es ist zum Schreien.

Zur Startseite