Bratwurstblues. „Steppenwolf“ Jonas Sippel mit Katrin Wichmann. Foto: Arno Declair
© Arno Declair

„Steppenwolf“ am Deutschen Theater Das Tier in mir

Eine Adaption von Hermann Hesses „Steppenwolf“ am Deutschen Theater gerät manchmal in Schräglage.

Wer hätte gedacht, dass das Theater den „Steppenwolf“ wieder ausgräbt? Diesen distinktionsbewussten Goetheliebhaber in der Midlife-Crises, der unter der Geistlosigkeit und Mediokrität seines Umfelds leidet und im titelgebenden Tier sein Zweit-Ich findet?

Im Programmheft des Deutschen Theaters Berlin plädiert der Autor Thomas Melle dafür, Hermann Hesses 1927 erschienenen Roman um den innerlich zerrissenen Harry Haller „nach der großen Hesse-Welle in den Sechziger- und Siebzigerjahren (…) neu zu entdecken“. Melle begründet den Impuls für seine Bühnenadaption des Buches mit Parallelen zwischen den 1920er und den 2020er Jahren: „An allen Fronten verschärfen sich Ton und Umgang, entstehen Neid und Wut“, zudem durchzögen „Depression, Kulturpessimismus und die Sehnsucht nach einem anderen Zustand“ die Diskurse und Lebenszusammenhänge damals wie heute.

Auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin sieht der „Steppenwolf“ dann allerdings nicht unbedingt aus, als handele es sich um einen Stoff, der „wie für unsere Zeit geschrieben“ ist. Die Regisseurin Lilja Rupprecht, die schon Melles Stück „Ode“ am DT inszeniert hatte, siedelt ihn in einem pittoresk wirkenden Budenzauber-Ambiente an, das weniger Gegenwartsanalyse verspricht als zeitlosen dramatischen Eskapismus: Ja, so könnte es aussehen, das heute leicht angestaubt und angekitscht wirkende „magische Theater“, das Hesses Steppenwolf zur zentralen Selbsterkenntnis-Location wird.

Die Bühnen- und Kostümbildnerin Christina Schmitt hat eine aufwändige Holzkonstruktion auf die Drehbühne gebaut, mit Leitern und Stiegen und verschiedenen Kleinszenarien, von denen wir zuerst ein nestartiges Hochbett sehen, aus dem Harry Haller seine idiosynkratische Mittelmäßigkeitsabneigung herausstöhnt: Wieder so ein lauer Tag ohne Ups and Downs.

Der zwischen Bürger und Steppenwolf zerrissene Protagonist wird uns gleich in der ersten Szene als multiple Persönlichkeit vorgestellt: Alle sieben an dem Abend beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler sind zumindest irgendwann mal ein bisschen Harry Haller.

Bildungsbürgerliebling Goethe zwinkert uns zu

Am meisten ist es jedoch Manuel Harder, der die Midlife-Crisis prägnant ausdifferenziert in seiner sichtlichen Erschöpfung von allzu viel Wohltemperiertheit. Große Harry-Haller-Anteile hat auch Elias Arens, der eher die (spieß-)bürgerliche Facette betont.

Die Regie setzt auf Aktionismus, es ist immer was los auf der Bühne, sei es hier eine kleine Ensemble-Parade mit Wolfsköpfen, da eine Gruppentanznummer, dort ein Dialog im Auto oder, als regelmäßiges Stilmittel, die (Live-)Videoprojektion. Da gibt dann zum Beispiel Natali Seelig aus dem Steppenwolfsnest wunderbar schlecht gelaunt zu Protokoll: „Jimmy hat ein Kind, und Jody hat geheiratet, und Klaus hat geheiratet und Anja…“ Oder Bildungsbürgerliebling Goethe zwinkert uns – übergroß aufs Szenario projiziert – von seiner italienischen Reise aus zu.

Juliana Götze und Jonas Sippel, die beiden Gäste vom Berliner Theater RambaZamba, mit dem die Regisseurin regelmäßig zusammenarbeitet, treten mal als Ernie und Bert auf, was sie großartig tun.

Aber darüber, dass der Rückgriff auf die Sesamstraße inzwischen schon zu den konventionelleren Stadttheatermitteln gehört, kann die Inszenierung ebenso wenig hinwegtäuschen wie über den Fakt, dass sich die versprochene neue Hesse-Lesart eher nicht einstellt. Um wirklich tiefe Einblicke in unsere Gegenwart zu geben, hängt der Abend zu sehr zwischen den Zeiten, mithin zwischen Hesse und Melle fest.

Hinzu kommt, dass Melles Text, in dem, wenn Harry Haller auf eher dionysischen Pfaden unterwegs ist, schon mal von „Technovamps im Tetrapak“ die Rede ist und ein „Tommy-Hilfiger- Sweatshirt“ einen „Silber-BH“ streift, mitunter in leichte Schräglage gerät zum eher oldschoolig kuscheligen Bühnenambiente.

Und so erfreut man sich eher an der einen oder anderen Schauspielnummer. Wenn Harry Haller an einem mit viel Liebe zum Detail ausgestatteten Imbissbüdchen Hermine begegnet, schaut man sich das gern an, weil Katrin Wichmann und Manuel Harder es einfach großartig spielen: zielsicher in der Kitschvermeidung und stets von subtilem (Spiel-)Witz getragen. (wieder am 15. und 18. Mai)

Ein lustiges Intermezzo bieten auch Natali Seelig und Helmut Mooshammer als Frau und Mann, die den großen Exkurs über Jazzmusik in eine mittlere Paarkrise (mit Wolfsköpfen) hineinslapsticken. Dazwischen allerdings können einem die pausenlosen zweieinhalb Stunden lang werden.

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