Soheil (Doguhan Kabadayi, r.) mit seinem Vater (Kida Khodr Ramadan) Foto: Volker Roloff/ Carte Blanche Internationall
© Volker Roloff/ Carte Blanche Internationall

Spielfilm „Ein nasser Hund“ Schnelle Messer, versteckter Davidstern

Damir Lukačević erzählt im Coming-of-Age-Drama „Ein nasser Hund“ von einem jungen Juden, der im Wedding nach Anerkennung und Zugehörigkeit sucht.

Treibende Hip-Hop-Beats, ein Gang durchs Migrantenviertel, Graffiti, schick eingefärbte Stills: Die Titelsequenz von „Ein nasser Hund“ erinnert an die des Kreuzberg-Dramas „Nur eine Frau“, mit dem Sherry Hormann dem Leben der von ihren Brüdern Hatun Sürücü nachspürte.

Und ebenso an den Anfang der Serie „Para – Wir sind King“, die im April eine multiethnische Mädchengang zu Straßenheldinnen im Brennpunktkiez zwischen Pankstraße und Gesundbrunnen machte.

Immer ist die coole Verpackung in die Insignien urbaner Subkultur Teil des pädagogisch wertvollen Plans, Themen wie Toleranz und die Ächtung von Drogen, Hass und Gewalt auch einem jugendlichen Publikum schmackhaft zu machen, was ohne stilistische Überhöhung schlecht funktioniert. Aber mit eben auch nie so ganz. Die Gefahr der Ästhetisierung prekärer Verhältnisse lauert immer direkt um die Ecke.

Auch „Ein nasser Hund“ schwebt bei der Beschreibung einer Weddinger Gang immer wieder in der Gefahr, in Ghettoklischees zu kippen – sprich: fette Goldketten, dicke Eier, dumpfe Hirne, schnelle Messer samt reichlich Ficken-, Digga- und Walla-Slang.

Insgesamt jedoch treffen die jungen Laiendarsteller, mit denen Regisseur Damir Lukačević vor dem Dreh mehrmonatige Improvisationsworkshops veranstaltet hat, einen wahrhaftigen, immer wieder erschreckend realistischen Ton.

Judenhass und Machogehabe

Das bestätigt auch der heutige Israeli Arye Sharuz Shalicar, dessen Erinnerungen an seine Weddinger Jugend, 2010 unter dem Titel „Ein nasser Hund ist besser als eine trockener Jude“ erschienen, als Vorlage des Coming-of-Age-Dramas dienen, das von Teenagerliebe aber vor allem von ätzendem Schulhof-Antisemitismus erzählt.

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„Türken, Araber, Kurden, wir sind eine Familie – willkommen im Wedding, Habibi!“ heißt Gangchef Husseyn (Mohammad Eliraqui), Neuzugang Soheil (Doguhan Kabadayi) jovial willkommen. Dass der 16-jährige Iraner die Kette mit dem Davidsstern, die ihm seine Oma geschenkt hat, trotzdem besser unter dem Pulli trägt, hat er ein schon ein paar Tage zuvor gelernt, als ihn zwei Jungs in einem Laden als „dreckiger Jude“ beschimpfen.

Dabei sind weder Soheils Eltern (Kida Khodr Ramadan und Dorka Gryllus), die eine Schneiderei betreiben, noch er selbst religiös. Egal: Judenhass und Machogehabe sind der Kitt, der aus einer Truppe Marginalisierter ein Team macht.

Soheil wiederum ist auf der Suche nach Zugehörigkeit und Anerkennung bereit, weit zu gehen. Als sein „Bruder“ Husseyn ihm ein Messer zusteckt, sticht er bei einer Gangschlägerei mit Kreuzberger Rivalen zu. Als Sprayer King Star ist er bald im ganzen Wedding bekannt.

Statt sich in der Schule anzustrengen, vertickt Soheil Drogen und hilft der Gang sogar, einen Juwelier zu überfallen, von dem sie sagen „dass Juden sowieso das meiste Geld auf der Welt haben“.

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Vorbei ist Soheils Versteckspiel erst, als er in einer Übersprungshandlung „Jude“ an die Fassade seiner Schule sprüht, was Riesenalarm gibt. Er offenbart sich und fliegt aus der Gang. Als Mitschülerin Selma (Derya Dilber), in die Soheil sich verliebt hat, trotzdem an ihm festhält, bedroht sie ein Palästinenser aus der Gang.

„Liebe ist Religion scheißegal“, schreit Selma und doch reicht die aggressive Unversöhnlichkeit des Nahen Ostens bis in den Wedding. Damir Lukačević ist klug genug, seine schmerzhafte Schilderung gesellschaftlicher Gräben nicht durch ein billiges Happyend zu schwächen und hält stattdessen ein überraschendes parat.

Soheils verzweifelte Frage an seinen Vater jedoch bleibt ohne Antwort: „Warum hassen sie uns so?“ Dass der im Libanon geborene Muslim Kida Khodr Ramadan, der seit der Clans-of-Neukölln-Serie „4 Blocks“ Kultstatus in der arabischstämmigen Community genießt, Soheils warmherzigen Vater spielt, darf durchaus als Statement gelesen werden. Für Toleranz, Respekt und Mitmenschlichkeit.

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