Torleif Thedéen, Boris Brovtsyn, Jens Peter Maintz, Gareth Lubbe, Yura Lee und Clara-Jumi Kang in der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche. Foto: Adil Razali
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Spectrum Concerts Berlin Hier ist alles Korngold, was glänzt

Stillstand ist keine Option: „Spectrum Concerts“ veröffentlichen zwei neue Alben mit spätromantischer Kammermusik von Erich Wolfgang Korngold.

Das ist Musik, wie wir sie jetzt brauchen: Sie explodiert förmlich vor Klangsinnlichkeit und Optimismus, der sich nach tiefen Abstürzen wieder zu zarter Schwärmerei erhebt – einfach pralles Leben. Mitten im düsteren Corona-Winter haben die „Spectrum Concerts Berlin“ Kammermusik von Erich Wolfgang Korngold herausgebracht. Seit einigen Jahren schon widmet sich die Wundertruppe um den Cellisten Frank Dodge dem österreichischen Komponisten, der 1920 mit der Oper „Die tote Stadt“ einen Welterfolg landete und in einem Atemzug mit Richard Strauss genannt wurde.

Zwei bei Naxos erschienene, von Deutschlandfunk Kultur produzierte CDs überzeugen in jedem Ton von der Qualität der hochvirtuosen Werke, die im Zeitraum von 1909 bis 1931 kaum Entwicklungen, aber immer neue Facetten einer höchst persönlichen Tonsprache aufzeigen. Denn der junge Korngold war von Anfang an ein Vollblutmusiker. Improvisatorisch flogen ihm die Melodien zu, entfaltete sich die Lust am harmonischen Experiment. Kaum möchte man beim Klaviertrio op. 1 des Zwölfjährigen von einem Jugendwerk sprechen, so meisterhaft gesetzt nähert es sich dem eigenen Ton. Das fünf Jahre später entstandene Streichsextett bezaubert durch filigrane, von kontrapunktischem Raffinement getragene Beweglichkeit.

Diese Musik ist pralles Leben

Zu den Wundern der stets hochgespannten, leuchtkräftigen Interpretation gehört, dass die Klangbalance zwischen vollgriffigem Klavierpart und Streichern in der Suite op. 23 nie zerbricht. Dabei ist das orchestral gefasste Werk – ein Auftragswerke für den einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein – ein verkapptes Klavierkonzert, horrend schwer und voll hochdramatischer Zuspitzungen. Wie die Suite entstand auch das Klavierquintett op. 15 im Nachklang der Opern „Das Wunder der Heliane“ und „Die tote Stadt“. Es fesselt ebenso durch seinen lebensfrohen Gestus wie die formalen Winkelzüge eines eulenspiegelhaften Humors.

Das Projekt ist ein Zeichen der Beharrlichkeit des Gründers Frank Dodge und steht auch für den Zusammenhalt der Spectrum-Mitglieder. Weitermachen im Lockdown ist unverzichtbar, gerade für die Spectrum Concerts, die sich seit über 30 Jahren mit minimaler öffentlicher Förderung von Konzert zu Konzert kämpfen muss. Die Herausforderungen sind extrem, finanzieller wie psychisch. „Man muss stets auf alles vorbereitet sein, die Stücke üben, als würde das Konzert stattfinden, aber auch bereit sein, die Absage 36 Stunden vorher zu akzeptieren“, sagt Dodge. Vier von fünf Konzerten der letzten Saison fanden nicht statt, für drei gab es Internet-Ersatz, mit erstaunlichem künstlerischem Gewinn. „Das ist so, als wenn man den richtigen Weg verpasst hat, aber dort, wo man angekommen ist, ist es auch schön.“

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