Matthias Wemhoff (links) ist Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin und Berliner Landesarchäologe. Uwe Koch ist Leiter der Geschäftsstelle des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz (DNK). Gemeinsam koordinieren sie das EU-Kulturerbejahr in Deutschland – und leisten hier der römischen Bronzestatue des „Xantener Knaben“ im Neuen Museum in Mitte Gesellschaft. Foto: Thilo Rückeis
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"Sharing Heritage" - Europäisches Kulturerbejahr 2018 Vertrautes neu entdecken

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Das Kulturerbejahr soll Brücken schlagen und den Blick auf europäischen Gemeinsamkeiten lenken. Eine Spurensuche mit Uwe Koch und Matthias Wemhoff.

Herr Koch, Herr Wemhoff, woran denken Sie spontan bei dem Begriff „Europäisches Kulturerbe“?

KOCH: Ich denke an Sharing Heritage, an das Teilhaben und miteinander teilen des Kulturerbes. Das ist das zentrale Anliegen des Kulturerbejahres.

WEMHOFF: Und ich denke ans Augen- aufmachen. Wenn man sich einmal umschaut – egal wo in Deutschland – ist man von Kulturerbe umgeben. Das müssen sich die Menschen nur bewusst machen.

Wie kamen Sie auf die Idee, das Kulturerbejahr ins Leben zu rufen?

KOCH: Das war ein Prozess, der aus dem Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz (DNK) und seinen Arbeitsgruppen gespeist und getragen wurde. Eine Startergruppe mit Experten aus den Bereichen Denkmalpflege und Archäologie hat 2014 die ersten Gedanken dazu formuliert. Das waren Überlegungen, auch in Reflektion auf das Europäische Denkmalschutzjahr 1975, aufbauend auf den Ergebnissen von damals, ein zweites Europäisches Denkmalschutzjahr zu initiieren. Letztlich ist dann aber im europäischen Dialog der Konzeptvorschlag entstanden, ein europäisches Kulturerbejahr zu platzieren mit dem Kerngedanken, Kulturerbe und Europa miteinander zu entdecken – im lokalen und regionalen Kontext. Wir müssen die nächste Generation ansprechen und begeistern, so dass auch sie etwas so Kostbares wie das gemeinsame europäische Kulturerbe weiterreichen will. Wir wollen ein Jahr für die gesamte Bevölkerung – auch für viele, die nach Europa kommen oder sich für Europa begeistern.

Offiziell wurde das Jahr bereits im Januar in Hamburg lanciert. Aber irgendwie hat man das Gefühl, es ist noch nicht so ganz bei den Menschen und in der Öffentlichkeit angekommen.

KOCH: Schaut man in die verschiedenen europäischen Länder, dann gibt es sicher erhebliche Unterschiede in der Kommunikation. In Deutschland haben wir seit einigen Wochen einen guten Überblick über die mediale Resonanz. Wir bieten eine Plattform, aber die Träger des Jahres sind die vielen Akteure – von kleinen Vereinen bis zu den großen Institutionen. Die sind von Bayern bis Schleswig-Holstein, von Sachsen bis Nordrhein-Westfalen unterwegs.

WEMHOFF: Das Jahr ist angekommen bei vielen Menschen, die sich mit kulturellen Zeugnissen aller Art beschäftigen. Sie haben den Grundgedanken begriffen: dass es darum geht, Vertrautes neu zu sehen. Europa ist mehr als eine wirtschaftliche Interessengemeinschaft. Wir müssen deutlich machen, dass das, was wir heute als Europa begreifen, das Ergebnis eines jahrhundertelangen Austauschprozesses ist. Kulturerbe ist eine Brücke für den Zusammenhalt der Gesellschaft und ein Mittel gegen Nationalismen. Es sind Zeugnisse, die man nicht auf einen nationalen Raum begrenzen kann. Insofern ist die Beschäftigung mit Kulturerbe geradezu ein Ausweg aus der uns momentan so belastenden gesellschaftlichen Diskussion.

Prof. Dr. Matthias Wemhoff (links, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte) und Dr. Uwe Koch (Leiter des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz DNK) mit der römischen Bronzeskulptur "Xantener Knabe" im Neuen Museum in Berlin-Mitte. Foto: Thilo Rückeis
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Ist den Menschen – Fachleuten wie Laien – dieser europäische Aspekt von Kultur und Kulturerbe bewusst?

KOCH: Ich denke, das ist vielen Akteuren im Bereich Kulturerbe vertraut. Sie haben es nur noch nicht auf diese Weise miteinander geteilt. Das Spannende ist, dass man in einen Dialog tritt mit Nachbarn – ob die in den Niederlanden, Dänemark, Frankreich, Polen oder Tschechien leben. Man entdeckt Gemeinsamkeiten.

WEMHOFF: Was das Jahr vermittelt – auch im Bezug auf Denkmäler – ist, dass man hinter die Fassade schauen muss. Es steht da nicht einfach unser Rathaus oder unser Dom. Man muss die Bauten als Bedeutungsträger lesen können.

Ist das heute anders als 1975?

KOCH: Damals galten andere Rahmenbedingungen. Es herrschte Aufbruchstimmung, die hoch bedeutend war für die Institutionalisierung der Denkmalpflege. Heute geht es darum, die Vermittlung dessen, was wir an Kulturerbe haben, in einen neuen zeitlichen Rahmen zu setzen.

Wie wichtig ist diese Vermittlungsarbeit?

WEMHOFF: Ganz entscheidend. Das Kulturerbe fällt bei den neuen Lehrplänen in den Schulen leider durchs Raster. Alle reden von Heimat. Aber dass Heimat erst entsteht, wenn ich weiß, was mich umgibt – wenn ich eine Exkursion mache, wenn ich mir Wissen anlese – das ist vielen nicht klar. Ich glaube, wir brauchen einen neuen Unterrichtsschwerpunkt mit einem weiteren Kulturbegriff, der sich nicht nur auf Geschichte und historische Quellen stützt, sondern die Bauten und die Archäologie einbezieht.

Zum kulturellen Erbe Europas gehören auch Konflikte.

KOCH: Wir erinnern in diesem Jahr an 1618, den Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Ein einschneidendes kulturhistorisches Ereignis, das vielen heute weit weg erscheint. Junge Leute fragen sich: Was habe ich mit dem Dreißigjährigen Krieg zu tun? Doch man kann eine Brücke schlagen, zum Beispiel zu dem, was heute in Syrien passiert. Oder Schauplätze wie Lützen und Münster besuchen. Orte wie Osnabrück, wo der Westfälische Frieden geschlossen wurde, oder Prag, wo der Fenstersturz stattfand. Setzt man sich an diesen historischen Orten mit einem Text wie Andreas Gryphius’ „1636“ auseinander, dann hat man plötzlich zwei Zeugnisse kulturellen Erbes, die anschaulich machen, was die Menschen damals erlitten haben und was das in unserer Kultur hinterlassen hat. Auch Geflüchtete werden bei einem Text von Gryphius vielleicht merken: Mein Gott, der beschreibt ja eine Situation, wie ich sie selbst erlebt habe.

WEMHOFF: Gleichzeitig ist das ein wunderbares Beispiel dafür, wie es zu einer dauerhaften Friedenslösung kommen kann. Das wird ja auch in der Münsteraner Ausstellung zum Frieden gut gezeigt.

Hat Kultur in der Europäischen Union eine ausreichende Lobby?

KOCH: Lange Zeit nicht. Das ändert sich aber seit einigen Jahren. Im Augenblick habe ich den Eindruck, es ist eine ordentliche Dynamisierung im Gange. Dazu trägt die Diskussion um das europäische Kulturerbejahr bei. Ein erster Ausdruck dieser Mobilisierung ist die neue Kultur-Agenda, die die Kultur innerhalb der europäischen Politik stärken soll. Wir brauchen permanente Strukturen, die die Akteure aus dem Bereich des kulturellen Erbes an einen Tisch bringen.

Es gibt ja nicht nur das EU-Kulturerbejahr, sondern auch die „Kulturrouten“ des Europarates, die das gemeinsame Erbe Europas betonen sollen. Man hat allerdings das Gefühl, beide Projekte existieren eher neben- einander als miteinander.

KOCH: Ich weiß nicht, ob das ein Nebeneinander ist. Die EU hat über viele Jahre das Feld der Kultur nicht beachtet. Wichtige Entscheidungen hat der Europarat getroffen. Doch die EU holt auf.

WEMHOFF: Eines darf nicht passieren: dass das Kulturerbe auf die EU beschränkt wird. Wir gehen in vielen Bereichen über deren Grenzen hinaus. Das Mittelmeer, Mare Nostrum, gehört durch den Austausch mit Afrika dazu. Und denke ich an die Wikinger, dann sind wir auf einmal in Byzanz. Ich kann aber auch in jedem Dorf anfangen. Ich muss mich nur auf Spurensuche begeben. Nur wenn ich mein Erbe verstehe, setze ich mich auch dafür ein, dass Altes erhalten bleibt und nicht von reiner Investorenarchitektur überprägt wird. Noch nie waren Investoren in den Ballungsräumen so aktiv wie heute. Und natürlich zieht da der Denkmalschutz oft den Kürzeren.

Damit sind wir bei „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“, dem Höhepunkt des deutschen Kulturerbejahres.

WEMHOFF: Das ist wirklich ein Höhepunkt, weil ganz Deutschland vertreten ist mit dem Besten, was in den letzten 15 Jahren gefunden wurde. Die ältesten Objekte sind 40 000 Jahre alt. In all diesen Epochen haben die Menschen ähnliche Sorgen gehabt. Das kann auch ein bisschen beruhigend auf unsere Gesellschaften wirken und deutlich machen: Ganz so krisenhaft wie wir heute tun, ist unsere Zeit nicht.

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt

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