Sport wie immer. Volleyballspieler im Stockholmer Gardet Park am 20. April 2020. Foto: Anders Wiklund/AFP
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Schweden in der Corona-Krise Der zu hohe Preis des Sonderwegs

Hans Bergström

Ist Schwedens Entscheidung, im Kampf gegen Covid-19 einen nationalen Lockdown zu vermeiden, ein Vorbild für andere Staaten? Ein Gastbeitrag.

Hans Bergström, ehemaliger Herausgeber von Dagens Nyheter, der führenden schwedischen Tageszeitung, ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität von Göteborg und Mitglied der Königlichen Schwedischen Akademie für Ingenieurswissenschaften.

In Stockholm sind die Bars und Restaurants voll mit Menschen, die nach einem langen, dunklen Winter die Frühlingssonne genießen. Schulen und Sportstudios sind offen. Die schwedische Regierung hat Ratschläge zur öffentlichen Gesundheitsvorsorge gegeben, aber nur wenige Sanktionen verhängt. Und es gibt keine offiziellen Richtlinien, die das Tragen von Masken empfehlen.

Während der ersten Zeit der Pandemie wurde das „Schwedische Modell“ von der Regierung und den meisten Kommentatoren stolz gefeiert. Sie behaupteten, es baue auf dem großen „Vertrauen“ der Schweden in ihre Institutionen und ihre Mitbürger auf. Ministerpräsident Stefan Löfven nutzte die Gelegenheit, an die Selbstdisziplin seiner Landsleute zu appellieren und sie zu bitten, auch ohne Anordnungen der Behörden verantwortungsvoll zu handeln.

Laut dem World Values Survey neigen die Schweden zu einer einmaligen Kombination: Sie vertrauen zwar ihren öffentlichen Institutionen, pflegen aber gleichzeitig einen extremen Individualismus. Wie es der Soziologe Lars Trägårdh ausdrückte, trägt jeder Schwede seinen eigenen Polizisten auf seiner Schulter mit sich.

Anti-Corona-Maßnahmen von Bürokraten

Aber wir sollten die Kausalitäten nicht auf den Kopf stellen. Es ist nicht so, dass die Regierung bewusst ein schwedisches Modell gegen die Pandemie entworfen hätte, das auf dem Sinn der Bevölkerung für bürgerliche Verantwortung beruht. Statt dessen wurden die Maßnahmen von Bürokraten entworfen und dann im Nachhinein als Ausdruck der schwedischen Tugenden verteidigt.

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In der Praxis lag die Hauptaufgabe der Bewältigung der Pandemie bei einem einzigen Mann: dem staatlichen Epidemologen Anders Tegnell vom Nationalen Institut für Öffentliche Gesundheit. Tegnell begegnete der Krise mit seinen eigenen starken Überzeugungen über das Virus: Zuerst glaubte er, es werde sich nicht über China hinweg ausbreiten, und dann, es reiche aus, einzelne aus dem Ausland importierte Fälle nachzuverfolgen.

Steht im Fokus: der Staatsepidemiologe Anders Tegnell. Foto: Jonas Ekstromer/TT/Reuters Vergrößern
Steht im Fokus: der Staatsepidemiologe Anders Tegnell. © Jonas Ekstromer/TT/Reuters

So wurde den Tausenden schwedischen Familien, die Ende Februar aus dem Skiurlaub in den italienischen Alpen zurückkamen, dringend empfohlen, wenn sie keine sichtbaren Symptome hätten, zur Arbeit und in die Schulen zurückzukehren – sogar wenn sich Mitglieder der eigenen Familie bereits infiziert hatten.

Tegnell argumentierte, es gebe in Schweden keine Anzeichen für eine Übertragung innerhalb der Gemeinschaft, und damit seien auch keine allgemeinen Einschränkungen erforderlich. Trotz den italienischen Erfahrungen blieben so auch die schwedischen Skigebiete offen für die Reisenden und Partygäste aus Stockholm.

Gibt es Herdenimmunität ohne drakonische Intervention?

Zwischen den Zeilen legte Tegnell nahe, ohne drakonische Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus könnte Schweden mit der Zeit eine Herdenimmunität erreichen. Diese Strategie, so betonte er, wäre nachhaltiger für die Gesellschaft.

Unterdessen blieb die schwedische Regierung passiv. Dies liegt zum Teil an einer einmaligen Eigenschaft des politischen Systems im Land: einer starken Gewaltentrennung zwischen den Ministerien der Zentralregierung und den unabhängigen Behörden. Und im „Nebel des Krieges“ war es für Löfven auch praktisch, Tegnells Behörde die Zuständigkeit zu überlassen.

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Dass diese ihren eigenen Maßnahmen so offensichtlich vertraute, ermöglichte es der Regierung, während der Wochen der Unsicherheit die Verantwortung abzugeben. Darüber hinaus wollte Löfven wahrscheinlich sein Vertrauen in „Wissenschaft und Tatsachen“ zeigen und es – im Gegensatz zu US-Präsident Donald Trump – vermeiden, seine Experten in Frage zu stellen.

Volle Cafés in Schwedens Hauptstadt Stockholm am 4. April. Foto: Andres Kudacki/AP/dpa Vergrößern
Volle Cafés in Schwedens Hauptstadt Stockholm am 4. April. © Andres Kudacki/AP/dpa

Es muss allerdings betont werden, dass die Maßnahmen des staatlichen Epidemiologen von unabhängigen schwedischen Experten stark kritisiert wurden: 22 der prominentesten Professoren für Infektionskrankheiten und Epidemiologie veröffentlichten einen Kommentar in "Dagens Nyheter", in dem sie Tegnell zum Rücktritt aufforderten und an die Regierung appellierten, ihre Handlungsweise zu ändern.

Die Regierung läuft der Entwicklung hinterher

Als sich das Virus bis Mitte März weit verbreitet hatte, sah sich Löfven gezwungen, aktiver zu werden. Seitdem läuft die Regierung den Entwicklungen hinterher. Ab dem 29. März verbot sie öffentliche Versammlungen mit mehr als 50 Menschen (vorher 500) und verhängte Sanktionen gegen Verstöße.

Und dann beendete sie ab dem 1. April die Besuche in Pflegeheimen, nachdem klar geworden war, dass das Virus bereits die Hälfte der Stockholmer Senioreneinrichtungen befallen hatte.

Aus mindestens drei Gründen hat sich der schwedische Ansatz als falsch herausgestellt:

  • Wie tugendhaft die Schweden auch sein mögen, in jeder Gesellschaft gibt es Trittbrettfahrer, und wenn es um eine hoch ansteckende Krankheit geht, braucht es nicht viele von ihnen, um enormen Schaden anzurichten.
  • Darüber hinaus wurden sich die schwedischen Behörden nur schrittweise der Möglichkeit einer asymptomatischen Ansteckung bewusst – und dass Infizierte am ansteckendsten sein könnten, bevor sie Symptome entwickeln.
  • Und drittens hat sich die Zusammensetzung der schwedischen Bevölkerungsstruktur verändert.

Viele Corona-Tote sind Immigranten

Nach Jahren extrem hoher Einwanderung aus Afrika und dem Nahen Osten sind 25 Prozent der schwedischen Bevölkerung – 2,6 Millionen aus einer Gesamtbevölkerung von 10,2 Millionen – von nicht schwedischer Herkunft. In der Stockholmer Region ist dieser Anteil sogar noch höher.

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Unter den Covid-19-Toten sind Einwanderer aus Somalia, Irak, Syrien und Afghanistan stark überrepräsentiert. Dies wurde teilweise einem Mangel an Informationen in den Sprachen der Einwanderer zugeschrieben. Aber ein wichtigerer Faktor scheint die Wohndichte in einigen Immigrantenvorstädten zu sein, die durch die engere körperliche Nähe zwischen den Generationen noch verstärkt wird.

Schwedens Corona-Strategie: Wann kommt der Rückzieher?

Um die Folgen des „Schwedischen Modells“ vollständig beurteilen zu können, ist es noch zu früh. Die Covid-19-Todesrate ist in Schweden neunmal höher als in Finnland, fast fünfmal höher als in Norwegen und über doppelt so hoch wie in Dänemark.

Teilweise könnten diese Zahlen an Schwedens viel größerer Migrantenpopulation liegen, aber trotzdem sind die eklatanten Unterschiede zu seinen nordischen Nachbarn auffällig. Dänemark, Norwegen und Finnland haben bereits früh strenge Lockdown-Maßnahmen verhängt und eine starke politische Führung gezeigt.

Jetzt, wo Covid-19 in Pflegeheimen und anderen Einrichtungen wütet, musste die schwedische Regierung einen Rückzieher machen. Andere, die mit dem „Schwedischen Modell“ liebäugeln, müssen wissen, dass eine seiner entscheidenden Eigenschaften in einer höheren Zahl von Opfern besteht.
Aus dem Englischen von Harald Eckhoff. Copyright:Project Syndicate, 2020. www.project-syndicate.org

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