Die Berliner Schriftstellerin und Lyrikerin Nora Bossong, 37 Foto: Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag
© Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

„Schutzzone" von Nora Bossong Lügen kosten Geld

Das Unglück der anderen: „Schutzzone“, Nora Bossongs für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman aus dem Milieu der Vereinten Nationen.

Irgendwann sagt es doch einmal jemand von den vielen desillusionierten Figuren in Nora Bossongs für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Schutzzone“, nämlich warum sie alle bei der UNO arbeiten oder für NGOs, als Ärzte, Aufbau- und Entwicklungshelferinnen oder Experten für internationale Beziehungen. Warum sie sich in den Krisengebieten der Erde engagieren, warum sie Konflikte wie den auf Zypern oder die vielen auf dem afrikanischen Kontinent zu befrieden oder gar zu lösen versuchen, ob nun von Genf und New York aus oder vor Ort: Weil sie ursprünglich die Welt verbessern wollten.

Klar, sicher, es geht auch um Geld, um Anerkennung, um Narzissmusbefriedigung. Oder darum, gleichermaßen profan wie hintersinnig: „Weil ich hier auch nachts noch Bahnen im Pool schwimmen kann, (...). Und jemand erzählt mir dabei sein Leben".

So beantwortet Bossongs Hauptfigur und Ich-Erzählerin Mira die Frage eines klug-reflektierten Warlords aus Burundi nach ihrer Motivation. Miras Antwort verblüfft, weil sie schlagfertig ist, charakterisiert aber zudem ganz gut das nachdenklich schlingernde, durchaus unzuverlässige, von einer existentiellen Verlorenheit geplagte Wesen dieser Erzählerin. Und die Antwort stimmt vor dem Hintergrund, dass hier nicht nur aus Miras, sondern aus manchem anderen Leben erzählt wird.

Es geht hier viel um Frieden, Wahrheit und Gerchtigkeit

Beispielsweise aus dem von Milan, der acht Jahre älter ist als Mira und eine Art Ersatzbruder von ihr, er arbeitet im Menschenrechtsrat der UNO. Dem von Sarah, einer Ärztin, mit der Mira in Burundi zusammen war. Oder dem von Wim, ihrem Ex-Freund, der über die Hereros und den Kolonialismus der Deutschen Anfang des 20. Jahrhunderts forscht. Und noch von einigen anderen mehr aus Miras Umfeld.

Allerdings erfährt man aus diesen Leben oft nur Bruchstücke, die sich wiederum schwer zusammensetzen lassen: zu einem geordneten Narrativ, einer schlüssigen Entwicklung der Figuren. Was durchaus authentisch ist, eben das Leben und nichts anderes.

Und was Bossong nicht zuletzt dadurch herausstreicht, dass sie „Schutzzone“ in viele kurze Kapitel gegliedert hat und ständig Zeit- und Ortswechsel vornimmt. Rückblickend geht es von ein paar Genfer Monaten 2017 und 2018 ins Bonn der mittleren neunziger Jahre, 2012 nach Bujumbura, der Hauptstadt Burundis, oder in ein Lager im kongolesischen Südkivu 2012 und 2013. Andere Schauplätze sind New York und Den Haag.

Mira wird 1984 geboren und ist zehn Jahre alt, als ihre Eltern sich trennen und sie eine Zeit lang in Milans Bonner Elternhaus landet; später beginnt sie ein Studium für Internationale Beziehungen und bekommt einen Job bei den Vereinten Nationen in New York. Sie bezeichnet sich als eine „Expat“, so wie die Menschen genannt werden, die weit weg von ihrem angestammten Zuhause arbeiten oder leben. Diese Formulierung bedeute, so Mira, „dass wir nicht dazu gehören, nicht dort, wo wir gerade sind, und nicht mehr da, woher wir einmal kamen, diese Gegend oder Gemeinschaft, die man gefühlsselig Heimat nennt und die eben doch etwas mehr ist als nur Kitsch.“

Alle Figuren befinden sich in einer Dauerreflektionsschleife

Bossong hat die fünf großen Kapitel ihres Romans mit Schlagworten wie „Frieden“, „Gerechtigkeit“ oder „Versöhnung“ überschrieben, und so diskutiert Mira dann auch immer wieder mit ihren Freunden, Kollegen und Gesprächspartnern, was Frieden in Krisen- und Bürgerkriegsländern bedeutet, ob es den überhaupt geben kann. Oder wie sich das mit der Wahrheit oder der Gerechtigkeit in einem von der Welt vergessenen und nicht weiter wichtigen, weil bodenschatzarmen Land wie Burundi darstellt.

Man darf sich bisweilen an Lukas Bärfuss’ Ruanda-Roman „100 Tage“ oder Rainer Merkels Reportagenessay „Das Unglück der Anderen“ erinnert fühlen, zumindest bezüglich des UN-Milieus und manches Schauplatzes. Nur soll „Schutzzone“ viel mehr als nur ein Ausschnitt sein aus einer Region, als das Porträt einer Gruppe von Expats.Bossong will den ganz großen Draufblick mit all seinen Vergeblichkeiten vermitteln, will hinter die Begrifflichkeiten wie eben Wahrheit oder Versöhnung kommen.

Das ist intellektuell anregend, häufig niederschmetternd („Versöhnung ist Unsinn. Das ist ein Wort aus den Berichten“) – wirkt aber oft aufgesetzt und arg bemüht. In diesem Roman befinden sich all diese vom Leben, der Liebe, dem Arbeiten und den vielen Konflikten ernüchterten Figuren in einer Art Dauerreflektionsschleife, selbst ein Guide und Geschäftemacher in eben jenem Lager in Südkivu. Der erklärt Mira, warum ihr der Kindersoldat, den sie interviewt, unentwegt einen Bären aufbindet:„Man erzählt eben Geschichten. Ihr habt den ganzen Kontinent in eine Geschichte verwandelt. In einen Nebenzweig eurer Geschichte. Und jetzt willst du nicht mal für Lügen bezahlen.“

Den Satz hätte auch Mira sagen oder denken können. So wie man bei den meisten Dialogen den Eindruck hat, Mira spreche nur mit sich selbst. Oder eben mit Nora Bossong, die stets nah dran an ihrer Protagonistin ist, ihr das Wort entscheidend führt. „Schutzzone“ wird dabei durchzogen von einer unbezwingbaren Abgeklärtheit, einem coolen Wissen um die Unvereinbarkeit hoher moralischer Ansprüche mit der politischen und gesellschaftlichen Realität in Konfliktregionen, auch vor dem Hintergrund der Schuld, den Europa wegen seiner kolonialen Vergangenheit auf sich geladen hat.

Das führt dazu, dass man sich bei der Lektüre bisweilen einmal eine ganz naive Figur wünscht, ein Gegenmodell zu all den verzweifelt und zynisch Wissenden.

Bossong schreibt lange, verschachtelte Sätze

Diese Abgeklärtheit dominiert auch die Affäre, die Mira und Milan haben. Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes und hat Angst vor dem Zerbrechen seiner Familie. Weshalb sie dieser Beziehung keine Chancen einräumen mag, aber doch an Milan festhält, auch „weil ich es ihm nicht verzieh, diese Leichtsinn, meine Gegenwart in sein Leben zu holen“.

Nora Bossong schreibt mitunter tolle Sätze, zum Beispiel „Man bildet sich die Hälfte seines Lebens ein, und die andere Hälfte geschieht, ohne dass man sie wahrnimmt“; sie schreibt lange, verschachtelte Sätze (in denen sie sich manchmal verheddert, in denen Bezüge verloren gehen); sie bricht das Raunen und die Melancholie ihrer Prosa zuweilen mit einer schönen Ironie und unerwarteten Wendungen auf; sie arbeitet mit Sprachrhythmus- und literarischen Formwechseln, denen man anmerkt, dass sie gewissermaßen im Zweitberuf Lyrikerin ist.

Was sich auch in einer überbordenden Bildsprache niederschlägt. Noch jeder Pfau im Garten des Palais der Nationen, jede Modelleisenbahn in einem Genfer Schaufenster bedeutet etwas, da bevölkern Rehe, Nilpferde und Tauben diesen Roman, und auch die Verbindung von Schumanns Klaviermusik mit dem Selbstmord des Nirvana-SängersKurt Cobain ist mit Bedacht gewählt.

„Who knows, not me, we never lost control“, zitiert Bossong aus Nirvanas Bowie-Cover „The man who sold the world“. Das trifft auch auf Bossong und ihren ambitionierten Roman zu: Sie verliert bis zum Schluss nicht die Kontrolle. Das Fragmenthafte aber, die vielen Brüche mögen formal eine Einheit ergeben, sie mögen literarisch komplex sein – das geht jedoch auf Kosten einer konzisen Geschichte und eines erzählerischen Schwungs.

Auch das letzte Großkapitel „Übergang“ beschert keine anderen, neuen Erkenntnisse als der Beginn des Romans. Wenn im allerletzten Satz die Rettung der Welt doch noch als potentiell möglich erscheint (ah, eine Hoffnung!), wird das wieder sofort relativiert mit der Frage, was die Welt schon groß sei. Da hilft halt nicht mal mehr das Erzählen in einem geschützten Raum.

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