Schauspielerin Lisa Jopt, geboren 1982, ist Vorstandsmitglied und Mitgründerin des Vereins Ensemble-Netzwerk. Foto: Sophie Wanninger
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Schauspielerin zu #allesdichtmachen „Es ist genug Häme über unsere Kollegen ausgeschüttet worden“

Lisa Jopt arbeitet beim Ensemble-Netzwerk der Theaterschaffenden. Ein Gespräch über #allesdichtmachen und die prekären Arbeitsbedingungen in der Branche.

Frau Jopt, wie haben Sie als Kollegin die Videoaktion #allesdichtmachen wahrgenommen?
Ich dachte aufgrund des Hashtags beim ersten Überfliegen, es sei eine Aktion für „Zero Covid“. Dann wurde schnell klar, dass es das nicht ist – und unklar blieb, was es denn eigentlich sein soll. Ich glaube, die Beteiligten hatten sehr unterschiedliche Intentionen.

Es ist nun genug Häme über unseren Kolleg:innen ausgeschüttet worden, ich denke, die wenigsten würden mit ihnen jetzt tauschen wollen. Und jeder hat das Recht auf künstlerisches Scheitern.

Was erzählt uns die Woge der Aufregung?
Da kommt vieles zusammen. Alle sind frustriert, die Durchhaltedisziplin geht uns aus. Die Asymmetrie zwischen sozialen und kulturellen Beschneidungen, die Tatsache, dass es noch nicht mal eine Maskenpflicht in wirtschaftlichen Betrieben gibt, das ist für fast niemanden mehr nachvollziehbar. Außerdem wurden uns die Katharsis-Räume genommen. Empört aus dem Theater zu gehen, oder im Foyer angeregt zu diskutieren – geht nicht mehr.

In Kneipen vor Freude oder vor Kummer saufen – geht nicht mehr. Alles Reinigungsmöglichkeiten für die Seele. Und so werden die Kommentarspalten im Internet zu digitalen Brechtüten. Aber es erzählt uns auch, dass wir Sehnsucht nach schnellen und konsequenten Lösungen haben.

Wie wird über #allesdichtmachen innerhalb des Ensemble-Netzwerks diskutiert, also an der Basis?
Wir haben das nicht mit unserer Basis diskutiert – und sie hat uns als Vorstand auch nichts übermittelt. Die Basis ist an guten Betriebsvereinbarungen, Geschlechtergerechtigkeit, Antirassismus, fairen Gagen, neuen Tarifverträgen und modernen Führungsstilen interessiert. Von daher kann es gut sein, dass es für viele nur ein Promifurz im Universum war.

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Der schnelle Rückzieher scheint Konjunktur zu haben. Wie bewerten Sie das?
Wer von uns noch keinen Rückzieher gemacht hat, der werfe den ersten Stein. Es ist mal was nicht gut genug durchdacht – das ist ärgerlich, aber menschlich. So what? Besser einen Rückzieher machen als weiterhin standhaft behaupten, es sei alles genauso geplant gewesen. Sicher haben einige der Beteiligten die Wirkung der Summe nicht einschätzen können.

Überschattet die Aktion notwendigere Debatten über die Kultur in der Pandemie?
Dafür war es zu kurz, zu heftig und zu nichtig. Die vielen Kulturverbände auf Bundesebene arbeiten weiter an ihren Themen wie der Aufstockung und Erweiterung der Soforthilfen oder auch an einer abgestimmten Öffnungsstrategie, die eine Differenzierung zwischen innen und außen vorsieht. Und wir im Ensemble-Netzwerk bleiben weiter an den Themen Machtmissbrauch, Mitbestimmung und guten Arbeitsbedingungen an den öffentlich geförderten Theatern dran.

Wie ist die Lage der vielen Soloselbstständigen und temporär Beschäftigten am Theater momentan?
Sehr schwierig. Es zeichnet sich schon ab, dass viele Theater die Einbindung von temporär Beschäftigten wie etwa Sänger:innen und Soloselbstständigen, wie Bühnen- und Kostümbildner:innen, in den kommenden Spielzeiten aufgrund von Sparmaßnahmen herunterfahren müssen.

Die Leute, die auf Folgeaufträge setzen, haben schlechte Aussichten. Reserven hatten die meisten eh nicht, wer noch Anspruch auf ALG1 hatte, hat das nun auch bald aufgebraucht. Auch haben die Theater „Stau“.

Viele produzieren bis zur Premiere und lagern die Produktion dann ein. Es müsste also nach einer Öffnung erst mal alles Aufgestaute abgespielt werden. Traurigerweise vollziehen viele bereits Branchenwechsel, das nennt man dann „leises Kultursterben“.

Welche Sorgen erreichen Sie, wo fehlt es immer noch an Hilfen?
Am meisten fehlen konkrete politische, soziale und ökonomische Modelle, wie man die Absicherung von selbstständigen und freien Kulturschaffenden stabilisieren kann. Viele Verbände, kulturpolitische Akteur:innen und Denker:innen quer durch die Theaterlandschaft arbeiten auch schon seit Jahren daran.

Sie brauchen Unterstützung in Form von Mitgliedern und vor allem von der Politik. Deswegen ist die Forderung der Allianz der freien Künste nach einem regelmäßigen „Runden Tisch Kultur“ auf Bundes- und Länderebene ein ganz wichtiger Impuls.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, eine Aktion mit solch geballter Schauspieler:innen-Prominenz zu gestalten, um ein Anliegen in der Pandemie zu formulieren – wie sähe die aus?
Da fällt mir vieles ein. Grundsätzlich geht es um die Bedeutung von Kultur in unserer Gesellschaft und die Beseitigung der damit verbunden, meist prekären Arbeitsbedingungen, egal, ob wir uns im Theater oder beim Film umschauen. Im Kampf für diese miteinander verwobenen Themen könnten wir prominente Gesichter gut gebrauchen. Deswegen freue ich mich auch sehr, dass „Nebenan“, das Regiedebüt von Daniel Brühl, den Fair Film Award gewonnen hat.

Denn für Solidarität muss man sich einsetzen, das ist nichts, was einfach so passiert. Und wenn man selber fest im Sattel sitzt, dann kann man dieses Privileg für die einsetzen, denen es nicht so geht.

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