Im Eigenheim. Das Museum in Mestre bei Venedig. Foto: Sauberbruch Hutton
© Sauberbruch Hutton

Schau über Sauerbruch Hutton Form, Farbe, Gefühl

Das Berliner Architekturbüro Sauerbruch Hutton zeigt in Italien eine Ausstellung - in einem Museum, das es selbst gebaut hat.

Holz als Baumaterial gewinnt rasant an Bedeutung, so sehr, dass es mittlerweile Lieferschwierigkeiten gibt. Der Bürobau für den Deutschen Bundestag, der derzeit neben dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus an der Spree errichtet wird, ist davon allerdings nicht betroffen. Der Luisenblock West steht kurz vor der Fertigstellung, kaum zwei Jahre nach Baubeginn. Er besteht weitgehend aus Holz, zusammengesetzt in Modulbauweise aus Elementen, die jedes einen vollständigen Büroraum darstellen, und notwendig geworden aufgrund der nochmals gewachsenen Zahl von Abgeordneten.

Entworfen hat den Bau das Berliner Architekturbüro Sauerbruch Hutton, bekannt geworden 1999 mit der leicht geschwungenen Hochhausscheibe an der Kochstraße mit ihren Sonnenblenden in verschiedenen Rottönen. Seither sind die Architekten vor allem mit farbig verkleideten Bauten hervorgetreten, wie dem Umweltbundesamt in Dessau oder dem Museum Brandhorst in München: das erste in organisch geschwungenen Formen, das andere streng rechtwinklig.

Form und Farbe sind Erkennungszeichen im Werk der Architekten, das sie nach reichlich drei Jahrzehnten der Bürogemeinschaft zum Gegenstand einer Ausstellung gemacht haben: in einem selbst entworfenen Bauwerk, dem Museum M9 in Mestre. Das urbane Aschenputtel neben dem glänzenden Venedig hat durch den vor drei Jahren eröffneten Baukomplex ungemein gewonnen, gehören doch neben dem trapezförmigen Museum städtische Plätze und Passagen zu dem Ensemble sowie ein revitalisiertes Kloster mit nunmehr überdachtem Innenhof.

Im obersten Museumsgeschoss des M9, einer stützenfreien Halle, stehen 60 Modelle der Bauten und Entwürfe des inzwischen rund 120 Beschäftigte zählenden Büros auf einzelnen Gestellen. Weder eine chronologische noch eine thematische Ordnung ist erkennbar. Vermittelt wird so eine Gleichordnung aller Bauten, die auch Zeitlosigkeit meint: So ist der frühe Neubau in Kreuzberg, der für Sauerbruch Hutton den beruflichen Durchbruch bedeutete, in der Ausstellung nicht anders behandelt als das geplante Hochhaus am Alexanderplatz.

Neben der Form spielt die Farbe eine Hauptrolle in den Entwürfen von Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton, beide Mitte der 1950er Jahre geboren. Wenn die Architekten Farbe verwenden, dann nach eigener, subtil aufeinander abgestimmter Palette in gedämpften und gebrochenen Tönen. Wie sehr diese die Stadt belebt, ohne unruhig zu sein, lässt sich am kubischen Bau des Museums Brandhorst in München bewundern, dessen Verkleidung mit farbigen Terrakotta-Stäben rhythmisch abgestimmt ist.

Die Schau ist Bilanz und Ausblick zugleich

Der Titel der Ausstellung, „Draw, Love, Build“, die drei Worte wie zufällig über die Fläche gestreut, soll wohl darauf deuten, dass der Architektenberuf, wie Sauerbruch Hutton ihn verstehen, Empathie erfordert. In der Tat hat man den Eindruck, dass es angenehm sein muss, in einem dieser Büro- und Funktionsbauten zu arbeiten. Dazu trägt bei, dass die Architekten sich von Anfang an Gedanken um die Weiternutzung von Bestandsbauten gemacht haben und diese gerne in ihre Projekte integrieren, etwa bei der Feuerwache in Moabit. Dazu steht der hohe Standard an Haustechnik nicht im Widerspruch; anders werden sich klimaneutrale Gebäude nicht gewinnen lassen.

Die Ausstellung in Mestre (bis 6. Februar) ist Bilanz und Ausblick zugleich. Nun wird Material noch wichtiger, aber nicht nur Holz, sondern, wie Matthias Sauerbruch erläutert, ebenso die Wiederverwendung des bereits Gebauten. Am Um- und Weiterbauen führt kein Weg vorbei, wenn die angestrebten Klimaziele erreicht werden sollen. Der Holzbau des Bundestages ist darauf vorbereitet. Seine Büromodule könnten eines Tages demontiert und an anderer Stelle wiederverwendet werden.

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