Nils Mönkemeyer spielte die Uraufführung des Bratschenkonzerts von Jenela Firssova. Foto: Irene Zandel
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Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin Der Mensch ist zur Bestie geworden

Eleonore Büning

Ein neues Werk von Jelena Firssova beim RSB unter der Leitung von Vladimir Jurowski - und eine bemerkenswerte Aufführung von Schostakowitschs 8. Sinfonie.

Um es gleich zu sagen: Das kraftvollste, zugleich heutigste Stück war diesmal nicht die Uraufführung. Wie soll das auch anders möglich sein? Was könnte der Wucht der Botschaft, die 1943 von Dmitri Schostakowitsch in die Welt hinaus geschrien wurde, heute standhalten? Seine achte Symphonie, Schlusspunkt im Abo-Programm von Vladimir Jurowski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, ist ein politisches Manifest. Sie klagt an: Der Mensch ist zu einer Bestie geworden, einer des anderen Wolf.

Der letzte Satz verlischt in einem Nebel aus Zwielicht und Zweifel. Gleich im ersten Satz fließt Blut. Da wird jemand standrechtlich erschossen, in mehreren Forte-Salven, vielleicht: ein Zivilist? Die Hände auf dem Rücken gebunden? Die Stille der Generalpause ist schwer auszuhalten, erst recht die einsame Klage des Englischhorns (Thomas Herzog), die dem folgt. Zwar hatte die sowjetische Nomenklatura das Werk zunächst „Stalingrad“-Symphonie getauft und es für sich reklamiert.

Es aber später, als man bemerkte, wie schlecht düstere Ironie zur Siegespropaganda taugt, mit einem Aufführungsverbot belegt. Beeindruckend die fast beiläufige Notiz des Dramaturgen des RSB, Steffen Georgi, der sich erinnert, wie der lange Arm der brüderlich-russischen Zensur noch bis ins Jahr 1989 in Ostberlin reichte, als die gesamte Auflage einer Konzerteinführung zur Achten kurz vor Konzertbeginn geschreddert werden musste. So lang ist das noch nicht her. Und so nahe ist uns die Geschichte gerückt, in jüngster Zeit.

Die Tuba tritt in Dialog mit der Bratsche

Die russisch-britische Erfolgskomponistin Jelena Firssova, Jahrgang 1950, sucht dagegen Zuflucht vor dem Schrecken der Zeitläufte bei Johann Sebastian Bach. Sie ist derzeit „compositrice in residence“ beim RSB und gibt dem Orchester viele schöne Aufgaben. Ihr neues Bratschenkonzert, im Konzerthaus traumhaft tadellos zur Uraufführung gebracht von Nils Mönkemeyer, beginnt wie eine barocke Solo-Partita in C, mit Arpeggio, punktiertem Rhythmus, steil aufsteigender Zweiunddreißigste-Sextole, Triller und so fort.

Erst im zweiten Arpeggio wird es harmonisch etwas aufregender. Später verwandelt sich der Sologesang in ein veritables Konzertstück, das Orchester darf endlich Tutti spielen, ja, einzelne Instrumente konzertieren sogar mit Mönkemeyer im Dialog. Zuerst die Tuba (Fabian Neckermann), sehr witzig und virtuos. Dann Trompete, Horn etcetera. Eine Wohlfühlmusik aus dem vorigen Jahrhundert, sie hört sich, dank all dieser Spitzenorchestermusiker, richtig gut an.

Zum Auftakt dirigierte Vladimir Jurowski, perfekt dazu passend, eine Lamentomusik von Marko Nikodijevic, ebenfalls angeführt von gedämpftem Bratschenklang: lauter kurze Studien zu Anschlag und Nachhall, rund um Herzschlag und kleine Sekund, mechanisch geordnet.

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