Im kleinen, feinen Teatro Rossini in der Altstadt von Pesaro sitzen die Musiker auf Abstand - und die Zuschauer in den Logen. Foto: Studio Amati Bacciardi
© Studio Amati Bacciardi

Rossini Opernfestival in Pesaro Das Orchester sitzt im Parkett

Kirsten Liese

In Italien trotzen gleich mehrere Klassikfestivals vorsichtig der Pandemie. Ein Besuch des Rossini Opernfestivals in Pesaro, das mit der ersten Oper des Komponisten aufwartet.

Die ersten Erfahrungen werden noch gesammelt. Unter welchen Bedingungen lässt sich Oper mit Publikum Corona-konform in geschlossenen Räumen realisieren? Nach den Salzburger Festspielen, die mit zwei Opernproduktionen erfolgreich an den Start gingen, lotet das kleinere Rossini Opernfestival in Pesaro die Möglichkeiten innovativ aus.

Die komische Farce „La cambiale di Matrimonio“, die Gioacchino Rossini 1810 im Alter von 18 Jahren als seine erste Oper schrieb, bietet sich für die Ausnahmesituation geradezu an. Sie dauert nur 90 Minuten, musste also noch nicht einmal gekürzt werden wie Mozarts „Così fan tutte“ in Salzburg.

In Pesaro setzt sich der Kampf zur Erhaltung des Musiklebens in Italien fort, der damit begann, dass Riccardo Muti Mitte Juni das Ravenna Festival eröffnete. Zwischenzeitlich behaupteten sich weitere Festivals in Verona, Martina Franca und Montepulciano; meist nutzten sie Bühnen unter freiem Himmel.

Vom touristischen Normalbetrieb ist Pesaro, die kleine Hafenstadt an der Adria, in der Rossini 1792 geboren wurde, allerdings noch weit entfernt. An der beliebten Strandpromenade, an der sich sonst einer neben dem anderen sonnte, sieht man überwiegend leere Liegen und nur wenig Badende.

Vielleicht ist das auch ein bisschen der Grund, warum das traditionsreiche Rossini Festival darauf verzichtete, die große Adriatische Arena zu bespielen, eine hässliche Mehrzweckhalle mit vielen Plätzen.

Corona-Maßnahme: Das Publikum verteilt sich auf den Galerien

Für die Entscheidung ist man durchaus dankbar, verströmt doch das bezaubernde kleine Teatro Rossini in der Altstadt ohnehin den größeren Charme. Hier stellen sich die 38 Musiker des Orchestra Sinfonica G. Rossini mit einem Meter Abstand im Parkett auf, wo üblicherweise das Publikum sitzt, Zuschauerinnen und Zuschauer verteilen sich in den Logen auf den Galerien. Mit Rücksicht auf die begrenzten Platzkapazitäten wird für die Journalisten vor der Premiere eine separate Sonderaufführung anberaumt - jeder Medienvertreter hat eine  Loge für sich.

Die an Mustern der Commedia dell’arte orientierte Handlung von "La cambiale di Matrimonio" ist schnell erzählt: Ein habgieriger törichter Alter will seine Tochter gegen ihren Willen mit einem reichen Amerikaner verheiraten. Der aber schlägt sich unverhofft auf die Seite der unglücklichen jungen Frau, ernennt ihren mittellosen Liebhaber zu seinem Erben und stellt damit die Weichen für einen glücklichen Ausgang. Rossinis erste Oper ist stilistisch hörbar beeinflusst von Mozart, reich an hübschen Melodien und Ensembleszenen, mit seinem flotten Parlandostil und mehreren Strettas jedoch bereits ein typischer Rossini.

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Es fügt sich gut, dass für ein solches Jugendwerk überwiegend  Sängernachwuchs aus der in Pesaro ansässigen Accademia Rossiniana, einer der erfolgreichsten Talentschmieden Italiens, zum Einsatz kommt. Giuliana Gianfaldoni, Carlo Lepore, Davide Giusti, Iurii Samoilov sowie Pablo Gálvez und Martiniana Antonie in den kleineren Partien des häuslichen Dienstpersonals gefallen mit schlanken, profunden Stimmen und einer reifen Ensembleleistung, wie sie sich nur mit sorgfältiger Probenarbeit erzielen lässt. Jeder Einsatz, jeder Übergang, jede Zäsur und Tempoänderung unter der Leitung von Dmitry Korchak sitzen perfekt.

Ensemble mit Sängernachwuchs aus der Accademia Rossiniana: Iurii Samoilov und Carlo Lepore. Foto: Studio Amati Bacciardi Vergrößern
Ensemble mit Sängernachwuchs aus der Accademia Rossiniana: Iurii Samoilov und Carlo Lepore. © Studio Amati Bacciardi

Überraschend vermittelt sich besonders in den Rezitativen der Eindruck, als gereiche es der Musik zum Vorteil, dass die Musiker einmal nicht im Graben sitzen. Und die filigranen Klänge des Hammerklaviers entwickeln eine selten intensive Präsenz. Laurence Dale, der erstmals als Regisseur nach Pesaro gekommen ist, sorgt obendrein für eine ansprechende Ästhetikt, die man in den vergangenen Jahren hier bisweilen vermisste. Etwa bei der von Graham Vick inszenierten „Semiramide“ mit der Fototapete eines faltigen Greisengesichts als Einheitsbild.

Ein Komparse im Bärenkostüm backt schon mal die Hochzeitstorte

Dales lustvolle Inszenierung ist dem Biedermeier verpflichtet, mit einem sparsam möblierten Herrenhaus auf Gary McCanns Bühne. Bisweilen schiebt sich die Hauswand mit Blumenkästen davor. Das Ensemble agiert mit sichtlicher Spielfreude, ein paar Gags befeuern den Humor, allen voran ein Komparse im Bärenkostüm, der schon mal die Hochzeitstorte backt, während die übrigen noch diskutieren.

Statt vier Produktionen gibt es in diesem Jahr nur diese eine neue, in Koproduktion mit dem Royal Opera House Muscat in Oman. Auf der Piazza del Popolo unter freiem Himmel werden bis zum 20. August außerdem eine ältere Produktion von Rossinis "Il viaggo a Reims" und sechs Liederabende präsentiert. Aber nach der Komödie kehrt erst mal der Ernst zurück, mit der „Petite Messe solenelle“ auf der Piazza, ein Abend, der den Opfern der Pandemie gewidmet ist.  

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