Die US-amerikanische Band Haim beim diesjährigen Roskilde Festival. Foto: IMAGO/Gonzales Photo
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Roskilde-Festival 2022 Bessere Zukunft klingt gut

Silvia Silko

Soziale Verantwortung, echte Gemeinschaftsgefühle und große Acts: Das Roskilde Festival feierte in diesem Jahr sein 50-jähriges Jubiläum.

Ein Best of der letzten 50 Jahre hatten sich einige Fans des Roskilde Festivals zum Jubiläum erhofft. Einmal alle großen Klopper der vergangenen Dekade an einem einzigen Wochenende, von Patti Smith über Björk und Nick Cave bis zu Bruno Mars oder Cardi B.

Diese Hoffnung aber wurde enttäuscht: „Zurückschauen ist nicht so unser Ding“, sagt Mads Mikkelsen, Leiter für Kommunikation und Marketing beim Roskilde: „Wir wollen mindestens zeitgenössisch sein.“

Es ist noch früh am dritten Festivaltag, Mikkelsen trinkt Kaffee und sieht erstaunlich entspannt aus. Er hoffe, sagt er, später den heutigen Headliner Tyler, The Creator sehen zu können.

Zu dem Hip-Hop-Wunderkind gesellen sich bei der diesjährigen Jubiläumsausgabe des Festivals unter anderem die Pop-Durchstarterin Dua Lipa, Emo-Trapkünstler Post Malone, die Indie-Helden The Strokes oder die Verwandlungskünstlerin St. Vincent auf der großen Orange Stage.

Es geht hier auch um Klimawandel, Nachhaltigkeit und Gendergleichheit

„Eigentlich wollen wir aber nicht nur die Gegenwart zeigen, wir sehen uns als Inkubator für eine bessere Zukunft“, sagt Mikkelsen. Es geht um die Jugend, Gemeinschaft und Fortschritt. Entsprechend werden auf dem Roskilde Festival auch die Themen und Probleme verhandelt, die jüngere Menschen mit sich herumtragen: Klimawandel. Nachhaltigkeit. Und Gendergleichheit.

Wird in Deutschland Jahr für Jahr der eklatante Männerüberhang auf Festivalbühnen kritisiert, ist man hier längst ausgeglichen. „Das war bei uns natürlich auch nicht immer so, aber wir haben daran gearbeitet. Allerdings achten wir nicht auf Quoten, sondern auf Qualität", so Mikkelsen.

Die Strukturen in der Musikbranche, die Frauen den Weg auf die Bühnen in den letzten Jahrzehnten erschwert haben, sie werden zumindest hier langsam verändert – auch wenn das noch nicht auf allen Ebenen funktioniert.

Kim managt eine der größeren Roskilde-Bühnen. Er hat mit 21 Jahren angefangen auf dem Festival zu arbeiten, das ist dreißig Jahre her. „Ich habe sieben Techniker in meinem Kernteam, das sind alles Männer“, erzählt er. Unter den zahlreichen anderen Helfern finden sind auch hauptsächlich Männer.

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„Wir arbeiten aktiv daran, dass sich auch hinter den Kulissen was ändert“, sagt Mikkelsen. Das Roskilde-Festival unterstützt Initiativen und fördert Ausbildungsprogramme für junge Frauen, die in die Musikbranche wollen.

Natürlich ist auch in Roskilde nicht alles perfekt. Freiräume laufen immer Gefahr, missbraucht zu werden. 2017 wurde eine junge Frau auf dem Zeltplatz des Festivals Opfer sexueller Gewalt. Eine Gruppe Männer setzte sie unter Drogen und vergewaltigte sie beinahe. Sie hat aufgeschrieben, was ihr passiert ist. Graffiti-Künstlerin und Aktivistin Carolina Falkholt hat diese Worte in ein überdimensionales Kunstwerk übersetzt. Es heißt „Pussy Ass Peace“ und prangt dieses Jahr gut sichtbar an einer Hauswand.

„Wir wissen, dass sexuelle Gewalt auch bei uns passiert, und wir wollen aufklären und vorbeugen“, sagt Mikkelsen. Im Roskilde-Team wurde lange diskutiert, wie gute Kommunikation funktionieren, wie Sichtbarkeit für dieses Thema gelingen kann, ohne dass Betroffene retraumatisiert werden. Verschiedene Beratungsinitiativen haben das Festival unterstützt.

Auch andere Probleme geht man in Roskilde verstärkt an. Festivals sind Müllschleudern. Campingausrüstung wird gekauft, aufgebaut und stehengelassen, tonnenweise gibt es Verpackungsmüll und verdorbene Lebensmittel.

Die Strokes waren leider nicht in Form

Das Roskilde Festival vermietet etwa die nötige Campingausrüstung zu einem angemessenen Preis. Produktdesign-Studenten der Uni Kopenhagen wurden aufgefordert, progressive und umweltfreundliche Objekte zu konzipieren, die den Festivalaufenthalt nachhaltiger gestalten. So gab es einen Wettbewerb für die begehrtesten Campingplätze. Wer sich die schönsten Konzepte zum Wohle der Mitmenschen und der Umwelt überlegt hatte, bekam so einen zugewiesen.

Das Roskilde Festival genießt in Europa beispiellosen Sonderstatus. Es wird von Vereinen und unzähligen Freiwilligen unterstützt und arbeitet zu hundert Prozent als Nonprofit-Veranstaltung. Sämtliche Gewinne werden gespendet.

Finanziell nicht ganz so unabhängige Veranstaltungen haben dagegen natürlich eigene Herausforderungen. Doch kann man sich inspirieren lassen von der Stimmung, die durch den Grundgedanken der Gemeinschaftlichkeit und der sozialen Verantwortung ausgeht. Diese DNA nämlich ist es, die die grundlegend positive Atmosphäre des Roskilde-Festivals bestimmt.

Allerdings laufen nicht alle Besucher mit seligem Lächeln und Herzen voller Nächstenliebe über das Gelände. Einige der 180 000 Besucher wollen sich auch einfach nur mit Musik zuballern, trinken, bis in die Puppen feiern und sich am nächsten Tag verkatert im Zelt und eigenen Schweiß suhlen.

Manche kommen auch einfach nur wegen der großen Namen auf dem Line Up. Zu Haim in der Abendsonne tanzen, zu Ashnikkos Powerpop über die Kraft der Vagina nachdenken oder bei The Idles alles zerlegen – auch das geht super. Nur die Strokes dürften für ihre Fans eine Enttäuschung gewesen sein: Sänger Julian Casablancas hatte scheinbar einige Substanzen konsumiert, tauchte erst gar nicht auf der Bühne auf, und als er es tat, wirkte er eher mies gelaunt.

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