Kruger: „Deutsche Filme sind mir oft zu klein gedacht“

Regisseur Fatih Akin und Schauspielerin Diane Kruger gemeinsam bei den Bambis. Foto: Eventpress
Regisseur Fatih Akin über rechten Terror "Diese Gewalt betrifft uns alle. Nicht nur Kanaken"

Warum richtet sich die Wut im Film nur gegen die Neonazis und nicht gegen die Behörden?

AKIN: Die Polizei hatte in der NSU-Mordserie die falsche Fährte aufgenommen, das tut sie im Film auch. Ich habe darüber mit Hark Bohm, der beim Drehbuch geholfen hat, lange diskutiert. Würde die Polizei heute anders vorgehen als damals? Deswegen ist Nuri, Katjas Mann, auch ein vorbestrafter Drogendealer. Ich bin davon überzeugt, dass die Ermittlungen unter diesen Umständen heute, auch im Wissen um die NSU, genauso laufen würden. Das ist der wesentliche Unterschied zu den Opfern der NSU-Mordserie, die unschuldig waren und trotzdem verdächtigt wurden.

KRUGER: Ich habe mir diese Fragen nie gestellt, weil ich über die NSU-Hintergründe nur wenig wusste. Für mich ist „Aus dem Nichts“ ein Film über Trauer. Wie kann man sein Leben weiterführen, wenn einem alles genommen wird? Auch die Rache-Thematik führt letztlich zurück zu dieser Ausgangsfrage. Da spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Dschihadisten, einen Amokläufer oder um Neonazis handelt.

Frau Kruger, „Aus dem Nichts“ ist ihr erster deutscher Film. War es eine bewusste Entscheidung, auf eine solche Rolle zu warten?

KRUGER: Ich wollte unbedingt mit Fatih drehen. Mir war es aber auch wichtig, dass der Film kein rein deutsches Thema behandelt, sondern das Potenzial hat, international Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ich bekomme hin und wieder Angebote aus Deutschland, aber diese Filme sind mir oft zu klein gedacht.

Sie wurden in Cannes für ihre Rolle als beste Darstellerin ausgezeichnet. Bedeutet es Ihnen etwas, dass Sie für einen Film prämiert wurden, der ein so brisantes gesellschaftliches Thema angeht?

KRUGER: Eher unbewusst. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns an den Terror gewöhnt haben. Und wir neigen dazu zu vergessen, was das für Menschen bedeutet, die mit den Folgen dieser Realität leben müssen. Der erste Reflex ist meist die Frage nach den Motiven der Täter. Aber wir reden hier immerhin von neun Morden. Was ist mit den Opfern?

Die türkischstämmigen Hinterbliebenen der Mordserie wurden gleich zweimal zu Opfern gemacht. Sie verloren Familienangehörige und wurden aufgrund ihrer Herkunft kriminalisiert. Haben Sie darüber gesprochen, was es bedeuten könnte, dass in „Aus dem Nichts“ eine deutsche Frau die Opferrolle übernimmt?

KRUGER: Ich habe beim Lesen des Drehbuchs viel über Ressentiments nachgedacht. Dass man durch seine Herkunft diskriminiert werden kann. Oder Katja, die Drogen nimmt, um ihren Schmerz zu vergessen und sich damit selbst verdächtig macht.

AKIN: Wie gesagt, der Film ist keine Aufarbeitung der NSU-Morde. Das ist auch das markanteste Statement: dass das Opfer eine Deutsche ist und keine Türkin. Es betrifft jede und jeden, nicht nur „Kanaken“, sondern auch Weiße.

Sie wollten die Hauptrolle ursprünglich mit Denis Moschitto besetzen, der jetzt Katjas Anwalt spielt.

AKIN: Das war ein frühes Drehbuch-Stadium. Irgendwann hatte mich das, was ich geschrieben hab, gelangweilt. Als ich mich für eine weibliche Figur entschied, lösten sich automatisch auch einige dramaturgische Probleme.

Türkischstämmige Künstler stehen in Deutschland seit Erdogans Verfassungsreferendum unter Beobachtung. Gab es Reaktionen aus der Türkei darauf, dass Sie im Film aus türkischen Opfern eine Deutsche gemacht haben?

AKIN: Bisher nicht. Und der Film lief schon auf türkischen Festivals.

Glauben Sie, dass Erdogans Politik die türkische Community in Deutschland spaltet, wie nach dem Referendum im April gemutmaßt wurde?

AKIN: Ich glaube nicht, dass der Einfluss von Recep Tayyip Erdogan in Deutschland so groß ist. Der innertürkische Konflikt wird sich nicht auf Deutschland ausweiten, die Türken hier sind anders sozialisiert. Das Wahlergebnis des Referendums hat realpolitische Hintergründe. Die Türken sind sehr pragmatisch, sie wählen die Partei, von der sie sich einen persönlichen Vorteil versprechen. Auch der Kemalismus war – lange vor Erdogan – eine halb faschistische Angelegenheit. Die Anhänger haben teilweise den Völkermord an den Armeniern geleugnet – und trotzdem die SPD gewählt. Man muss nicht alles auf die politische Goldwaage legen.

Das Gespräch führte Andreas Busche.

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