„Der große europäische Bürgerkrieg darf sich nicht wiederholen“

Andreas Nachama, 67, ist Historiker, Publizist, Rabbiner und Direktor der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin. Foto: Jürgen Sendel/Stift. Topogr. d. Terrors
Rabbiner Andreas Nachama „Die Radikalisierung kam nicht über Nacht“

Hätten Sie je gedacht, dass rechtsradikale oder antisemitische Parolen wieder aus der Mitte der Gesellschaft zu hören sind?

Ich bestreite, dass rechtsradikale Positionen jetzt tatsächlich salonfähig werden. Sie stehen derzeit im Fokus einer zu Recht kritischen Berichterstattung. Solche Phasen hat es in der Bundesrepublik alt bis 1989 und neu ab 1990 immer wieder gegeben. Das macht die Sache nicht besser, aber ich rate zu großer Gelassenheit. 1,3 Millionen Besucher pro Jahr in der Topographie des Terrors zeigen, dass es ein großes Interesse an der Geschichte gibt. Die Menschen wollen verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass dieser Kontinent auf einmal in Schutt und Asche lag, dass es so gut wie keine Familie in Europa gab, die keine Opfer zu beklagen hatte – seien es gefallene Soldaten, seien es Ermordete im Holocaust. Ich glaube schon, dass Europa daraus Lehren gezogen hat und auch für die Zukunft ziehen will.

Wie sehen Sie die jetzige Ausstellung im Kontext der Arbeit in der Topographie des Terrors?

Wir werfen jetzt auch einen schärferen Blick auf die Täter und die in Teilen ausgebliebene juristische Aufarbeitung. Die Kristallnacht belegt eindrücklich, dass der millionenfache Mord an den Juden in Auschwitz und anderswo nicht „vom Himmel fiel“. Vom Judenboykott am 1. April 1933 über den 9. November 1938 bis hin zu einer industriellen Massenvernichtung kann man die Radikalisierung sehr deutlich ablesen; sie kam eben nicht über Nacht. Das war zum Beispiel in Griechenland, das nachts von der Wehrmacht besetzt wurde, oder in anderen überfallenen Ländern eine ganz andere Situation. Hier in Deutschland hat es einen langen Vorlauf gegeben. Auch der Mord an den europäischen Juden geht auf diese Entwicklung zurück; auch diese Täter mussten sich erst einmal radikalisieren. Also haben auch viele Menschen gesehen, was da passierte. Etwa die Hälfte der Juden aus Deutschland konnte sich noch durch Immigration in Sicherheit bringen. Polen dagegen wurde überfallen; da gab es keinen Vorlauf. Aus diesem Grund waren dort die Opferzahlen auch so hoch.

Wie sehen Sie im Rückblick die Entwicklung der Erinnerungskultur?

Vonseiten der Opfer hat es sehr früh ein Gedenken gegeben. Das gilt aber auch für die Erinnerung durch Nicht-Juden. Auch da waren schon früh Initiativen tätig, die den entscheidenden Ausschlag gaben. Die Ende der 40er Jahre gegründete Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit etwa ist eine der ältesten Bürgerinitiativen Deutschlands. All das hat eine Gedenkkultur „von unten“ entstehen lassen. Auch für ein staatliches Gedenken waren solche Initiativen im Grunde der Auslöser. Die Topographie des Terrors gäbe es ohne die Bürgerinitiative um das Gestapo-Gelände und das Aktive Museum ebenfalls nicht.

Wie können wir in die Zukunft blicken und die Erinnerung trotzdem wach und vor allem lebendig halten?

Wir sind auf einem relativ guten Weg: Es gibt Stolpersteine, kirchliche und staatliche Erinnerungsorte. Oft haben Zeitzeugen an ihrer Entstehung mitgewirkt. Hinzu kommen Erinnerungstage – und natürlich die persönlichen Erinnerungen einzelner Familien. Aber auch die riesigen Soldatenfriedhöfe sind ein Erinnerungszeichen. Wer sie sieht, begreift, dass da eine ganze Generation nahezu ausgelöscht wurde.

Wenn Sie mit jungen Deutschen über das Thema sprechen, reagieren dann jüdische Deutsche anders als ihre nicht jüdischen Altersgenossen?

Schwer zu sagen; so verlaufen diese Diskussion nicht. Es gibt eher Unterschiede in der Erinnerungskultur der Deutschen – jüdisch wie nicht jüdisch – im Vergleich zu der von Israelis oder Amerikanern. Da merkt man, wie unterschiedlich die Dinge reflektiert werden. Viele meinen, durch Europa gehe ein Erinnerungsriss zwischen West und Ost. Ich sehe das anders. Wenn wir das 20. Jahrhundert als das begreifen, was es war – dieser große europäische Bürgerkrieg –, müsste allen klar sein: So etwas darf sich im 21. Jahrhundert nicht wiederholen. Das eint Europa.

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt.

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