Das Verbier-Festival findet vor faszinierender Kulisse statt. Foto: Francesca Sagramoso
© Francesca Sagramoso

Probleme beim Verbier-Festival Klassik nach Plan B

Beim Verbier-Festival in den Schweizer Alpen musste das Festivalorchester aufgrund von Corona-Infektionen aufgelöst werden.

Kulturveranstalter brauchen in diesem Sommer wieder starke Nerven. Vor allem dann, wenn die beteiligten Künstler aus aller Welt anreisen. Dass das Coronavirus so manchen gut durchdachten Plan durchkreuzen kann, bekommt momentan das Verbier Festival in den Schweizer Alpen zu spüren. 2020 wurde das von Schweizer und russischen Sponsoren geförderte Festival überraschend früh, nämlich schon im März, vollständig abgesagt. Als sich die Pandemielage dann in diesem Frühjahr vielerorts zu entspannen schien, hoffte man auch in Verbier auf eine Rückkehr zu einer gewissen Normalität. Eine Woche vor dem Festivalbeginn begann sich das Blatt jedoch zu wenden.

Betroffen war ausgerechnet das Festivalorchester VFO. Dessen Mitglieder im Alter zwischen 18 und 28 Jahren treten in dem Walliser Bergdorf mit namhaften Dirigenten und Solisten auf. Als Infektionen innerhalb des Orchesters auftraten, mussten die Proben jäh abgebrochen werden. Die etwa hundert Musiker:innen aus Ländern wie den USA, Brasilien, China, Südkorea, Russland, Australien, Spanien oder der Schweiz kamen in Quarantäne, die rund 20 Infizierten wurden zusätzlich isoliert.

Um den Ausbruch des Virus in Schach zu halten, wurden die reisefähigen Musiker noch vor Beginn des Festivals eilends nach Hause geschickt. Die Enttäuschung war groß, zumal manche von ihnen aufgrund der Einreisebestimmungen direkt nach der Ankunft in der Schweiz bereits in Quarantäne gewesen waren.

Der Saal ist nur zu einem Drittel besetzt

Dass der Eröffnungsabend dennoch nicht ins Wasser fiel, war dem Kammerorchester des Festivals zu verdanken. Die Formation, der ehemalige VFO-Musiker angehören, kam erst später nach Verbier und hatte somit keinen Kontakt zu Infizierten und Verdachtsfällen.

Es dirigierte Valery Gergiev, der zu einem für den 9. Juli angekündigten Konzerte mit den Münchner Philharmonikern bei „Klassik am Odeonsplatz“ nicht aus Russland nach Deutschland hatte einreisen dürften. Der russische Pianist Denis Matsuev meisterte technisch souverän Beethovens Klavierkonzert Nr. 3. In Schostakowitschs erstem Klavierkonzert führte er einen ungewöhnlichen Dialog mit Timur Martynov, dem Solotrompeter des St. Petersburger Mariinsky-Orchesters.

Die Salle des Combins, die jedes Jahr wieder neu aufgebaut wird und eigentlich 1700 Besuchern Platz bietet, kann aktuell aus Sicherheitsgründen nur zu zwei Dritteln besetzt werden. Bei allen Veranstaltungen besteht außerdem durchgehend Maskenpflicht.

Das Publikum reagiert euphorisch

Der Applaus im Saal verriet, dass der Kulturhunger des Publikums nach der langen Zwangspause übergroß war. Tags darauf steigerte sich der Beifall nach einem Konzert des Kammerorchesters mit seinem langjährigen Chef Gábor Takács-Nagy und dem Geiger Josef Špacek zu einem wahren Begeisterungssturm. Die Spielfreude der Musiker, die Mozarts Violinkonzert KV 216 und Beethovens 8. Sinfonie aufführten, übertrug sich im Nu auf die Zuhörer. Bei einem Klavierabend in der Kirche von Verbier wurde der 88-jährige Pianist Joaquín Achúcarro für seine eindrücklichen Brahms-Interpretationen mit Ovationen gefeiert.

Hinter den Kulissen arbeiten die Organisatoren derweil weiter fieberhaft am Plan B. Nicht ohne Grund. Die Pianistin Maria João Pires musste „aus persönlichen Gründen“ kurzfristig ihren Auftritt absagen. Inoffiziell war zu erfahren, dass sie als Kontaktperson eines Corona-Infizierten unter Quarantäne steht. Für sie sprang ein Newcomer ein. Jonathan Fournel, der in diesem Frühjahr den renommierten Concours Reine Elisabeth in Brüssel gewonnen hat.

Auch in den nächsten Wochen muss das Festival darauf gefasst sein, dass sich die pandemiebedingte Achterbahnfahrt fortsetzt. Der Ausfall des VFO hat bereits Lücken hinterlassen, die nicht alle geschlossen werden können. Das Orchester sollte an sechs Abenden auf die Bühne gehen, unter anderem für eine konzertante Aufführung des zweiten Akts von Wagners „Tristan und Isolde“ unter Leitung von Daniele Gatti.

Zur Startseite